Ma Jians »Traum von China«: Traum statt Trauma

Über Jahrzehnte gab es im Weltbewusstsein nur einen Traum, den amerikanischen. Er propagierte Aufstiegschancen für jeden, Freiheit von Unterdrückung und das Versprechen auf Selbstverwirklichung. Mit dem Aufstieg Chinas wird vom Präsidenten Xi Jinping ein weiterer Traum von Weltbedeutung formuliert: Wohlstand soll auch er bringen, aber vor allem soll er China wieder zu alter Größe verhelfen. Jahrhundertelang war das Kaiserreich China das wohl mächtigste Land der Welt, was in der europäischen Wahrnehmung deshalb häufig vergessen wird, weil sich das Reich der Mitte herzlich wenig für die größenwahnsinnigen Europäer interessierte. Dann folgte das schmachvolle 19. Jahrhundert, in dem China mehrfach von den Kolonialmächten gedemütigt wurde. Nun, nach der rasanten Aufstiegsgeschichte des 20. und 21. Jahrhunderts, ist China wieder kurz davor Weltmacht zu werden.

Mit Ma Jians »Traum von China« erscheint nun bei Rowohlt in deutscher Übersetzung das Werk eines Autors, der darum weiß, dass der »Chinesische Traum« nicht von allen mitgeträumt wurde. Die Zensurpolitik der kommunistischen Staatspartei trieb ihn aus dem Land, nach Hongkong, zwischendurch nach Deutschland und nun schließlich nach England. Damit teilt er das Schicksal vieler chinesischen Künstler*innen, die der offiziellen Linie nicht folgen wollen. In seinem neuen Roman nimmt er das Moment des Traums nun auf und zeigt, wie viel Trauma hinter dem Traum verborgen werden soll.

Aber jede Utopie birgt in sich eine Dystopie, und Diktatoren werden unweigerlich zu Göttern […]

Dem Roman ist ein Vorwort des Autors vorangestellt, in dem er offen formuliert, welche Intention bzw. Motivation dem Text vorangeht: »Den folgenden Roman habe ich aus Wut auf die falschen Utopien geschrieben […]«. Selbstauskünfte von Autor*innen sind natürlich zweifelhafte Angelegenheiten, vor allem wenn sie ein so direktes politisches Anliegen formulieren. Meist hat dies zum Effekt, dass die Gleise gelegt sind, auf denen man dann dem Text folgt. Andererseits fällt es schwer, dem Text einen anderen als einen politischen Charakter zuzuschreiben, weswegen das Vorwort im schlimmsten Fall redundant wirkt.

›Was für ein negativer Traum – er hat überhaupt keine positive Energie erzeugt.‹

Doch zum Roman selbst: In einer fiktiven Alternativversion Chinas gründet der Staat das Traum-von-China-Amt, dessen Direkter Ma Daode Protagonist des Textes ist. Das Amt befindet sich gerade in der Entwicklung eines Implantats, das der Bevölkerung den Traum von China induzieren soll. Mit dem Implantat soll das persönliche Gedächtnis eines Menschen durch einen kollektiven Traums ersetzt werden: »›Der Traum von China löscht alle Träume der Vergangenheit und setzt frische, neue Träume an ihre Stelle.‹«

Wer hätte geahnt, dass aus dem jungen, schlanken Ma der alte, aus dem Leim gegangenen Ma von heute werden würde?

Der Direktor Ma Daode handelt damit auf Linie der Partei, leider spielt sein eigenes Gedächtnis da nicht so mit, wie er es gerne hätte. Denn der Direktor gehört zur Generation der Kulturrevolution, in deren Zuge – durch Mao angestachelt – Scharen von jungen Chines*innen Menschen malträtierten, Kulturobjekte zerstören und sonstiges aus dem Weg schafften, das dem Großen Vorsitzenden scheinbar gefährlich werden konnte. Die damals gemachten Gewalterfahrungen haben sich tief in sein Gedächtnis eingebrannt – Erinnerungen, die er nun versucht kollektiv zu verbannen.

›Ja, Sie haben recht, Hu – wir müssen die Vergangenheit vergessen.‹

Gleichzeitig wird er von SMS-Nachrichten einer Geliebten heimgesucht, die den ideologisch-geschulten Sprech von Chinas Traum immer wieder unterbrechen. Der Versuch, den Chinesen ihre Erinnerungen zu nehmen, die den Fortschritt des Landes eh nur behindern, ist daher vor allem ein Versuch, sich der eigenen quälenden Erinnerung zu entledigen.

›Beeil dich und stell das Traum-von-China-Implantat her, damit diese ganzen Albträume ein für alle Mal gelöscht werden können.‹

Dazu kommt, dass das Implantat auch zur Datenerhebung benutzt werden soll: »›Wir werden die Träume aller Bürger aufzeichnen, klassifizieren und überwachen.‹« Der »Traum von China«, wie er hier im Roman dargestellt wird, hat also zweierlei im Sinne: Die Ermächtigung nach außen, die Unterdrückung nach innen.

Dass »Traum von China« dies alles verdichtet im Protagonisten Ma Daode entwickelt und ihn in seinem persönlichen Zwiespalt zwischen eigenem Trauma und von oben verordneten Traum dazustellen weiß, macht aus dem Text dann doch Literatur anstatt nur eines Thesenbuches. Zwar schlägt die Engagiertheit des Buches manchmal zu sehr in die eine Richtung und Daode droht mehr Talking Head zu werden, doch selbst dann ist es ein Talking Head, der vom Schmerz der Vergangenheit heimgesucht wird, was wohl eines der literarischsten Themen überhaupt ist.