Manja Präkels‘: „Als ich mit Hitler Schnapskirschen aß“: Der Kapitalismus trägt Springerstiefel

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Mit langen, lustigen Titeln ist es so wie mit T-Shirt-Sprüchen. Zuerst huscht ein Grinsen ins Gesicht, doch je länger man draufschaut, desto tiefer sinken die Mundwinkel. Warum das so ist, das hat Daniel Kehlmann im ZEIT-Interview zuletzt gut auf den Punkt gebracht: „Der Witz ist da, man lacht, man hat ihn verarbeitet – aber dann bleibt er da. Weil der Mensch das T-Shirt ja immer noch trägt. Aber der Witz sollte nicht mehr im Raum sein, nachdem er gewirkt hat. Und deswegen sollte man keine lustigen T-Shirts tragen!“ Ähnlich verhält es sich mit dem Titel von Manja Präkels Roman „Als ich mit Hitler Schnapskirschen aß“. Hitler, das ist sowieso ein beliebtes Buzzword, mit dem man die Leute vom Hocker holt, und dazu noch Schnapskirschen, das ein versunkenes Wort aus Zeiten der Mettigel und Häkeldecken ist, bildet einen schönen Kontrast. Unterstützt vom prägnanten Verbrecher Verlags-Design, das den Kontrast im Rot der Schrift und Schwarz des Buches aufnimmt, ist der Witz im Raum. Und verlässt ihn nicht mehr.

Glücklicherweise muss man eine ganze Weile in Präkels Roman weiterlesen, bis man der nächsten Fehlentscheidung begegnet, denn die Autorin, die auch Sängerin der Band „Der Singende Tresen“ (noch so ein Witz, der nicht weiterziehen möchte) ist, schafft es mit ihrer poetischen, manchmal zotigen, manchmal sehr melancholischen Sprache eine Atmosphäre zu schaffen, die den Leser umhüllt und mit in das Dorf an der Havel nimmt, das zum Schauplatz der Narration wird: „Unsere Straße war einst das Zentrum eines Dorfes gewesen, das seit der industriellen Revolution nicht mehr existierte und doch eine Welt für sich geblieben war.“ Das Leben ist dort, obwohl es vom Beginn zum Roman nicht mehr weit bis zum Mauerfall ist, ziemlich ursprünglich, man könnte auch sagen: altmodisch geblieben. Und so verbringt die Protagonistin Mimi und Ich-Erzählerin Mimi mit ihrem Freund Olli eine wahrhafte Huckleberry Finn-Kindheit: „Bei Regen und Schnee, Sonnenschein und Nebelwetter waren wir unterwegs, draußen.“

Als ich geboren wurde, war es dunkel und kalt, draußen, vor dem Fenster des ziegelroten Krankenhauses, dort am Rande der Stadt.

Dass die Harmonie ein fragiler Zustand ist, dem jeden Moment der Boden unter den Füßen weggezogen werden könnte, merkt der Leser relativ schnell. Die in der Schule eingeübten Treueschwüre zu Partei und Internationale wollen nicht mehr recht verfangen, der Vater von Mimi ist krank und eine groteske Grausamkeit ist allgegenwärtig, im Erzählten, wie in der Sprache: „Am Tage hatten die Männer im Hof geschlachtet, und Trine, meine Lieblingsgans, war stumm und hektisch auf mich zugeflattert. Ihr abgetrennter Kopf hatte dabei im Gras gelegen und ihre Augen mir ein letztes Mal zugezwinkert.“ Man bleibt unter sich und macht sich gegenseitig mürbe. Die Isolation und die damit einhergehende Scheu vor dem Fremden stellt stellvertretend Mimis Oma dar, die glaubt, bereits in Westberlin beginnt der menschenfeindliche und kapitalistische Wilde Westen.

Wie Schimmelpilz in den Kellerritzen hatte sich die Wut erst im Haus, dann auf der Straße verbreitet und beherrschte schließlich die ganze Stadt.

Der Roman arbeitet mit ständigen Androhungen („Wir würden noch erfahren, wie es klingt, wenn das Eis bricht.“) und Ankündigungen des kommenden Unheils: „Eine neue Welle der Gemeinheit kroch über die Straßen und Plätze in das Neubaugebiet, erreichte bald unsere Klassenzimmer.“ Das ist zwar nicht besonders subtil, dafür effektvoll und der Roman hält das auch aus, weil Präkels es vermag, diese sehr getragenen, pathetischen Momente mit grotesken Elementen wiederaufzuheben. So kommt es schließlich wie es kommen muss: Der Mauerfall ist da und nach einer ersten Euphorie zeigt sich, dass die Dorfgemeinschaft auf diese Zäsur nicht vorbereitet war: „Westgeld. Die Schaufenster waren zu klein geworden.“

Immer wenn Helmut Kohl lächelte, kam ich mir wie eine Idiotin vor.

Mit dem titelgebenden Hitler ist freilich nicht der österreichische Landschaftsmaler gemeint, sondern Freund Olli. Der macht während und nach der Wende Karriere als Schläger und Neonazi und nennt sich nur noch Hitler. Samt seiner genauso minderintelligenten Freunde macht er die Dorfgemeinschaft unsicher. Mimi ist währenddessen bei einer Lokalzeitung gelandet, nachdem sie schließlich – durch die sich plötzlich offene Welt ist sie erst hier und dort – realisiert, dass ihr Platz doch im Dorf an der Havel ist. Als sie mit Freunden ein Dorffest organisiert, eskalieren die Nazis und es wird blutig.

Auf den Schulhöfen hatten sich die Jungs in kahl rasierte Schläger verwandelt.

Manja Präkels findet in ihrem Roman keine neue Beschreibung dafür, was nach der Wende in vielen ostdeutschen Gemeinde passiert ist: Die Wiedervereinigung hat in strukturschwachen Regionen einen gemeingefährlichen Cocktail von Perspektiv- und ideologischer Heimatlosigkeit zusammengebraut, welcher sich als Konjunkturprogramm für Rechtsradikale herausstellen sollte. Manchmal schleicht sich ein Hauch Ostalgie in den Roman hinein, zum Beispiel wenn die Erzählerin über den sozialen Wandel nachdenkt: „Die Regeln, nach denen wir Kinder von Putzfrauen, Ingenieuren, Lehrerinnen und Verkäufern uns einst am schönen Ostseestrand als Gleiche unter Gleichen begegnet waren, galten nicht mehr. Unsere Welt zerfiel in zwei Hälften.“ Schwamm drüber. Viel ärgerlicher ist es, dass der Roman – nachdem er es geschafft hat, den Leser in den Bann zu ziehen – spätestens in der zweiten Hälfte in den Modus der Chronik verfällt, die man aus so vielen Wenderomanen kennt. Erzählt werden dann plötzlich nicht mehr Stimmungen, Atmosphären und innere wie äußere Vorgänge, sondern schlichtweg: Ereignisse. Ein Ereignis folgt dem nächsten und die wunderbare Sprachkraft, die Präkels mitbringt, kommt gar nicht mehr zum Schwingen, weil das nächste Ereignis schon wieder vor der Tür steht.

Omis Lackschuhe fest im Griff lief ich hinterher und stellte verwundert fest, dass sich die Welt um mich drehte.

Die Sehnsucht danach, sich die Wiedervereinigung (vor allem im Zusammenhang mit Coming-of-Age-Geschichten) immer wieder zu erzählen, wird aus der deutschen Gegenwartsliteratur scheinbar so bald nicht zu bannen sein. Die Ermüdungserscheinungen des Lesers sind vielleicht nur welche westlicher Prägung. Wenn die Mauer also Jahr um Jahr erneut literarisch fallen soll, dann bitte so wie bei Manja Präkels, die im Gegensatz zu vielen ihren Kollegen über eine Sprache und Humor verfügt, die einem länger in Erinnerung bleiben wird, als die hundertste Chronik einer Wiedervereinigung.

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