Manfred Mittermayer: Das Unglück der Quellen

Bernhard

Über Thomas Bernhard zu schreiben bedeutet auch immer gegen Thomas Bernhard zu schreiben. Neben seinem umfassenden Dramen- und Romanwerk umfasst der Kosmos des Österreichers auch seine fünfbändige Autobiographie. Daneben stehen schmalere Publikationen wie „Meine Preise“, Stunden an Fernsehinterviewmaterial und öffentliche Debattenbeiträge. Obwohl er sich auf seinen Bauernhöfen und Landgütern immer erdverwachsen und provinziell gezeigt hat, hat Thomas Bernhard den Umgang mit modernen Medien zur Meisterschaft gebracht. Nicht nur, aber auch war er eine feinjustierte Skandalmaschine. In der Weise, wie Bernhard alle Fäden der Kontrolle über sein öffentlichen Bild in der Hand hielt, ist jeder Versuch, ein Gegennarrativ zu finden, ein kühnes Vorhaben.

Der Autor Manfred Mittermayer – Leiter des Salzburger Literaturarchivs – scheint für dieses Problem ein geschärftes Bewusstsein zu haben, so deutet es zumindest das Zitat aus „Der Keller“ auf dem Buchrücken an: „Ich darf nicht leugnen, daß ich auch immer zwei Existenzen geführt habe, eine, die der Wahrheit am nächsten kommt und die als Wirklichkeit zu bezeichnen ich tatsächlich ein Recht habe, und eine gespielte, beide zusammen haben mit der Zeit eine mich am Leben haltende Existenz ergeben.“ Das Missverständnis, das daraus entstehen kann, darf allerdings nicht bedeuten, hier gehe es darum, den Zugang zu einem authentischen Thomas Bernhard zu finden. Aber man kann eine eigene Stimme entwickeln, um Widerspruch einzulegen. Oder sich die Hilfe anderer Stimmen suchen.

„Innige Liedbegabung, nachdenklich, gut“ – Lyrikerin Christine Busta über Thomas Bernhard

Letzteres hat Mittermayer für sich entdeckt und macht häufig und gezielt davon Gebrauch. Zu Beginn legitimiert der Autor die Daseinsberechtigung der Biographie in dem Umstand, dass 2002 das Thomas Bernhard-Archiv in Gmunden geöffnet wurde. Dadurch sind neue Dokumente zugänglich geworden, die hier zum ersten Mal umfangreich aufbereitet sind. Was sich jedoch immer noch unter Verschluss befindet, sind die Korrespondenzen – außer natürlich der legendäre Briefwechsel mit Siegfried Unseld.

Zwar ist einiges davon den versierten Bernhard-Kennern schon vertraut – seine Bewunderung für Ingeborg Bachmann, seine Fehde mit Peter Handke oder seine Hassliebe zu Elias Canetti – doch Mittermayer bringt auch die Figuren der österreichischen Literatur zum Sprechen, die man zuvor nicht mit Bernhard in Verbindung brachte. So hat sich die Kärntnerin Christine Lavant früh für ihn eingesetzt. Plastisch schildert Bernhards Biograph auch, in welcher Weise der radikale, aber ganz und gar unavantgardistische Schriftsteller in inniger Feindschaft den Autoren der Wiener Gruppe verbunden war. Der große Verächter musste damit umgehen, von den führenden Köpfen der österreichischen Nachkriegsliteratur Ablehnung zu erfahren. Das lag, nach Mittermayer, wohl weniger an programmatischen Konflikten, sondern an Bernhards unzugänglichen Art, die von seinem Aussehen unterstrichen wurde, wie die ihm bekannte Jeannie Ebner beschreibt: „Der erste Anblick war für mich erschreckend. Er hat ausgeschaut wie ein hungriger Wolf. Hundemager, voller Akne, schlechte Zähne.“

„Ich bin immer der Störenfried geblieben, in jedem Atemzug, in jeder Zeile, die ich schreibe.“ Thomas Bernhard in ‚Der Keller‘

Spannend ist auch wie Mittermayer die Beziehung zwischen Thomas Bernhard und seinem Großvater Johannes Freumbichler rekonstruiert. Zwar beschreibt Bernhard selbst in seinen autobiographischen Schriften Freumbichler als prägende Figur, doch durch Mittermayer wird deutlich, dass der Großvater, der selbst Schriftsteller war und dessen Werk heute fast vergessen ist, auch ein Bindeglied zur untergegangenen, kakanischen Kultur war. So ergibt sich ein runderes Bild seiner Familiengeschichte und faszinierende Schnittstellen in den Lebensläufen: Der Großvater war während des Ersten Weltkrieg im gleichen Ort im Balkan stationiert wie rund dreißig Jahre später Thomas Bernhards Vater im Zweiten.

Gegenüber seinem Freund Hans Rochelt hat Bernhard insistiert, dass es ihn selbst gar nicht gebe, sondern nur sein Werk.

Je mehr sich Mittermayer jedoch den Erfolgszeiten des Autors nähert, desto weniger gelingt es ihm, Abstand von Thomas Bernhards Selbstinszenierung zu nehmen. Zwar kann ein Biograph nichts dafür, wenn die Quellenlage  nur Selbstaussagen des Autors hergibt, doch in ihrem Verlauf wird aus der Biographie ein „Best of“ der Bernhardschen Schriften. Das Problem, das sich dabei ergibt, besteht darin, dass sich Mittermayer zu sehr Bernhards Taktung unterwirft. Der Text wird zu einem Parforce-Ritt durch die vielen Aufreger und Skandale der Erregungsmaschinerie. Welchen Zweck es hat, in einer Biographie jede einzelne Preisrede Bernhards zu rekonstruieren, die man in ihrer ganzen Launigkeit in „Meine Preise“ nachlesen kann, lässt sich nicht richtig erkennen, vor allem, weil Mittermayer keine Idee hat, welche Stellung diese Preisreden im Werk zukommt und was das Spezifikum dieser öffentlichen Autorenäußerungen ist.

„Mein nächstes Buch lassen Sie bitte gleich von einem natürlich auch in Oberösterreich geborenen oder ansässigen Schimpansen oder Maulaffen besprechen.“

Für Bernhard-Neulinge ist Mittermayers Biografie sicher ein gut zusammengestellter Überblick, für Bernhard-Kenner liest sich der Großteil des Texts wie eine Inhaltsangabe. Es macht zwar viel Spaß, Bernhard noch einmal dabei begleiten zu können, wie er scheinbar jeden Tag Österreich bis zur Schmerzgrenze in den Schmutz zieht, Schriftstellerkollegen mit einem Satz vernichtet oder seinen Verleger in den Wahnsinn treibt; doch weil Mittermayer dazu so wenig zu sagen hat und keinen eigenen Zugang findet, gibt es in den letzten zwei Dritteln der Biographie keine Passage mehr, wo der Leser nicht mit mehr Gewinn Bernhards Werk auf eigene Faust erkunden könnte. Denn einen anderen Bernhard wird man dort auch nicht finden, als den, den uns Mittermayer zeigt.


Wir danken dem Residenz-Verlag für das Rezensionsexemplar.

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