Lukas Bärfuss‘ „Hagard“: Zu Fuß durch den Untergang

Hagard

Die Literatur ist eine Verfolgungsjagd. Ständig haftet jemand an den Fersen der handelnden Figuren, auf Schritt und Tritt werden sie verfolgt. Mal mit gar göttlicher Allmacht, mal mit eingeschränktem Wissen darüber, was das Handlungspersonal als nächstes machen wird. Die Rede ist natürlich vom Erzähler, der eine manische Präsenz in der Literatur ist. Manche Figur in der Weltliteratur ist über die ständige Anwesenheit eines Zweiten wahnsinnig geworden, andere wiederum nehmen sie mit besonnener Gelassenheit hin. Die Hatz des Erzählers ist ein altes Motiv, der voyeuristische Charakter des Erzählens ist ein beliebtes Thema, mit dem sich die Literatur selbst thematisiert. In diese Tradition tritt Lukas Bärfuss mit seinem neuen Roman „Hagard“, bei dem gleich zwei auf die Verfolgungsjagd gehen: Protagonist Philip und eben der Erzähler selbst. Bärfuss macht daraus eine zivilisatorische Abrechnung, die nur müde an dessen Vorbilder erinnert.

Es ist eigentlich ein ganz normaler Tag. Philip, Immobilienmakler und eigentlich wenig auffällig, widmet sich seinen alltäglichen Dingen, als ihm plötzlich etwas ins Auge springt: eine Frau, das heißt, richtigerweise sind da zunächst die Ballerinas, die seine Aufmerksamkeit erregen. Es ist ein kurzer Impuls, der ihn durchzuckt, doch er reicht aus, um alle Pläne über den Haufen zu werfen. Kurzerhand entschließt er sich, der Frau zu folgen. Die Treibjagd wird zu einem Blick in das abgründige Herz der Gesellschaft, in die Welt der Triebe.

Seit viel zu langer Zeit versuche ich, Philips Geschichte zu verstehen. Ich will das Geheimnis lüften, das in ihr verborgen ist.

Denn Philips Verfolgung ist als eine Abwärtsbewegung beschrieben. In seinem Wahn bringt er sich an die Grenzen der Überlebensfähigkeit, er schindet sich, wird verunstaltet. In der Mitte des Romans verliert er einen seiner Schuhe, was für ihn eine Schwelle darstellt: Plötzlich ist er Außenseiter, hat den zivilisierten Status abgegeben. Der Roman möchte zeigen, wie dünn das Eis namens Zivilisation ist, an welch trivialen Distinktionsmerkmalen die Entscheidung abhängt, wer dazugehört und wer nicht. Gleichzeitig beweist sich im Umgang mit diesen Merkmalen auch das semiotische Gespür von Philip, die Lesbarkeit der Gesellschaft ist eine Grundüberzeugung dieser Erzählung: „Die Welt voller Zeichen, die er lesen konnte, die Welt war ein offenes Buch.“

Ich weiß alles, und ich begreife nichts. Ich kenne die Abfolge der Ereignisse.

Zivilisation heißt im Sinne von „Hagard“ also zweierlei: Sie ist einmal auf der Oberfläche der Dinge feststellbar und stellt daher die Frage nach der Substanz, sie ist aber auch etwas, das erlernt werden muss, gedeutet werden muss und daher dem Zeichensystem der Sprache und damit der Literatur nicht unähnlich. Bei Bärfuss ist die Lesbarkeit der Welt aber auch die Unlesbarkeit bzw. die Verlesbarkeit der Welt. Denn immer wieder deutet Philip Dinge, die sich später als falsch herausstellen sollen: „Doch für Philip bestand kein Zweifel: Sie meinte ihn, sie schickte ihm ein Zeichen.“ Philip verliest sich vor allem dann, wenn die Zeichen kulturell schon so überformt sind, dass sie gar nicht mehr als reine Zeichen erkennbar sind: eine Frau im Pelz ist keine Frau mehr im Pelz, sie ist natürlich die Venus im Pelz. Am Ende kommt dabei so etwas wie ein Crashkurs in Semiotik und Hermeneutik heraus, mal mehr, mal weniger überzeugend.

Der Wald zerfällt in lauter Bäume, genau wie der Himmel in Planeten zerfällt, in Sterne und Meteore.

Denn was bei aller Bedeutungssuche übrig bleibt, ist der reine Trieb. Der Trieb, die Frau zu verfolgen, der Trieb, der zum Antrieb wird, eine Begierde, die den Menschen jenseits aller Zivilisierung zeigt. „Hagard“ stellt dem modernen Menschen kein gutes Zeugnis aus: „Die Neugier war verflogen, das venezianische Lebensgefühl, die Morbidität, schien sich auf die gesamte europäische Befindlichkeit ausgebreitet zu haben […].“ Die Menschheit liegt in moderner Agonie, immer kurz vor dem Moment, an dem Gesellschaften kippen. So erinnern manche Passagen in ihrem ätzenden Ton an Celine, Bernhard und die anderen Stänker der Literaturgeschichte.

Der Anfang? Damit ist es so eine Sache. Niemand kann bestimmen, mit welchem Ereignis eine Geschichte beginnt.

Dass hinter all dem immer noch der doppelte Boden namens Erzähler hockt, soll dem Roman eine weitere literarische Ebene geben, ist aber auch gleichzeitig eine der größeren Schwächen. Denn anstatt, dass die erzählte Hatz auch den Leser miteinnimmt, wird der Erzählfluss immer wieder von einem etwas zu geschwätzigen Erzähler unterbrochen. Der Roman stellt sich damit selbst ein Bein, die ach so triebgesteuerte Gesellschaft entpuppt sich bei Bärfuss dann doch als reflektierter, als sie dargestellt werden soll. Verbunden mit einem uninspirierten Zivilisationsabgesang ist „Hagard“ dann doch zu verquast und inkonsequent. Seine behauptete Radikalität wirkt aufgesetzt, bedenkt man, dass der Roman nichts anderes tut als sich vor zweihundert Jahren Geistesgeschichte zu verneigen. An einer Stelle heißt es im Roman: „Ich fühlte mich wie eine Katze, die sich in eine hohe Krone verstiegen hatte.“ Auch Bärfuss hat sich verstiegen – auf eine Literatur, die Wind macht, aber kein Sturm werden will.


Wir danken Wallstein für das Rezensionsexemplar.

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