Marcel Reich-Ranicki: Die Verteidigung der Kritik

Über Literaturkritik

Bloggern wird mitunter vorgeworfen, sie führen zu selten die theoretische Auseinandersetzung mit ihrer eigenen Tätigkeit. Dabei ist diese zu bestimmen gar nicht so einfach, schließlich könnte das Bild, das alleine die deutschen Buchblogger ergeben, heterogener kaum sein. Zwar ist den professionellen Feuilletons längst eine ernstzunehmende Konkurrenz erwachsen – auch darüber ließe sich so manch wütender Angriff aus den journalistischen Reihen erklären – doch wo die Reise am Ende hingeht, ist offen: schließlich sind so gut wie alle Blogs immer noch im Freizeitstatus und dadurch stetig von Zeitnot oder Perspektivlosigkeit bedroht. Doch die Bekanntheit, die manch ein Vertreter der neuen Zunft mittlerweile erlangt hat, entlässt nicht aus der Verantwortung, sich ständig zu fragen: Was soll das ganze eigentlich? Wen könnte man da besser befragen als den schmerzlich vermissten Marcel Reich-Ranicki.

Sein Essay „Über Literaturkritik“, das seiner Sammlung „Lauter Verrisse“ vorangestellt wurde, gehört sicherlich nicht zu den programmatischen Höhepunkten in der Geschichte der Literaturkritik, doch in der unnachahmlichen Klar- und Direktheit, die immer Ranickis Credo gewesen war, macht er darin deutlich – ob das nun seine Absicht war oder nicht – mit welcher Regelmäßigkeit sich die deutsche Kritik den gleichen Vorwürfen ausgesetzt fühlt, die auch neuerdings wieder erhoben werden. Der Topos von der Literatur(kritik) in der Krise ist so alt wie sie selbst und obwohl der Großkritiker selbst genügend Beispiele dafür findet, kann auch er sich nicht der Versuchung entziehen, sie abermals auszurufen. So kann die Conclusio dieses Essays nur eine widersprüchliche sein: Entspannt euch. Und bleibt kritisch. Denn die gute Kritik setzt den kritischen Geist voraus.

Denn die Geschichte der deutschen Literaturkritik ist die Geschichte des Kampfes um ihre Anerkennung.

Reich-Ranicki eröffnet seinen Essay mit der grundlegenden Fragestellung nach dem Sinn der Kritik: „Wann lohnt es sich, in aller Öffentlichkeit zu erklären, warum man glaubt, daß ein bestimmtes Buch, das man für schlecht hält, schlecht sei?“ und geht von einer grundsätzlichen Skepsis gegenüber dem tadelnden Wort, das sich an die Literatur richtet: „Wer sich über die Arbeit anderer öffentlich äußert und nicht alles schön und gut findet, bereitet manchen Schadenfreude, setzt sich aber sofort dem Verdacht aus, er sei ein hämischer Kerl, dem es Spaß mache, seinen Mitmenschen am Zeug zu flicken.“ Dieses Unbehagen führt Ranicki nicht etwa auf die ausgeprägte Höflichkeit, viel mehr auf den noch stärkeren Untertanengeist der Deutschen zurück. Dort, wo man am liebsten seine Ruhe hat und lieber nicht in Schwierigkeiten kommt, wird jeder argwöhnisch beäugt, der aus der Reihe tanzt. Der Querulant war in Deutschland noch nie besonders beliebt und die teilweise harschen Reaktionen auf den aktuellsten Querulanten Maxim Biller scheinen dieser These Recht zu geben.

Nein, Deutschland mangelt es nicht an großen Kritikern, aber den großen deutschen Kritikern fehlte Deutschland.

Dabei hat der Kritiker als Kratzbürste innerhalb der Gesellschaft eine immens wichtige Aufgabe: Selbst da, wo er nicht Recht hat oder auch unfair ist, öffnet er Räume für Diskussionen, die in der einhelligen Einigkeit gar nicht erst erkundet worden wären. Zwar mag einem Reich-Ranickis Vorstellung des Kritikers als Anwalt, Pädagogen oder manchmal auch Zuchtmeister allzu schulmeisterlich vorkommen, doch dahinter steckt nicht weniger als der Anspruch, sich der immer gleichen Frage zu stellen: Was ist gute Literatur? Dieser Frage im Verriss nachzugehen, stellt dabei kein Widerspruch dar, sondern ist ein wichtiger Bestandteil in dieser Wahrheitsfindung: „Ob Hymne oder Verrisse, stets handelt es sich darum, im Extremen das Exemplarische zu erkunden und zu zeigen.“

Vor der Folie dieses Essays liest sich so mancher Kommentar zur aktuellen Lage der Literaturkritik, die immer häufiger auch mit dem Aufkommen von Literaturblogs verknüpft wird, erstaunlich uninspiriert. Schon Tucholsky – und es ließen sich frühere Beispiele finden – proklamierte: „Was die deutsche Buchkritik anlangt, so ist sie auf einem Tiefstand angelangt, der kaum unterboten werden kann.“ Und das zu einer Zeit, in der die Kritik so prominent besetzt war und so substantiell am intellektuellen Leben beteiligt war, wie noch nie zuvor. Auch die immer wieder prognostizierte Blogschwemme lässt sich mit Ludwig Börne aus dem 19. Jahrhundert kommentieren – „In Deutschland schreibt jeder, der die Hand zu nichts anderem gebraucht, und wer nicht schreiben kann, rezensiert.“ – und erweist sich damit als alter Wein in neuen Schläuchen. Und das immer wieder aufgerufene Distinktionsmerkmal der Blogs, die starke Subjektbetonung? Die rief schon August Wilhelm Schlegel aus und ein Blick in die Geschichte der Literaturkritik bestätigt: Das „Ich“ in der Kritik tauchte auf, verschwand wieder, nur um dann wieder sein Revival zu feiern. Das kann kein Grund zur Selbstzufriedenheit sein. Nur weil die Literaturkritik auch die zehnte vermeintliche Krise überlebt hat, bedeutet das nicht, dass sich nicht immer wieder Krisensymptome abzeichnen, aber es zeigt, wie stark die Kritik immer schon Transformationsprozessen unterworfen war, die nun abermals eine neue Stufe erreicht haben..

Jede Kritik, die es verdient, eine Kritik genannt zu werden, ist auch eine Polemik.

Und so kann man von Reich-Ranickis Essay vor allem eine Aufforderung mitnehmen: Haltung zeigen! Denn wo sich das Feuilleton schon immer als wichtiger Akteur im Literaturdiskurs verstanden hat, muss sich eine klare Haltung in den neu entstandenen Literaturplattformen erst noch finden. Das Verständnis mancher Blogs als reine Empfehlungsdistanz oder die schlichte Weigerung, Verrisse zu schreiben, kann sich im Sinne der Kritikerideale eines Reich-Ranickis nur als Irrweg herausstellen: „Aber Bestseller zu managen oder zu verhindern, ist nicht Sache der Kritiker – das liegt in der Kompetenz eines anderen Gewerbes –, sie können nur Erkenntnisprozesse und Entwicklung anregen und einleiten, begünstigen und beschleunigen und freilich auch hemmen.“ Zwar ärgert sich sicher auch kein Feuilletonredakteur, wenn sich ein von ihm gelobtes Buch gut verkauft, doch durch Kaufempfehlungen das Konsumverhalten der Leser zu beeinflussen, sollte nicht das primäre Ziel des Kritikers sein, wenn er sich nicht als Verlagsmarketing mit anderen Mitteln versteht.

Am Ende hat Reich-Ranicki eine versöhnliche Botschaft für alle übrig: Denn bei aller Häme, die er kübelweise über die Publikationen so mancher Autoren verteilte, ging es eigentlich immer um die Liebe zu Literatur. Er hat verstanden, dass es dabei keinesfalls um bedingungslose Liebe gehen kann, sondern dass Literatur immer nur dann ins Gespräch kommt, wenn sie Widersprüche erzeugt.

7 Kommentare

  1. Ich finde es ehrlich gesagt nicht nachvollziehbar, wenn Leute nur Empfehlungen auf ihren Blogs aussprechen wollen. Der Austausch über Literatur lebt ja auch von den kritischen Stimmen. Aber das kann ja jeder für sich selbst entscheiden.
    Nachvollziehen kann ich die Scheu allerdings, ein Buch negativ zu besprechen. Vor allem, wenn der Rest des Internets und vielleicht sogar das Feuilleton es bejubelt. Dann gibt es schnell einen Hurz-Effekt, wie ich das frei nach Kerkeling gerne nenne. Keiner will als erstes sagen, dass er das Buch total blöd fand, weil man am Ende der eine Depp sein könnte, der es halt einfach nicht kapiert hat. Bei mir hat es jetzt fast ein Jahr gedauert, bis ich mich wirklich traue, Bücher deutlich negativ zu bewerten. Aber deiner Forderung schließe ich mich gerne an: Haltung zeigen!

    • Grundsätzlich kann ich diese Scheu natürlich verstehen. Man äußert sich in der Öffentlichkeit – wie groß die dann auch immer sein mag – und lehnt sich aus dem Fenster, da möchte man sich nicht zum Horst machen. Aber auch mit Nicht-Verstehen kann man ja offensiv umgehen. Das kann ja auch im Buch angelegt sein, entweder weil sich ein Roman unnötig verklausuliert oder aber weil es schlicht nicht viel zu verstehen gibt. Und gerade wenn der Jubel besonders groß ist, wird ein Widerspruch ja erst besonders spannend.

  2. Pingback: #netzrundschau 04/2016 | SchöneSeiten

  3. Danke für Dein zusammenfassendes und kommentiertes Exzerpt des Aufsatzes von Reich-Ranicki. Dein Beitrag ist hiermit fest in die Bookmarks aufgenommen, weil er bei der nächsten Diskussion Feuilleton versus Blogger (sie wird kommen, ganz sicher) sehr hilfreich sein wird.
    Ein weiterführender Lesetipp vielleicht noch: Falls Du es noch nicht kennen solltest, lege ich Dir das jüngste Werk von Jan-Philipp Reemtsma wärmstens ans Herz. „Was heißt: einen literarischen Text interpretieren?“ (C.H.Beck). lg_jochen

    • Gerrit

      Das freut mich! Ich glaube, die Beschäftigung mit Reich-Ranickis Begriff von Literaturkritik ist für Blogger ganz besonders lohnenswert, weil er mit seiner strikten Leserorientierung und anti-akademischen Verständnisses von Kritik ein geistiger Verwandter (auch wenn er sich dagegen sicher gewehrt hätte) der Bloggerszene sein könnte.
      Den Reemtsma-Text kenn ich noch nicht, kommt sofort auf die persönliche Leseliste, vielen Dank!

      Liebe Grüße

      Gerrit

  4. Wortlichter

    Ich denke viele schreiben auch nur Gutes über Bücher, weil sie auch nur Bücher lesen, die sie gut finden. Wenn ich ein Buch sehe, wo ich weiß, dass es mir nicht gefallen wird, dann opfere ich dafür nicht meine wertvolle Zeit.
    Aber ich sehe das auch noch ein bisschen differenzierter. Ich denke schon, dass man auch bei einer positiven Kritik Diskussionen anstoßen kann, ohne das Buch zu verreißen. Ich habe auch einen gewissen Respekt gegenüber einem Werk und bin mir bewusst, dass meine Meinung nicht die Meinung von allen Menschen ist. Aber Literaturkritik ist auch irgendwie eine Kunst für sich. Manchmal bin ich ganz amüsiert davon und es hat schon einen gewissen Unterhaltungswert. Es kommt für mich auch darauf an, wie man das Ganze verpackt. In dem Sinne gibt es ja keine schlechte Kritik weil ein guter Verriss auch irgendwie neugierig macht. In Zeiten des Shitstorms ist das jedoch im Internet sicher schlechter umsetzbar und driftet schnell durch Beteiligte auf eine tiefe Ebene ab.

    Tatsächlich sind Blogs aber heutzutage auch Marketing-Instrumente, besonders beim Genre Fantasy ist das ziemlich sichtbar. Liegt aber auch daran, dass einfach jeder einen Literaturblog erstellen kann. Zu richtiger Kritik gehört für mich auch Lebenserfahrung und Literaturerfahrung. Von beidem hat der durchschnittliche Blogger eher wenig.

    Tatsächlich wird mir das besonders bewusst, wo ich selbst angefangen habe zu bloggen. Rezensionen zu schreiben ist gar nicht so einfach. Einfach was Schreiben zu einem Buch, das ist einfach. Aber wirklich die Besonderheiten rauszustellen und Diskussionen anzustoßen ist schwer. Ich möchte einen Blog haben, der einen Nutzen bietet, abseits von: „Das ist ein tolles Buch“. Aber mir ist bewusst geworden, dass das gar nicht so einfach ist. Aber ich bin auch gewillt daran zu arbeiten und mein erster Schritt ist erstmal mir einen Crash-Kurs in Literaturgeschichte zu verschaffen. Ein entsprechendes Buch ist bereits auf dem Weg zu mir und das Essay von Reich Ranicki, werde ich sicher auch irgendwann noch lesen.

    Liebe Grüße, Anja

    • Immer nur gute Bücher zu lesen, die man gut findet, stelle ich mir in der Praxis schwierig vor, denn selbst wenn man sich an ein paar streng ausgewählte Lieblingsautoren hält, ist da doch mal eine Enttäuschung dabei. Klar, kann man sich dafür entscheiden, schlechte Literatur nicht zu Ende zu lesen oder nicht zu besprechen, aber ich halte das für einen Irrtum. Denn manchmal kann man an schlechter Literatur genauso viele Erkenntnisse, freilich anderer Art, schöpfen wie an der guten. Ich glaube auch nicht, dass irgendeinem Werk oder einem Autor mit einer respektvollen Geste geholfen ist, die verhindert sich dem Gegenstand kritisch zu nähern. Schließlich wird Literatur, im Moment der Publikation in Buchform, zu einem öffentlichen Gegenstand, der Kritik aushalten muss.

      Zu deinem letzten Punkt: Natürlich ist das Schreiben über Literatur, das Schreiben an sich, nicht einfach, darum ist es ja ein schöner Umstand, dass es da Leute im Feuilleton gibt, die ihr Handwerk gelernt haben. Trotzdem kann ja ein jeder, auf seinem Niveau, mit seinem eigenen Textzugang, mit seinen Vorkenntnissen, das Gespräch über Literatur befeuern.

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