Liebe (er)zählen: Monique Schwitters „Eins im Andern“

Schwitters

Anfang August erschien Monique Schwitters neuer Roman Eins im Andern, aus dem die in Hamburg lebende Schweizerin bereits Anfang Juli beim diesjährigen Bachmann-Wettlesen in Klagenfurt vorlas [hier geht es zum vorgetragenen Auszug aus dem sechsten Kapitel des nun erschienenen Romans], einhellig positive Rückmeldung erhielt, aber trotzdem keinen der Preise gewann. Nun hat es Schwitters Roman auf die Longlist des Deutschen Buchpreises geschafft. Das Autoren-Ich, aus dessen Perspektive erzählt wird, rekapituliert im Alter von etwa vierzig Jahren als Ehefrau und Mutter die Lieben ihres Lebens und was davon blieb. Von zwölf Männern berichtet Eins im Andern, die unterschiedlicher nicht sein könnten. Der Leser begleitet das Ich, die Schriftstellerin des Textes [aber nicht Monique Schwitter], in unmittelbarem Erzählmodus bei ihrer Reise in die Vergangenheit und bei ihrem Nachdenken über die Liebe: zu Männern, ihren Söhnen und ihrer Hündin. 

„Wie viele Lieben hat man?“, fragt das Ich im ersten Viertel des Romans, und Eins im andern gibt in seiner Beschaffenheit eine klare Antwort darauf: zwölf. In zwölf Kapiteln, die jeweils einem Mann zugeschrieben sind, denkt das Autoren-Ich, aus dessen Perspektive erzählt wird, über ihr bisheriges (Liebes-)Leben nach: „Petrus, dann Andreas: der Beginn einer Reihe, wenn wir die Namen ernst nehmen, einer Zwölferreihe, zwölf Namen, zwölf Männer. Einer nach dem anderen.“ Als Anstoß dazu dient eine simple Google-Suche nach ihrer Jugendliebe Petrus, die sie mit seinem Selbstmord konfrontiert. Zeitgleich wird auch die Gegenwart des Ich erschüttert: ihr Mann, mit dem sie zwei Söhne hat, ist spielsüchtig und hat das gesamte Vermögen der Familie verspielt. Die beiden Krisen führen zum Nachdenken über die Liebe, im Allgemeinen und im Konkreten. Dabei verbindet das Ich nicht mit allen zwölf Männern tiefgehende Gefühle oder langjährige Beziehungen: hier stehen One-Night-Stands neben der platonischen Liebe zum besten Freund, zwölfjährige Lebenspartnerschaften neben flüchtigen Begegnungen.

Eins nach dem anderen, murmle ich, als ich mir in der Küche einen Kaffee mache, eins geht ins andere über, eine Liebe in die andere. Oder bleibt die Liebe immer dieselbe, bleibt sie sich treu? Ändern sich nur ihre Gefäße?

Die Männer, um die es geht, tragen die Namen der zwölf Aposteln. Manche scheinen wirklich den entsprechenden Namen zu tragen, andere benennt das Autoren-Ich, das erzählt, kurzerhand um, um sie in die Reihe „einzupassen“. Zwölf Männer, zwölf Zeugen des Wunders der Liebe? Immerhin wäre die Zahl zwölf in der christlichen Tradition eine heilige Zahl, die für die Begegnung Gottes mit allem Irdischen steht. Und eine göttliche Begegnung, einen Schutzpatron, scheint das Ich zu brauchen. Als sie im ersten Kapitel während eines apokalyptischen Schneesturms à la Adalbert Stifter Schutz in einer Kirche sucht, in der eine übergroße Statue des heiligen Christopherus – Schutzpatron der Reisenden [und Suchenden?] – stehen soll, sind die Türen verschlossen.
Die christlich-theologische Allegorie zieht sich als Konstante durch den Text und steht im Kontrast zu den Alltagsszenen, die das Ich im Präsensmodus wirklichkeitsgetreu beschreibt.

Das Leben spielt nicht mit. Es drängt sich herein in mein Buch und greift nach der Handlung. Selbst schuld, wenn man glaubt, mann könnte das Leben schreibend bändigen, ordnen, vorführen, selber schuld, wenn man glaubt, man könnte die Liebe packen, untersuchen und – vor allem – verstehen!

Während die zwei Erzählebenen – das Ich der Gegenwart, das seine erste Liebe googelt und das die Vergangenheit rekapitulierende Ich, das im Präteritum von vor zwanzig Jahren berichtet – zunächst strukturell durch Absätze und den zeitlichen Modus getrennt sind, fallen beide Erzählebenen nach etwa einem Drittel des Textes immer näher zusammen. Thomas, über dem im fünften Kapitel erzählt wird, ist beispielsweise ein Leser, der sich beim Autoren-Ich nach einer Lesung meldet.

Überhaupt ist der Roman nicht nur ein Text über die Liebe, sondern ein Text über das Schreiben eines Romans. Immer wieder berichtet das Ich im Präsens vom Schreibprozess und seinen Bedingungen, vom Arbeitsalltag einer Schriftstellerin. Das Buch, welches das Erzähler-Ich in Eins im Andern schreibt, ist das Buch, das der Rezipient in der Hand hält, eben Eins im Andern: Im Text selbst gibt es Verweise auf die Paratexte des Romans, das Ich liest zum Beispiel bei einer Lesung Ähnlich schnell, wie ein Mensch geht, das ebenfalls das erste Kapitel von Eins im Anderen ist.

Diese Selbstreferenzialität im Text ist handwerklich äußerst interessant und spielt mit der Vermutung, dass hier Monique Schwitter selbst als Ich zum Leser spricht. Weitere Argumente wären die biographischen Parallelen zwischen Autorin und ihrer Erzählinstanz: beide sind in Zürich geboren und aufgewachsen, beide studierten in Salzburg Schauspiel und Regie, beide leben in Hamburg. Dennoch: das Ich warnt selbst vor einer solchen Gleichsetzung: „Warum aber ist Ähnlich schnell, wie ein Mensch geht der falsche Text? […] Weil das Publikum dazu neigt, eine Icherzählerin für die Autorin zu halten, eine Neigung, die sich verstärkt, wenn die Autorin ihren Ich-Text auch noch selbst vorliest.“

Als ein wesentlicher Schlüssel zum Roman dienen die Paratexte: Das dem eigentlichen Romantext vorausgestellte Inhaltsverzeichnis mit dem Titel „Was, wann, wo“ gibt mehr Informationen zum Erzählten als der Romaninhalt selbst. So lassen sich die Handlungsorte zwar jeweils erschließen und auch die Namen der jeweiligen Aposteln werden im Kapitel genannt, aber der Zeitpunkt des Erzählten ist aus dem eigentlichen Text nur selten zu schließen.

Ein Irritationsmoment des sonst so runden und handwerklich gut strukturierten Romans von Monique Schwitter ist dem letzten, zwölften Kapitel eingeschrieben. Der zwölfte Apostel, folgt man dem Neuen Testament, ist Judas. Es ist das einzige Kapitel von Eins im Andern, das nicht den entsprechenden Apostelnamen trägt, sondern mit „Du“ im Inhaltsverzeichnis überschrieben ist. Das adressierte „Du“, der Verräter? Wer hat den Verrat an der Liebe geübt? Während der Lektüre des Romans wäre zu erwarten gewesen, dass man hier eventuell mehr über das Ich erfahren werde, über seine Geschichte vor der Liebe vielleicht. Aber dann wird sich mit einem Mal auf einen vor zwanzig Jahren verstorbenen Bruder bezogen, der vorher keine Erwähnung fand. Das Ich redet zwar während des Romans konstant mit einem Toten, das ist aber Petrus, der Selbstmörder des ersten Kapitels und ihre Jugendliebe – das Finale wirkt fremd und dem restlichen Text nicht ganz zugehörig.
Doch das täuscht nicht darüber hinweg, dass Monique Schwitter mit Eins im Andern einen klugen und poetischen Roman über die Liebe vorgelegt hat, der seinen Platz auf der Longlist durchaus verdient.


Aus Gründen der Transparenz sei an dieser Stelle darauf hingewiesen, dass diese Besprechung auf einem Rezensionsexemplar basiert, das uns vom Droschl-Verlag freundlicherweise kostenfrei zur Verfügung gestellt wurde. Dies hat selbstverständlich keinen Einfluss auf die Rezension des Romans. 

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