Leif Randt: Planet Magnon

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Erfrischend: Leif Randt’s Roman trägt sich nicht in Berlin oder Buxtehude zu, Randt erfindet kurzerhand ein eigenes Sonnensystem. Dem Leser begegnen jedoch keine Aliens, sondern Menschen in einer Gesellschaftsstruktur, die unserer eigenen nicht unähnlich ist. Randts literarische Welt: ein Paralleluniversum.

Das Sonnensystem, das der Rezipient aus der Ich-Perspektive des Protagonisten Marten Eliot kennenlernt, ist geprägt von verschiedenen Kollektiven, welche ihren Mitgliedern Werte und einen spezifischen Habitus vermitteln: vom spezifischen Sprechakt über die Konzeption von Liebe bishin zu Gemeinschaftsriten und Ernährungsweisen ist die erzählte Gesellschaft durchstrukturiert. Über allem schwebt die Actual Sanity (AS), ein Computersystem, das seit ihrer Installation die Geschichte und Zeit beschleunigte, bei der Regulierung des Sozialsystems durch die Auswertung von Statistiken maßgeblich mitwirkt und ein neues Zeitalter begründete.  Marten Eliot gehört dem Kollektiv der Dolfins als „Spitzenfellow“ – einer Art stereotyper Vorzeige-Repräsentant – an, einem pragmatisch-neuzeitlichem Kollektiv, dass eine Selbstdefinition verweigert, um sich immer wieder neu erfinden und anpassen zu können. Im Zuge der PostpragmaticJoy-Theorie ist es das Ziel des Kollektivs von Marten, die größtmöglichste Lebensqualität für ihre Fellows zu garantieren, die sie durch Entspannungsübungen und Drogenexperimente erreichen sollen. Unter den konsumierten Flüssigkeiten ist auch das titelgebende, kupferfarbende Magnon, dessen Wirkung Marten als „eine Mischung aus enormer Objektivität und großer Emotion“ beschreibt. Zusammen mit seiner Kollegin Emma bereist er die Planeten des Sonnensystems, um die Dolfins zu repräsentieren und neue Mitglieder zu werben. Doch nachdem es zu einer Reihe von anschlagartigen Zwischenfällen kommt, die einem neuen, unbekannten Kollektiv zugeschrieben werden, stellen Marten und Emma Recherchen an, um mehr über die Absichten des Kollektivs der gebrochenen Herzen, den Hanks, zu erfahren.

Leif Randt’s Roman ist keine Ermittlungsgeschichte und auch kein Sci-Fi Krimi, sondern ein gelungenes Stück literarische Fiktion einer komplexen, dystopischen Welt. Zwecks der Übersichtlichkeit findet der Leser im Einband eine wirklich schöne Abbildung des Sonnensystems sowie einen Glossar am Ende des Buches, dessen Lektüre sich nicht nur während, sondern auch nach der Lektüre lohnt: er beinhaltet Informationen über Details, die aus dem Romantext selbst nicht hervorgehen und das Sonnensystem im Nachhinein noch runder erscheinen lässt. Konsequent: Das neue, unbekannte Kollektiv der Hanks findet sich nicht im Glossar.

Stilistisch bemerkenswert ist der gewählte Präsens-Tempus.

Ein kleiner Exkurs: Präsensromane, das heißt fiktionale Texte, die größtenteils im Tempus des Präsens verfasst sind, sind ein Phänomen des 20. Jahrhunderts und vor allem seit der Postmoderne ein beliebtes Stilmittel. Das Präsens wurde in der Literatur erst langsam fiktionalisiert; Käthe Hamburgers Theorie der tempusstrukturellen Fiktionalität konstatiert, dasss nur retrospektive Er-Erzählungen fiktionalen Status erlangen können (und ist nicht unumstritten!), lange Zeit ist der Gegenwarts-Tempus ein Signal für den Wirklichkeitsbezug („es ist so“), der in nicht-fiktionalen Genres wie Berichten und Protokollen Verwendung findet. In der Romantik und und auch um die Jahrhundertwende ist das im Präsens erzählende Ich bereits im Trend, in diesem Kontext jedoch fest verbunden mit dem Wahnsinn und der Unzurechnungsfähigkeit des literarischen Ichs.

Leif Randt stellt sein Können gerade durch die Wahl des Präsens unter Beweis: das überwiegende Präsens suggeriert in der „fremden Welt“ des fiktionalen Sonnensystems eine gewisse Wirklichkeit und Selbstverständlichkeit. Die präsentische Erzählform gleicht dem beschriebenen, berauschenden Magon: sie suggeriert Objektivität und Emotion zur gleichen Zeit. Das Präsens „beschreibt“ in nicht-fiktionaler Facon und wirkt so wertfrei und wirklichkeitsnah, also objektiv, während die Ich-Nähe und das ins Kollektiv abgleitende Wir ein gewisses emotionales Potenzial in sich birgt.

Aber auch Marten Eliot, das erzählende Ich, erscheint von Beginn an – im Gegensatz zur alles überwachenden ActualSanity – nicht bei Verstand. Ganz im Sinne der Konnotation der Spätromantik bzw. Frühmoderne ist der Protagonist wahnsinnig, wirkt gebrainwasht durch das System: „Du wirst ein großer Dolfin sein, Marten. Du ahnst es längst. Du bringst den Neubeginn. Bleib jedoch wachsam. Man wird dich beneiden, man wird versuchen, dich aufzuhalten. Beobachte die, die dir am nächsten stehen, und spiele immer dein eigenes Spiel.“ Diese Worte werden dem noch jungen Marten am Ende des Epilogs eingeflüstet, sie scheinen den Wahnsinn zu begründen, der durch die strengen Vorgaben des Kollektivs weiter verfestigt werden.

Ein bedeutender Bestandteil scheint in diesem dystopischen Gehirnwäsche-Vorgang die Werbung zu spielen. Sie ist durchgängig eine thematische Konstante des Romans und wirkt paradox: Obwohl die Dolfins stets Pragmatik und Objektivität fordern, nutzen sie und die Gesellschaft die Mittel der Werbung, um die Individuen zu beeinflussen. Wird hier die Realität problematisiert? Vielleicht, aber es zeigt sich vor allem die Nähe zwischen Werbewelten und einerseits utopischen Welten (beide beschönigen und repräsentieren das Positivste) und andererseits auch dystopischen Welten (stetige, allgegenwärtige Kontrolle und Beeinflussung).

Leider haben die meisten mit dem Denken aufgehört, weil sie glauben, dass irgendwer ihre Handlungen schon verstehen wird.

Am Ende findet Marten Eliot das Kollektiv der gebrochenen Herzen, die Hanks, und deren Grundsätze muten weniger absonderlich und mehr von dieser Welt an, als die vormals beschriebenen. Randts Roman entlässt einen ein wenig ratlos – im positivsten Sinne, vielleicht ein wenig wie Clemens Setz’s Indigo. Planet Magnon ist ein gelungener, faszinierender und spannender Roman mit ganz eigenem Sound. Mehr davon, bitte!