Literarisches Quartett: In der Fernsehhölle geht (noch) nichts auf

Foto: Screenshot aus der Sendung "Das Literarische Quartett" vom 2.10.2015 im ZDF

Fernseh-Piloten sind eine prekäre Sache: Auf der einen Seite sollen sie Zuschauer gewinnen und den Ton für folgende Episoden setzen, auf der anderen Seite muss sich genau dieser Ton meist noch finden. Oftmals haben die großen Fernsehsendungen grauenhaft-langweilige Anfänge. Gestern Abend war es schließlich soweit, das Literarische Quartett wurde aus den Untiefen des ZDF-Archiv geborgen und neu aufgesetzt. Langweilig war es nicht, aber der Zuschauer merkte jede Minute: Hier muss sich noch einiges zurechtruckeln, auch weil das ZDF für jede mutige Entscheidung doppelt so viel Mutlosigkeit zeigt.

Die Besetzung des neuen Quartetts war früh bekannt und ließ aufhorchen. Dem versierten Literaturkenner Volker Weidermann ist es irgendwie gelungen, Maxim Biller an den Fernsehräten vorbei in die Sendung zu schmuggeln. Doch dieser kühne Streich kommt mit einem Preis daher: Christine Westermann. Die routinierte Talkerin vom WDR mochte sich nicht so richtig in das Bild einer Sendung einfügen, die sich früher dadurch auszeichnete, dass sie von großen Literaturkritiker getragen wird. Dies ergab schon vor der Ausstrahlung der ersten Sendung ein merkwürdiges Bild von Personalpolitik, die Helmut Böttiger mit der Muppet-Show verglich. Für den wechselnden vierten Diskutant wurde für die erste Sendung Juli Zeh auserkoren, professionelle Talkshow-Teilnehmerin und Verfasserin vieler besorgter Aufrufe an die Öffentlichkeit – und Schriftstellerin soll sie auch sein, so munkelt man. Ihr kam vor allem die Rolle des Prügelknaben zu, weswegen ihr Gesicht mehr und mehr versteinerte.

Nach der Ausstrahlung muss man konstatieren: Die Wahl der Kritiker deutet sich als ein Fehler in einer Kette von Missgriffen an. Christine Westermann fängt bemüht an, greift sich – wie Maxim Biller treffend feststellt – an Details fest, um einen Zugriff zur Diskussion zu bekommen. Im Laufe der Sendung wird sie jedoch stetig schweigsamer – als ob ihr selbst der schwierige Status ihrer Teilnahme aufgehen würde –, wirkt zunehmend hilflos („Ich will gar nicht überzeugt werden.“), bis zu dem Punkt, an dem sie ihr selbst vorgeschlagenes Buch gerade knapp vorstellen kann, nur um dann die Diskussion an ihr vorbeirauschen zu lassen. Westermann mag eine legitime Rolle im Buchmarkt spielen, mit ihrer gefühligen Art scheint sie Menschen für Bücher begeistern zu können. Doch in einer Sendung, in der es nicht darum geht, Bücher zu empfehlen, sondern über sie zu debattieren, offenbart sie eine Fehlkonstruktion. Die große Stärke des alten Quartetts war, dass man dem übergroßen Reich-Ranicki eine Sigrid Löffler gegenübergesetzt hat, die intelligent und verbissen die polemischen Ergüsse ihres Mitdiskutanten kontern konnte. Wer in der Neuauflage für die Polemik zuständig ist, war schon vor der Ausstrahlung klar, doch Westermann verfügt nicht über die Schlagfertigkeit dazu den Konterpart zu bilden. Auch Volker Weidermann scheint dafür auszufallen. Er war zwar um klare Urteile bemüht, kam aber aus der Moderatorenrolle nicht richtig raus.

Welch großes Glück Maxim Biller für das literarische Quartett ist, macht schon seine Anfangsbemerkung zu Karasek klar, die in einzelnen Lachern und viel Geraune unkommentiert bleibt. Er hat verstanden, dass die Polemik ein nützliches Werkzeug sein kann, um Literaturvermittlung in einem Medium zu betreiben, das sich sonst für die Literatur nicht interessiert. Und diese Karte spielt er eifrig aus. Er spricht von „Holocaust-Kitsch“, vergleicht Bücher mit Paulo Coelho und wird auch schon mal persönlich. Als er Christine Westermann unterstellt, sie möge den Knausgard-Roman nicht, weil sie darin etwas Verdrängtes aus ihrem eigenen Leben erkenne, hat man kurz das Gefühl, Biller möchte den Eklat zwischen Reich-Ranicki und Löffler („Sie scheinen die Liebe für etwas anstößig Unanständiges zu halten.“) mit in die neue Runde nehmen. Die erste Sendung deutet an, dass Biller vielleicht zu groß und böse für seine Partner sein könnte.

Westermann soll jedoch nicht die einzige Konzessionsentscheidung rund um die Neuauflage bleiben. Dass Literatur im ZDF Freitagnacht stattfindet, geschenkt. Wie eine Literatursendung zur Primetime aussehen würde, möchte man sich gar nicht ausmalen. In Zeiten der Mediatheken rückt die Frage des Sendeplatzes eh in den Hintergrund. Doch eine andere formale Entscheidung stößt schon ärger auf: Einig sind sich nahezu alle Echos auf die Sendung, dass in 45 Minuten keine Diskussion über gleich vier Bücher stattfinden kann. Im Vergleich dazu fand das alte Quartett auf 75 Minuten statt und auch gegenwärtige Konkurrenzquartette (der Literaturclub des Schweizer Fernsehens oder das unregelmäßig gesendete „Literatur im Foyer“) rangieren zwischen 60 und 75 Minuten. Daher wirken die Einzeldiskussionen hektisch und Volker Weidermann als Diskussionsleiter gerade zu apathisch. Die eiligen Kamerawechsel tragen nicht zur Entspannung bei. Vielleicht sollte man sich nicht nur ergebnistechnisch, sondern auch zeitlich am Fußball orientieren.

Um noch mal darauf zurückzukommen: Die literarische Öffentlichkeit spricht gerade sehr eifrig über einen Piloten, dessen Aussagekraft vielleicht nach den nächsten Ausstrahlungen gegen null tendieren wird. In der Tendenz muss man aber ein wenig Angst um ein auf sehr tönernen Füßen stehendes Konstrukt haben. Nicht nur weil die Literatur ins Fernsehen gehört, sondern vor allem weil Maxim Biller unbedingt ins Fernsehen gehört.


Foto: Screenshot aus der Sendung „Das Literarische Quartett“, 2.10.2015 im ZDF.