Lorenz Justs „Der böse Mensch“: Böse ist der, der Böses tut?

Der böse Mensch

Einem Debüt gegenüberzutreten ist eine reizvolle wie schwierige Aufgabe. Wer Brillanz gleich erkennt, kann sich für sein literarisches Gespür rühmen, schließlich möchte jeder den neuen Shootingstar als erstes ausgemacht haben. Gleichzeitig ist das kritische Annähern an ein Debüt ein Flug auf Sicht: Kein Werk, aus dem heraus sich etwas erklären lassen könnte, keine Kritikermeinung, an die man sich anlehnen könnte. Klar: Irgendwoher lassen sich immer Stützen holen – vielleicht gibt es einen vergleichbaren Autor oder Text. Und wenn man nicht über das Debüt selbst sprechen will, kann man immer noch darauf ausweichen, es als Symptom auszudeuten. Wie wäre es zum Beispiel mal wieder mit einer Debatte über Literaturinstitute?

Die könnte man auch über das Buch anzetteln, das nun im Dumont-Verlag erschienen ist: „Der böse Mensch“ von Lorenz Just. Der Autor Just ist auch ein Ergebnis der Leipziger Literatenschmiede und soll 2015 ein Jugendbuch unter dem Namen „Mohammed. Das unbekannte Leben des Propheten“ veröffentlicht haben. Im affektierten Literaturbetrieb kann das ein erstes Menetekel auf dem Weg zum Erfolg sein, doch das scheint seinen Verlag nicht geschreckt zu haben und so feiert er sein Debüt, das demnach nur ein halbes ist, mit 35, was ihn in einer in die Jugend vernarrte Gesellschaft fast schon wieder zum Oldie macht. Ein Erzählband ist dabei herausgekommen, der laut seinem Verlag das „Böse“ als „mächtige wie ambivalente Kategorie“ behandeln soll. Was ist dieses Böse also, das Just hier heraufbeschwört?

Ich habe die Bewegung nicht geträumt, aber ich habe geträumt.

Zunächst ließe sich vielleicht sagen: Das Böse transportiert sich über Menschen, die zum Träger des Bösen werden. Da finden sich ehemalige Kriegsverbrecher aus Afrika, Mörder, aber auch ein Paar, das sich dazu entschlossen hat, dass die Frau das gemeinsame Kind abtreiben lässt. Moment mal: Kriegsverbrechen und eine Abtreibung in einer Reihe? Nein, man hat es hier nicht mit dem Buch eines Ultrakonservativen zu tun. „Der böse Mensch“ lehnt es ab, dem Leser die Entscheidung darüber abzunehmen, was dieses Böse ist und treibt ihn an den Punkt, an dem Urteile plötzlich unsicher scheinen. So liest sich die Geschichte des Warlords zuerst so – der Leser begegnet diesem erst nach seiner Flucht aus seinem Heimatland –, als könnte dahinter eine klassische Fluchtgeschichte stecken. Doch ziemlich schnell stellt sich heraus, dass dieser verabscheuungswürdige Verbrechen begangen hat und seine Flucht auch eine Flucht vor dem Ort war, der diese Verbrechen möglich gemacht hat: „Hier bin ich zum Frieden gezwungen, habe mich freiwillig in den Frieden gezwungen, mein Gebiet hinter mir gelassen, bin geflohen ohne Grund: ich war nicht besiegt, nie, ich hätte immer weitergekämpft.“

Ich höre mir zu. Ich muss mir zuhören.

Justs Erzählband wirft die Frage auf, wo das Böse verankert ist: in den Menschen oder in Orten als Möglichkeitsräume der Gewalt. Man fühlt sich an Jörg Baberowskis Studie „Räume der Gewalt“ erinnert, in der der umstrittene Historiker davon ausgeht, dass weniger Ideologien und Mentalitäten Gewaltexzesse auslösen, sondern dass ein Raum im Sinne eines sozialen Kontextes Gewalt ermöglichen muss. Ob man dieser These nun folgen sollte oder nicht – „Der böse Mensch“ lässt es offen und nimmt damit seine Leser im besten Sinne ernst. Das gleiche gilt auch für die Erzählung, in der eins der Elternteile des abgetriebenen Kindes sich an genau jenes Kind richtet und sich ihm erklärt: „Ich habe dein Gesicht nur ein einziges Mal auf einem hochaufgelösten Ultraschallbild gesehen.“ Just sticht mit dieser Geschichte in ein gesellschaftspolitisches Wespennest: Ist die Abtreibung eines Kindes, das mit großer Wahrscheinlichkeit mit geistigen Behinderungen auf die Welt kommen wird, ein Akt des Bösen? Oder eine Entscheidung, die Eltern mit Recht fällen können? Auch in diesem Fall verweigert der Erzählband glücklicherweise die Antwort.

Ein namenloser Schrecken, den zur Sprache bringen selbst schon eine Grausamkeit darstellen soll.

Just ist damit so nah am Leben wie man nur sein kann, was er hier und da auch kommentiert: „Die Künstler trauen sich nicht hinaus in die Luft der Wirklichkeit, sie verschanzen sich in ihren Ateliers, wo der schroffen und erbarmungslosen Welt feste Grenzen gesetzt sind, nicht jedoch ihrer Einbildungskraft, die ihnen hilft, im leeren Raum ihr persönliches Glück zu imaginieren.“ Man könnte versucht sein, darin einen Kommentar auf seine Institutskollegen zu sehen, denen doch so oft vorgeworfen wird, selbstreferentielle und selbstzufriedene Kunstkunst zu schreiben. Doch damit würde Lorenz Just wahrscheinlich nicht ernst genug nehmen. Stattdessen liest sich der gesamte Erzählband als Plädoyer dafür, aus den existentiellen Fragen des Menschen Literatur zu schöpfen und Literatur als aufklärerischen Speer in die Flanke der großen Fragen zu treiben.

Nur geliehenen Boden unter den Füßen.

Bedauerlicherweise findet Lorenz Just nicht immer den richtigen Ton, diese Ambivalenz in der Beschreibung der Geschehnisse und Umstände auch in seine Sprache zu übersetzen. Die meisten Geschichten sind von einem existenziellen, tiefen Ton getragen, doch manchmal ist das Böse eben nicht ein langer, durchgehender Mollton: Manchmal ist das Böse witzig, manchmal schlägt es auch plötzlich zu und ist dann wieder weg. Etwas mehr Variation im Ton würde dem Erzählband die nötige Beinfreiheit geben, um dem Leser in der Sprache zu überrumpeln. Dazu kommen manche Passagen, die bedeutsam klingen, sich aber als Theaterdonner herausstellen: „Manches aber ist nicht wiedergutzumachen. Und das, was endgültig zerstört wird, kann nicht vergeben, denn die Dinge haben keine Stimme.“

Ich zeichnete erst nach Goya und machte danach eine Menge Unsinn mit den Farben.

Doch diese Kritik soll nicht darüber hinwegtäuschen, dass Lorenz Just ein beachtliches Debüt gelungen ist, das deswegen überzeugen kann, weil ihm ein emanzipiertes Leseverständnis zugrunde liegt. Eine der Geschichten ist mit folgendem Satz übertitelt: „Diese Gedanken weihe ich denen, die darin ihre eigene Stimme hören. (Der Verfasser)“ Es ist der Leitfaden, der alle diese Geschichten trägt – Just drängt dem Leser an keiner Stelle etwas auf, ist weder lärmig noch marktschreierisch. Stattdessen bildet seine Literatur den Resonanzraum, in dem der Leser mit sich selbst konfrontiert wird.


Wir danken Dumont für das Rezensionsexemplar.

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