Louis-Ferdinand Célines „Von einem Schloß zum andern“: Einer flog übers Kuckucksnest

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Louis-Ferdinand Célines Roman „Bis ans Ende der Nacht“ ist eine der wenigen, wirklich wichtigen Wegmarken der Weltliteratur. Kaum jemand hat es wie Céline verstanden, die Schrecken der Moderne so einzufangen, der Dialektik des Fortschritts eine literarische Form zu geben. Sein Meisterwerk katapultierte ihn in eine Liga mit Balzac, Flaubert und Proust – doch Céline war ein verstörter und verstörender Geist. Seine Radikalisierung hin zur antisemitischen Rechten blieb für seinen Nachruhm nicht folgenlos. Während des Zweiten Weltkriegs sympathisierte der Autor mit dem französischen Vichy-Regime, an dessen Seite er die letzten Tage des Zweiten Weltkriegs verbrachte. Über diese letzten Tage schrieb Céline unter anderem seinen autobiographischen Roman „Von einem Schloß zum andern“ – ein bizarres Schreckensschauspiel und die Demolierung eines Jahrhunderttalents.


Es ist eine der obskureren Randgeschichten des Zweiten Weltkriegs: Als 1944 das bislang besetzte Frankreich von den Alliierten befreit wurde, flüchtete die Vichy-Regierung nach Sigmaringen, um dort eine Exilregierung zu bilden. Untergebracht im Hohenzollernschloss (und damit Familiensitz des einflussreichsten deutschen Adelsgeschlechts) saßen nun Marschall Petain und sein Premierminister Laval als Herren ohne Untertanen in Deutschland und mussten dabei zusehen, wie die alliierten Streitkräfte immer näherrückten. Unter ihnen befand sich auch Louis-Ferdinand Céline, der das merkwürdige Treiben als Burgarzt mitverfolgte. Mittlerweile völlig abgewirtschaftet, hatte er für sich und alle anderen nur noch Spott übrig.

Offen gesagt, hier, unter uns – ich ende noch schlimmer als ich angefangen habe …

Seiner Biographie folgend ist auch die Erzählsituation in „Von einem Schloss zum andern“ angelegt. Céline erzählt aus den letzten Tagen des Krieges, die er im Hohenzollernschloss verbringt und seiner beruflichen Ausbildung gemäß als Arzt für das leibliche Wohl der illustren Gesellschaft zuständig ist. Der Autor ist sich seiner schwierigen Stellung bewusst, selbst führende Leute des Vichy-Regimes haben schon von ihm Abstand genommen, im Nachkriegs-Frankreich wird ihm als Kollaborateur kein gemäßer Platz eingeräumt: „Ich habe nur eins voraus!… für die Franzuskis das Kreuz genommen zu haben, ich hätte ganze Mauern voll Plakate verdient, weil ich der vollkommene Verräter bin, der Judenzerfleischer, Verschacherer der Maginotlinie, und Indochinas und Siziliens …“

Genug gebabbelt!

Céline nimmt die Rolle des Parias an und wendet sie gegen seine Widersacher: „Aber ich habe vielleicht keinen Grund, mich zu beklagen … denn ich lebe noch … und jeden Tag verliere ich Feinde!“ Der Wille zum Überleben ist überhaupt das einzige, was diese totgeweihte Gesellschaft noch zusammenhält und auch dieses Vorhaben scheint bedroht. Célines Blick auf seine Umwelt ist, wie auch in „Bis ans Ende der Nacht“, der eines Arztes: alles fault, verwest, steht nur noch mit einem Bein im Diesseits. Politisch, so könnte man behaupten, ist der Schriftsteller am Nullpunkt angekommen: seine antisemitischen und rassistischen Ausfälle hat er zwar nicht hinter sich gelassen, aber zumindest kennt er keine Verbündeten mehr – Deutsche, Franzosen beider Seiten, alles der gleiche Auswurf: „Pißkrüstchen- und Hostienfresser, immer wieder sieht man sie sybillenhaft, immer wieder tauchen sie auf, von Jahrhundert zu Jahrhundert…. Kontinuität der Staatsgewalt!“

„Oh, Sie übertreiben, Céline! Sie übertreiben immer!… alles!“

Seinem Gemüt nach wird in „Von einem Schloss zu andern“ auch nichts mehr erzählt. Der Text ist eine Aneinanderreihung von wüsten Beschimpfungen, Vulgaritäten und Pöbelein. Céline geriert sich hier als Größenwahnsinniger, der von seiner historischen Rolle als Lichtgestalt überzeugt ist: „ich bin der Mann in Europa, der am meisten recht hat! und der freiwilligste! fünfzig Nobelpreise stünden mir zu!“ Wenn der Text überhaupt noch etwas darstellen will, dann die Atmosphäre von Tagen einer Zäsur. Historische, wenn auch abgründige, aber dennoch historische Gestalten schrumpfen in diesem Text zu Witzfiguren zusammen, deren einstiges Bedrohungspotential in einer morbiden Komik endet. Währenddessen schildert der Erzähler immer wieder die dröhnenden Fluggeräusche der Royal Air Force, die das vermeintlich tausendjährige Rauch in Schutt und Asche legt.

Entschuldigen Sie, daß ich so viel von mir spreche … ich trete die Sache breit … sind’s die Verdrießlichkeiten? …. Sie haben auch welche! diese Literaten sind entsetzlich! so geknickt von ihrem Ichichismus!

So könnte man „Von einem Schloss zum andern“ auch als Abschied vom Erzählen verstehen, denn in einer Welt, die in Flammen steht, gibt es nichts mehr zu erzählen: „Ah, ich machte mir nichts vor, wir waren wirklich da! im Bahnhof…. Aber in einem ‚nichtvorhandenen‘! wir hielten: man war da! ein Pfahl… aber kein Ulm mehr!…. ein Schild ULM…. Das war alles!“ Von der Welt, die Céline kannte, sind nur noch leere Bezeichnungen übrig geblieben, das, was sie einstmals benannten, liegt in Trümmern. Louis-Ferdinane Céline bleibt von einer Radikalität beseelt, die ihn einst in den literarischen Olymp katapultierte und immer noch aufregende Früchte trägt. Doch leider ist „Von einem Schloss zum andern“ auch ein Zeugnis von einer Selbstdemontage, einem Feldzug gegen die ganze Welt und gegen sich selbst, vor den Augen der Welt. Davon in diesem Roman Zeuge zu werden, ist ein zweifelhaftes, ein morbides Vergnügen.

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