Lwów, Lwiw, Lemberg: Żanna Słoniowskas „Das Licht der Frauen“

Für Joseph Roth war Lemberg die Stadt der „verwischten Grenzen“ – kein Wunder, denn in kaum einer anderen europäischen Stadt wechselte die territoriale Zugehörigkeit im Laufe des 20. Jahrhunderts so häufig. Die Machtübernahmen machten die einst so multikulturelle Metropole im Osten Europas zum Mittelpunkt blutiger Konflikte, die tiefe Spuren im kollektiven Gedächtnis der Einwohner*innen hinterließen. Der Geschichte und Zerrissenheit Lembergs widmet sich Żanna Słoniowska in ihrem Roman „Das Licht der Frauen“, der in der Übersetzung von Olaf Kühl bei Kampa erschienen ist.

„Die Straßen von Lwiw sind ein Mikrokosmos des turbulenten 20. Jahrhunderts in Europa“, schreibt Philippe Sands in seinem beeindruckenden Buch Rückkehr nach Lemberg. Vor dem Zweiten Weltkrieg gehörte Lemberg zu Österreich-Ungarn, zwischen den Kriegen zur Zweiten Polnischen Republik. 1938 wurde die Lwów Teil der Sowjetunion, bevor die Nationalsozialisten Lemberg im Sommer 1941 einnahmen und in den Reichsdistrikt Galizien eingliederten. 1944 eroberte die UDSSR die Stadt zurück, die nun seit 1991 als Lwiw Teil der unabhängigen Ukraine ist.

Ein Jahrhundert-Familienroman wie Das Licht der Frauen schreit geradezu nach dieser bewegten topographischen Kulisse – oder kann ein solcher Roman nur aus dieser bewegten Geschichte der Stadt heraus wachsen?
Eine namenlose Ich-Erzählerin schildert in Das Licht der Frauen ihre eigene Geschichte, gleichsam aber auch die ihrer Mutter Marianna, ihrer Großmutter Aba und der Urgroßmutter Stanislawa, mit denen sie ihr Leben lang unter einem Dach lebte. Eben jenes Haus ist das Zentrum des Familienmatriarchats und dient den Frauen als Festung in unruhigen Zeiten. Nachts verschanzen sie sich geradezu hinter den Mauern vor denjenigen, die im aktuellen Jahrzehnt als Feinde durch die Stadt ziehen. Verteidigen müssen sie sich selbst – die Männer in Słoniowskas Roman zeichnen sich vor allem durch ihre Abwesenheit aus.

Stanislawas Mann – der Urgroßvater der Erzählerin – wurde 1937 in Leningrad bei der „polnischen Säuberung“ verhaftet und verschwand danach spurlos. Abas Mann – der Großvater – diente als Offizier der Roten Armee und kam bis nach Berlin, um dann Mitte der sechziger Jahre an „etwas zu sterben, was wir heute als chronische Depression und Leberzirrhose bezeichnen würden.“ Und auch der eigene Vater bleibt für die Ich-Erzählerin eine Leerstelle:

Was meinen Vater betrifft, so hatte ich Zweifel, ob es ihn überhaupt gegeben hatte.

Es war Juli 1988, meine Mutter war im ungleichen Kampf gegen den sowjetischen Totalitarismus gefallen.

Im Alter von 11 Jahren verliert die Ich-Erzählerin ihre Mutter, die als Wortführerin einer ukrainischen Unabhängigkeitsbewegung bei einer Demonstration erschossen wird. Das traumatische Ereignis wird zum Dreh- und Angelpunkt des Romans, der nicht chronologisch erzählt, sondern sich vielmehr immer wieder dem Todestag der Mutter nähert, der das Ende ihrer Kindheit markiert. Am Tag der Beerdigung setzt die erste Periode des Mädchens ein: Mit dieser leicht überspitzten Allegorie tritt die Erzählerin an die Stelle ihrer Mutter, wird selbst zur Frau und nimmt proleptisch vorweg, was in den folgenden Jahren passieren wird. Denn Mutter und Tochter teilen im Laufe der Geschichte nicht nur ihre Leidenschaft für die schönen Künste (auch wenn die Ich-Erzählerin selbst nicht musikalisch ist, wie sie immer wieder betont), sondern auch ihren Liebhaber.

Neben den Frauen selbst nimmt das Wohnhaus der Familie eine zentrale Rolle für den Roman ein. Auch das Haus spiegelt die Geschichte Lembergs – es ist über 100 Jahre alt und beherbergt ein 11 Meter hohes (!) Glasmosaik, das sich über das ganze Treppenhaus erstreckt und 72 verschiedene Farben („Im Mittelalter verwendete man zehn. Das hier ist der reinste Impressionismus!“) umfasst. „Dieses Haus ist an die Malerei angepasst worden, nicht umgekehrt“, heißt es. Trotz der besonderen Kunstfertigkeit des Mosaiks, dessen Künstler ähnlich wie der Vater der Erzählerin unbekannt ist, droht es über die Jahre zerstört zu werden, immer weiter zu zerfallen. Dabei hält es nicht nur das Haus zusammen – sondern auch die Frauen, die Stadt, die Geschichte.

Wir sind wie Matrjoschkas, die eine im Bauch der anderen, wer in welcher, weiß man nicht genau.

Das Licht der Frauen ist gleich auf mehrere Arten ein absolut zeitgemäßer Roman: Als Generationenroman liegt er voll im Trend (siehe Haratischwilis Das achte Leben oder Heimkehren von Yaa Gyasi) und verhandelt ganz nebenbei topographisch politisch-historische Thematiken, die bis in die Gegenwart ausstrahlen – in diesem Fall endet der Roman mit einem Verweis auf den Krim-Konflikt. Als Roman, der fast ausschließlich von Frauen erzählt, folgt er dem Bedürfnis nach female empowerment in der Literatur auf fiktionaler Figuren- als auch auf faktionaler Autorschaftsebene und der Loslösung von männlichen Helden und und kanonisierten Autoren.
Słoniowskas Roman ist an einigen Stellen ein wenig zu blumig geraten – nichtsdestotrotz ist Das Licht der Frauen ein kurzweiliges Buch mit mehr Tiefe, als es Titel und Cover vielleicht vermuten lassen.


Wir danken dem Kampa Verlag für das Rezensionsexemplar.