Mareike Krügels „Sieh mich an“: Das Leben, das keiner wollte

Sieh mich an

Plötzlich wacht man auf und weiß: Das war es nun. Das Leben wird keine Überraschungen mehr für einen übrig haben, alles ist eingerichtet. Wie konnte das Leben so werden wie es ist? Wo hat man die falsche Abzweigung genommen und wieso hat man es nicht früher kommen sehen? Die Frage danach, wie determiniert das Leben ist, hat die Literatur schon immer fasziniert. Bei Thomas Mann lernt man, dass Familien so etwas wie Schicksalsgemeinschaften sind, die Gesetzmäßigkeiten folgen, Max Frisch setzte der Sehnsucht nach der Flucht aus dem eigenen Leben das Spiel mit der Identität entgegen und die Ronja von Rönnisierte Literatur der Millenials klagt vor allem darüber, dass eigentlich alles gut, aber doch irgendwie langweilig ist. Auch Mareike Krügels neuer Roman „Sieh mich an“ geht der Frage nach, wie eigentlich alles so weit kommen konnte.

Dabei hat die Protagonistin Katharina Theodoroulakis in „Sieh mich an“ tatsächlich gewichtige Probleme. Denn Katharina hat ein Kind verloren, bei der Geburt. Die Szene, wie der Säugling im Geburtskanal plötzlich die Kraft verliert, ins Leben zu treten, ist sicherlich die eindringlichste Szene in diesem Roman. Krügel hat ein Talent dafür, der Tragik ihrer Figuren literarische Gestalt zu geben. Doch Katharina hat keine Zeit, sich dem Drama ihres Lebens hinzugeben, denn sie hat noch zwei andere Kinder, Helli und Alex, und dann ist da auch noch ihr Mann Costas. Das Drama ihres Lebens ist daher nicht nur der Verlust des Kindes, sondern auch einfach weitermachen zu müssen.

„Das geht so nicht, Frau Theodoroulakis, dass Ihre Tochter hier alles vollblutet.“

„Ich will nicht sterben, und ich will auch nicht durch diese Tür gehen. Schultüren sind der Eingang zur Hölle, Aber es hilft nichts, meine Tochter braucht mich.“ heißt es zu Anfang von Krügels Roman. Wenn erste Sätze ein pars pro toto der Grundkonstellationen und –konflikte leisten sollen, ist Krügels erster Satz ein guter erster Satz. Das „Ich“ kommt darin vor, das hier erzählt, die Angst kommt darin vor, gewisse Schwellen zu übertreten und das gleichzeitige Verantwortungsbewusstsein auch. Der Grund für ihren trotzigen Mut ist Tochter Helli, die seltsame Symptome zeigt: „Alle paar Wochen, ohne Vorankündigung und erkennbare Regelmäßigkeit, wurde ich in der Schule von einem Kotzanfall heimgesucht.“ Der Leser lernt zwar, dass sie darin Katharina durchaus ähnelt, aber Hellis Name ist Programm: Sie ist das anstrengende Kind, kann den Alltag zur Hölle machen. Alex, hingegen, der Sohn von Katharina und Costas ist das genaue Gegenteil – ein Sonntagskind, das anstrengungslos durchs Leben schwebt.

„Bei meiner Tochter blutet das Gehirn aus der Nase, und sie wird mit jeder Minute dümmer.“

Dazu kommt ein Mann, der zu seinen griechischen Wurzeln ein Verhältnis pflegt, das er sich in Kochbüchern zusammengelesen hat: „Es hätte ihn schon viel früher stutzig machen sollen, dass es bei Oma Chara in Bochum immer nur Nudeln gegeben hatte.“ In diesem mehr oder minder normalen Familienverhältnissen bricht das Unglück des Kindstods und Katharina wird vom Zwang des Funktionierens erdrückt. Um das zu unterstreichen, wirft der Text immer wieder – so zumindest intendiert – schonungslose Sätze voller Resignation ein: „Am Ende erwog ich Selbstmord.“ oder „Inzwischen bin ich mürbe.“. In diesem Familiengeflecht an Verantwortlichkeiten hängt alles irgendwie zusammen: „Manchmal denke ich, ich bin eine Art Spinne im Netz, dessen Fäden zu all den Leuten reichen, die ihr wichtig sind. Sobald sich einer von ihnen bewegt, zittert oder ruckt der Faden, und ich zittere oder rucke mit.“

Alles, was ich war, hatte sich irgendwie von selbst ergeben, nichts hatte mich besondere Mühe gekostet.

Das, was dabei auf der Strecke geblieben ist, ist der eigene Lebensentwurf. Die Promotion mit dem vielversprechenden Titel „Wenn das Klavier mehr weiß als der Gesang – Das Verhältnis von Lyrik und musikalischer Umsetzung in den Liederzyklen der Romantik.“ ist nicht mal mehr ein Traum, die Motivation ist längst flöten gegangen. Das ist auch alles sehr eindringlich erzählt, manchmal auch sehr treffend. Doch „Sieh mich an“ verwechselt persönlichen Mut mit literarischem. Wenn die Ich-Erzählerin, die bei aller persönlicher Gebrochenheit, nicht einmal in ihrer Perspektive in Frage gestellt wird, Sätze ausspricht wie: „Ich habe manchmal den Gedanken, ich könnte nur frei sein, wenn meine Kinder nicht mehr da wären. Solange sie leben, werde ich gefesselt und an sie gekettet sein.“, dann mag das auf der Eben der persönlichen Aussage einer Figur, die ihren Familienmitgliedern verpflichtet ist, mutig sein, doch die Autorin scheint davon auszugehen, dass dadurch auch schon ihr Roman ein mutiger wird.

Alles an dieser Schwangerschaft und Geburt war durchgedacht und geplant. Uns war klar, es würde unser letztes Kind sein.

Die Wahrheit ist jedoch viel eher, dass „Sieh mich an“ ein grundbiederer Roman über eine Frau im Unglück ist. Welche ästhetischen Konsequenzen aus diesem Unglück zu ziehen wären, darüber macht sich „Sieh mich an“ keine Gedanken. Und so bleibt der Roman auf halber Strecke stehen. Manche Passagen mögen einem die Haare hochstehen lassen, doch eine wirkliche Kraft entwickelt diese Literatur nicht, da der Leser zu keiner Zeit in Frage gestellt wird. Das hier ausgestellte Unglück mag nahegehen, aber Rührung ist der Literatur nun seit rund zweihundert Jahren nicht mehr genug.


Wir danken dem Piper Verlag für das Rezensionsexemplar.

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