Lutz C. Klevemans „Lemberg“: Das große Nichtmehr

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Wenn im Jahr 2014 auf der Krim nicht ein zweifelhaftes Referendum über den Anschluss an Russland durchgeführt worden wäre, die Ukraine würde weiterhin in der Aufmerksamkeitsperipherie Europas schlummern. Das Einzige, was man von der einstigen Sowjetrepublik in Deutschland mitbekam, waren die endlosen politischen Querelen an der ukrainischen Staatsführung und dass jeweils der eine dem anderen den Gashahn abdrehte. Doch mit dem Eingreifen Russlands war das Land am Schwarzen Meer wieder im Zentrum der politischen Auseinandersetzung – bis zur Flüchtlingskrise. Das kulturelle Desinteresse an der Region stand schon immer im Gegensatz zum territorialen Gierblick der Großmächte. Denn das Gebiet, das heute Ukraine heißt, hatte schon viele Namen. Dieses Schicksal teilt auch eine der größten Städte des Landes, Lwiw, das einst Lemberg hieß.

Von diesem untergegangenen Lemberg möchte der Journalist und Historiker Lutz C. Kleveman in seinem neuen Buch erzählen. Auf mehreren Reisen erkundet er die Stadt, wühlt sich durch Archive und spricht mit Zeitzeugen. Dabei kommt er einer Stadt auf die Spur, die gerade zum Deutschen ein besonderes Verhältnis hat. Nicht nur, dass die Stadt lange Zeit Teil des kakanischen Reiches war, auch die Besatzung durch die Nazis war eine entscheidende Phase: unter den Gräueltaten der Deutschen eskalierte das eh schon brutale Verhältnis der einzelnen Bevölkerungsgruppen untereinander endgültig. Die Stadt schaut auf eine traurige, aber auch reiche Geschichte zurück. Sie war lange Zeit kulturelles Zentrum der Region, dann versank sie in der Bedeutungslosigkeit. Von all dem möchte Kleveman erzählen, das gelingt ihm nicht auf der ganzen Strecke.

So erscheint Lemberg wie ein postsowjetischer und zugleich authentisch altmodischer Ort, mit einer reizvollen Mischung aus Vertrautheit und Fremdheit.

Ganz am Anfang von „Lemberg“ erzählt Kleveman eine Episode, die die Geschichte der Stadt auf tragische Weise zusammenfasst: Als der Koloss Sowjetunion den Halt verlor und zusammenbrach, liefen die Ränder des Riesenreichs Sturm. Ausdruck des neuen Freiheitswillens war, wie immer wenn alte Regime gestürzt werden, die Demolierung alter Herrschaftszeichen. So auch in Lemberg, wo sich die Masse zusammenrottete, um der zentralen Leninstatue auf den Leib zu rücken. Als der Vater der Sowjetunion schließlich im Staub lag, offenbarte sich etwas, was den Kern Lembergs trifft: „Nun sahen es alle: unter einer dünnen Schicht roten Granits waren Steinplatten hervorgebrochen, die die sowjetischen Bauherren 1952 in den Sockel einzementiert hatten. Sie trugen, für alle erkennbar, hebräische Inschriften. Vögel, Herzen und Kronleuchter waren in sie eingraviert. Es waren mazewot, jüdische Grabsteine.“

Sind die Erinnerungen an eine harmonische Koexistenz der Volksgruppen in Lemberg also womöglich nur Teil dieses Habsburg-Mythos?

So sehr sich Polen, Österreicher, Deutsche, Ukrainer und Russen auch gegenseitig Grausamkeiten zufügten, die Juden waren häufig diejenigen, die am meisten litten. So war es nach der Eingliederung der Region in den polnischen Staat nach dem Ersten Weltkrieg und so war es vor allem während des Zweiten Weltkriegs. Das Fundament dieser Stadt ist auf jüdischen Grabsteinen gebaut. Dabei war Lemberg mal ein Ort der religiösen Koexistenz: „Das ‚Jerusalem Europas‘ wurde Lemberg genannt, denn hier residierten gleich drei Erzbischöfe: für die polnischen Katholiken, die ukrainischen Griechisch-Katholiken (Unierten) und die armenischen Christen.“ Auch unter österreichischer Herrschaft war die jüdische Bevölkerung verhältnismäßig sicher. Leider schenkt Kleveman der Zeit vor dem 20. Jahrhundert am wenigsten Aufmerksamkeit. Der Untertitel „Die vergessene Mitte Europas“ fasst der Autor nicht so sehr als Auftrag auf, zu erzählen, was vergessen wurde, sondern wie es zum Vergessen kam.

„Ihr wolltet ein Polen ohne Juden“, erinnerten Juden nun ihre polnischen Mitbürger spöttisch an den nationalistischen Kampfruf vor dem Krieg. „Nun habt ihr Juden ohne Polen.“

Die Gründe des Vergessens führen zwangsläufig in die erste Hälfte des 20. Jahrhunderts. Denn auch wenn sich die Stadt bis 1918 offiziell habsburgisch gab, sie war eigentlich polnisch. Da war es nur folgerichtig, dass sie Teil des neugegründeten Staates Polen wurde. Doch dieses Polen war keineswegs homogen, mehrere Volksgruppen fühlten sich übergangen, in Lemberg allen voran die Ukrainer. Kurz nach dem Ersten Weltkrieg flammte dieser Konflikt schon mal auf; als erst die Russen, dann die Deutschen die Stadt im Zweiten Weltkrieg einnahmen, sahen die Ukrainer ihre Chance endlich gekommen. Viele kollaborierten mit den Nazis. Ein Zeitzeuge, den Kleveman für seine Recherchen trifft, hat für diese Motivation seine eigene Version: „‚Aber wir haben doch nicht für Hitler oder die Deutschen gekämpft‘, antwortet Chumsky, während er gelassen ein weiteres Butterbrot aus der Dose holt. ‚Sondern für die Ukraine, gegen die Sowjets. Ich war kein Faschist, die Nazi-Ideologie war mir egal.‘“

In Lemberg ist Europa ein großes Nichtmehr.

Es mag zwar ein etwas kruder Treppenwitz der Geschichte sein, dass nun gerade ein Deutscher in die Ukraine kommt, um den Heimischen zu erzählen, wie richtige Aufarbeitung geht, doch lässt man diese Bedenken beiseite, eröffnet sich eine sehr differenzierte historische Schilderung einer Stadt, die Opfer wie Täter beheimatete. Durch diesen Zwiespalt hat sich in der Stadt ein historisches Schweigen breitgemacht. Täter wollen sich nicht erinnern, Opfer auch nicht, denn man wohnte auch nach dem Krieg teilweise noch Tür an Tür. Der ständige Widerstreit zwischen verschiedenen Narrativen hat schließlich die Verbindung zu einer kulturellen Tradition abbrechen lassen.

Boulevard der Freiheit ist ein passender Name, bedenkt man, dass er auch schon Lenin-Prospekt, Adolf-Hitler-Platz und Straße des 1. Mai hieß.

Anstatt die starre Form der historischen Monografie zu wählen, operiert Kleveman mit einem starkbetonten Ich, das ihm dazu dient, seinen Erkenntnisfortschritt zu dokumentieren. Das kann zur Lesbarkeit beitragen, wenn der Autor es schafft, dass sich der Leser im Unverständnis oder Fassungslosigkeit des Beschriebenen wiedererkennen kann. Doch bei Kleveman, der großartige Passagen wie die der Lenin-Statue schreiben kann, sind diese Stellen häufig die schwächsten; er neigt zur Plattitüde: „Seit ich erfahren habe, was im Juli 1941 in Lemberg geschehen  ist, gehe ich mit anderen Augen durch die scheinbar schönen Straßen der Stadt.“ Eine solche Unbedarftheit nimmt man ihm nicht ab und der Autor hat es auch nicht nötig, sie zu suggerieren. Es sind solche Dinge, die den guten Eindruck von „Lemberg“ schließlich eintrüben. Was aber auch gesagt werden muss: Wer die Widersprüchlichkeit einer Region verstehen will, sollte dieses Buch lesen.


Wir danken dem Aufbau Verlag für das Rezensionsexemplar.

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