Louis-Ferdinand Céline: Expedition zur Kehrseite der Zivilisation

Celine

Als im letzten Jahr die sonst so belesene Sibylle Lewitscharoff in ihrer Dresdener Rede gegen unnatürliches Leben wetterte und Kinder, die aus künstlicher Befruchtung entstanden sind, als Halbwesen bezeichnete, war die Aufregung zurecht groß. Dabei unterlag die Empörung einem alten Missverständnis: Der poetische Mensch müsste auch ein intelligenter Mensch sein. Nun ist Lewitscharoff eine gute, aber keine epochenmachende Schriftstellerin und mit ihrem in der schwäbischen Provinz gegorenen Unmut gegen die Moderne steht sie im Land der Verschwörungstheoretiker und Reichsbürger nicht alleine da. Schwerer wiegt der Fall Louis-Ferdinand Céline. Denn dem 1894 geborenen Schriftsteller gelang mit seinem Debütroman „Reise ans Ende der Nacht“ ein Meisterwerk. Hätte ihn nach der Publikation der Blitz getroffen, er wäre als einer der größten Franzosen in die Geschichte eingegangen. Doch er lebte weiter. Und arbeitete zeitlebens daran, die schlimmste Version seiner selbst zu werden.

Mit was für einem Roman hat man es bei „Reise ans Ende der Nacht“ zu tun und wie viel vom Unmenschen Céline ist bereits in ihm angelegt? Der Text fächert sich grob in vier Episoden auf, von denen die ersten beiden für sich gesehen bereits großartige Erzählungen sind. Der Roman verfolgt die Geschichte des Medizinstudenten Ferdinand Bardamu und setzt mit dem plötzlichen Beginn des Ersten Weltkriegs ein. Als verwundeter Kriegsheld wider Willen entgeht er einem schlimmeren Schicksal und sucht sein Glück in den französisch-afrikanischen Kolonien. Als er auch dort an das Limit seiner Möglichkeiten kommt, reist er nach New York und endet in einer der Ford-Fabriken. Schließlich kehrt er nach Frankreich zurück und arbeitet als Arzt.

Nur ein Hundsfott denkt an die Zukunft, die Gegenwart allein ist wichtig.

Céline findet mit seinen vier Schauplätzen Orte, in denen die Moderne jeglichen utopischen Charakter verloren hat: der technisch überreizte Krieg, das gewalttätige Zivilisierungsbestreben in den imperialistisch-angeeigneten Kolonien, die Fabriken, die die Menschen zu automatisierten Arbeitssklaven machen oder der psychiatrische Betrieb, der zum Auffangbecken der Kriegsversehrten und Sozial-Ausgestoßenen wird. Alle verbindet, dass der Fortschritt längst nicht mehr dem Menschen dient, sondern ihn zum Untertan gemacht hat.

Wer sich trotz aller dunklen Eskapaden des Autors in seiner zweiten Lebenshälfte vorurteilsfrei an dieses Werk macht, wird einen scharfzüngigen Diagnostiker des frühen 20. Jahrhundert finden. Der sarkastische Nihilismus, der aus jeder Zeile spricht, trifft zu diesem Zeitpunkt noch die Richtigen. Der Ich-Erzähler äfft das Pathos der Würdenträger nach, die in flammenden Reden das heilige Vaterland beschwören, während auf den Schlachtfeldern der Westfront jeder Glaube an die nationale Sache verlorengeht.

Das Vaterland nimmt schon alle Opfer an, ganz gleich, wer sie darbringt, es frißt alle Sorten Fleisch.

Der beißende Humor des Romans zeigt den Krieg als einen Zustand, der das menschliche Wesen auf das das Elementare reduziert: der instinktive Überlebenswille, der Gedanke an die nächste Mahlzeit und den Bordellbesuch. Die Form, in welcher Céline mit triefend-lüsternen Ton in all diesen Trümmern einen Eros der Todgeweihten heraufbeschwört, ist verstörend, wirkt aber jedem Kriegerethos entgegen. Trotz der späteren Kontakte zwischen den beiden Autoren, ist der Text ein Gegenprogramm zu Ernst Jüngers Kriegsfeier. Aus der Schlacht Célines wird kein neuer Mensch geboren, sondern nur ein weiterer Feigling.

Wie lange würde ihre Raserei dauern müssen, bevor sie endlich erschöpft innehielten, die Ungeheuer? Wie lange konnte ein solcher Anfall dauern? Monate? Jahre? Wie lange? Vielleicht bis alle, alle Wahnsinnigen tot waren? Bis zum letzten von ihnen? Und da die Ereignisse diese verzweifelte Wendung nahmen, entschloß ich mich, alles aufs Spiel zu setzen, den letzten, äußersten Schritt zu wagen und zu versuchen, den Krieg ganz allein zum Stillstand bringen! Wenigstens in meinem Abschnitt.

Der Opportunismus des Ferdinand Bardamus als bestimmendes Prinzip wird zum Spiegelbild der französischen Gesellschaft. So auch während seines kolonialen Ausflugs nach Afrika. Umgeben von abgehalfterten Glücksrittern und französischen Kolonialbeamten, die schon längst jede Ahnung verloren haben, was sie an dem für sie so lebensfeindlichen Ort eigentlich vorhaben, macht die ganze Absurdität des Unternehmens deutlich. Sinnbildlich stehen die vom Text geschilderten Versuche, Verkehrswege aufzubauen und Straßen durch den Dschungel zu schlagen. Von den Einwohnern ignoriert und den Europäern gescheut, verfallen sie ab dem Zeitpunkt ihrer Fertigstellung. Von dem zivilisatorischen Anspruch der Kolonialherren bleibt bei Céline nur noch ein fahler Witz.

Vielleicht sucht man nichts anderes im Leben als den größten Schmerz, der möglich ist, um einmal selbst zu sein, bevor man stirbt.

Die Reise ans Ende der Nacht, das ist auch immer die Reise an die Grenzen der Menschlichkeit. Sie verläuft auf den ersten Blick zufällig, gerät aber mit fortlaufender Geschichte in den Sog des Deserteurs Léon Robinson. Der Betrüger, Mörder und Schein-Blinde wird zur handlungsmotivierenden Figur: Ferdinand reist ihm hinterher und verstrickt sich in seine Machenschaften. Das Ende der Nacht ist nicht nur da, wo die Zivilisation endet, sondern auch dort, wo Robinson sich aufhält.

Célines späterer Wahnsinn ist aus diesem Roman zwar nicht erklärbar, dennoch macht er auf einen schmalen Grat aufmerksam. Der Nihilismus und die Modernitätsskepsis, die in diesem Text noch auf der Seite der Abgehängten und Gequälten steht, scheinen sich in den späteren Jahren in Wirrnis und Antisemitismus aufzulösen. Nach der Niederlage der französischen Streitkräfte biedert sich Céline dem kollaborierenden Vichy-Regime an und schreibt hetzerische Pamphlete gegen Juden und andere „Systemgegner“. Der Antisemitismus war und ist schon immer eine Möglichkeit zur Komplexitätsreduktion gewesen. Die Ohnmacht gegenüber dem Weltverlauf sucht einen Schuldigen und findet ihn im Judentum.

Ein Spiegel-Artikel aus dem Jahr 1994 wirft einen genaueren Blick darauf, in welche Richtung sich Céline politisch entwickelt hat. Aussagen wie: „Wir entledigen uns der Juden, oder wir verrecken durch die Juden, durch Krieg, durch burleske Kreuzung, durch tödliche Vernegerung“ machen auf die Tragik eines Lebensweges aufmerksam. Der Furor, der sich in „Reise ans Ende der Nacht“ noch gegen die Heuchelei der europäischen Eliten richtet, biedert sich in seinen späteren Jahren genau an diese an und kanalisiert sich in glühendem Antisemitismus. Célines Roman gewinnt damit eine zusätzliche, traurige Dimension: Er offenbart, wie aus fruchtbarer Wut verächtlicher Hass werden kann. Ein Hass, für den Céline sich niemals entschuldigen sollte. So könnte ein Satz aus „Reise ans Ende der Nacht“ zu seinem Lebensmotiv erklärt werden:

Ich war vor allem insoweit schuldig, als ich im Grunde gar nichts Unangenehmes darin sah, daß wir alle zusammen immer ein Stückchen weiter in die Nacht hinein gingen.

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  1. Pingback: Louis-Ferdinand Célines „Von einem Schloß zum andern“: Einer flog übers Kuckucksnest – Zeilensprünge.

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