Lisa Hallidays „Asymmetry“: Kein Anschluss unter dieser Nummer

Philip Roth hatte jahrelang teuflische Rückenschmerzen. Philip Roth zog im hohen Alter nach New York. Philip Roth war jüdisch und kam aus New Ark. Roth liebte Essen aus dem Deli. Er hatte ein Faible für die europäischen Schriftsteller, allen voran Kafka und Thomas Mann. Philip Roth hatte wohl selbst damit gerechnet, dass er irgendwann mal den Nobelpreis erhält. Und Philip Roth hatte einen feinen Humor. All das wusste man über Philip Roth und es bestimmte sein öffentliches Bild. Man meinte dies auch zu wissen, weil Roth diese Themen immer wieder selbst in seinen Romanen thematisiert hat und dutzende Figuren geschaffen hat, allen voran Nathan Zuckerman, die immer wieder zu Alter Egos erklärt wurden. Roth öffentliches Bild war also immer ein Amalgan aus der historisch verbürgten Person und verschiedenster literarischer Figuren. So scheint es folgerichtig, dass der US-amerikanische Schriftsteller in Lisa Hallidays „Asymmetry“ nach seinem Tod als Figur wieder auftaucht.

Dass das so einfach dann aber doch nicht ist, sollte zwar eigentlich allen klar sein, die meisten Rezensionen sprechen dann doch sehr freimütig darüber, dass es in diesem Roman unter anderem um Philip Roth geht. Denn zunächst betritt der Leser hier einen Roman, der einen Fiktionalitätsanspruch stellt, und trifft dort auf eine Figur namens Ezra Blazer. Der wird als Schriftsteller beschrieben, der nicht mehr der Jüngste ist und begegnet eines Tages in einem Café Alice (eigentlich: Mary-Alice, was dem jüdischen Schriftsteller noch einige Freude bereiten wird). Sie kommen ins Gespräch, sie stellt sich als Verlagsmitarbeiterin raus und es entwickelt sich ein amouröses Verhältnis.

Alice was beginning to get very tired of all this sitting by herself with nothing to do […]

Auch in diesem Umstand treffen sich wieder Fiktion und Realität, denn (als hätte man es nicht schon häufig genug gelesen) Lisa Halliday hatte ein Verhältnis mit Philip Roth, Anfang der Nullerjahre. Das wurde von der Rezension mal genüsslich ausgebreitet, mal gar zum Schlüssel zum Verständnis erklärt. Natürlich wäre es töricht, diese Dimension völlig auszublenden, schließlich gehört zum Spiel der Authentizität auch immer die antizipierte Reaktion seitens der Rezeption. Doch versucht man dennoch alles, was man über Philip Roth und Lisa Halliday weiß, wegzulassen, präsentiert sich im ersten Teil von „Asymmetry“ eine klassische alter Mann/junge Frau-Geschichte, wie man sie aus hundert Woody Allen-Filmen kennt und eben auch von Philip Roth.

„You don’t like the Mary part.“
„Do you?“

Halliday macht mit ihrem ersten Teil also zweierlei: Sie schafft ein, trotz aller bösen Spitzen und Lächerlichkeit, immer auch liebevolles Portrait eines fiktiven Philip Roths. Und gleichzeitig schreibt sie sich in eine literarische Tradition ein, die von ungleichen, asymmetrischen Verhältnissen erzählt. Was Halliday darüber zu erzählen hat, ist von Faszination und wachsender Abhängigkeit geprägt. Blazer ist zunächst darauf bedacht, die junge Alice nicht zu nah an sich heranzulassen, nur um sie dann immer weiter in seinen Alltag hereinzuziehen – er lässt sie Besorgungen erledigen und zeigt sich gleichzeitig erkenntlich: „‘I want to pay off your college loans.‘“ Er vergrößert nach und nach seine sanfte Art der Dominanz („‘You’re a brave girl. You’ve had a shock. Just remember: I’m here, I’m fine, I have the warmth and comfort of my bed.‘“ was unweigerlich viele Rezensenten mit der #metoo-Debatte in Verbindung brachten.

„Alice.“
„Who likes old stuff. See you around.“

Auch wenn im ersten Kapitel viel über Machtverhältnisse erzählt wird, tragen die beiden auch einen anderen Disput aus, der sich mehr und mehr auf die poetologische Ebene verlagert. Das wird spätestens dann deutlich, als Ezra Alice sagt, dass man beim Schreiben immer ganz bei sich bleiben muss und alles Äußere wie Weltgeschehen, Politik, Gesellschaft keine Rolle spielen dürfe.

Das ist für den Roman dann schließlich auch Anlass, in das zweite Kapitel überzugehen, in dem von dem irakisch-amerikanischen Amar erzählt wird, der am Flughafen in London als Josef K. in den Mühlen der britischen Einreisebehörden verlorenzugehen droht. Dabei lässt er seine Familiengeschichte Revue passieren und schließlich auch die amerikanische Invasion des Iraks. Halliday lässt Amar die Frage nach der kulturellen Ignoranz stellen („Who are these people and why are they so suddenly so interested in bringing us freedom?) und verknüpft dies mit der Vermutung, dass die schriftstellerische Annäherung an Amar möglicherweise eine zweite kolonialistische Invasion fremder Sphären ist.

EZRA BLAZER: Our memories are no more reliable than our imaginations, after all.

„Asymmetry“ sticht damit in das Herz einer sehr zeitgenössischen Diskussion, die danach fragt, was authentisches Erzählen ist. Die Antwort vieler (und auch die von Ezra Blazer) wäre, dass man nur davon authentisch erzählen kann, mit dem man vertraut ist. Wie verfehlt solche authentischen Erwartungen an literarische Texte sind, führt die Autorin schon in ihrem ersten Kapitel immer wieder vor, z.B. wenn Kommunikation verunklart wird. Immer wenn Ezra Blazer anruft, erscheint auf dem Display nur: „CALLER ID BLOCKED.“ Das erinnert stark an die Texte von Thomas Glavinic, in denen Kommunikationssituationen auch immer wieder missglücken (z.B. wenn sein Namen zehnmal falsch ausgesprochen wird).

„There’s an expression chess players use to clarify that a piece is only being adjusted in its place, not yet moves to another square.“

Insofern hat Sarah Pines in ihrer Kritik ganz recht, wenn sie schreibt: „Lisa Halliday hat ein Buch geschrieben, das uns unser chauvinistisch-voyeuristisches Leseverhalten vorspiegelt, indem es uns zwingt, es zu vollziehen.“ Lisa Halliday macht erst den Blick durch das Schlüsselloch möglich, um den Leser schließlich die Tür vor den Kopf zu knallen. Denn die authentischste aller literarischen Schreibweisen sind immer noch jene, die den Menschen an den Punkt führt, wo er sich mit seiner eigenen Verlorenheit auseinandersetzen muss. Somit ist Amar wohl der eigentliche Protagonist dieses Buches, was umso deutlicher wird, wenn zunächst das Alte überwunden wird.