Margaret Atwoods „The Handmaid’s Tale“: Im inneren Salon

TheHandmaidsTale

Bei den diesjährigen Emmy-Verleihungen gab es viele Sieger, wie sollte es auch anders sein, bei einer Verleihung, die Preise mit der Gießkanne ausschüttet. Doch einer der großen Sieger war sicherlich „The Handmaid’s Tale“. Die Serie basiert auf dem gleichnamigen Roman der kanadischen Schriftstellerin Margaret Atwood und zieht einen mittellangen Roman auf die Länge von zehn Folgen. Die im Text so dominante Ich-Erzählerin June Osborn bzw. Offred wird in der Serie ausgerechnet von der so talentiert wie religiös verwirrten Elisabeth Moss verkörpert. Doch dass die Hauptdarstellerin einer Serie, die eine totalitär-religiöse Gesellschaft zeichnet, sich der Humbug-Gemeinschaft von Scientology angeschlossen hat, ist nicht die größte Krux. Wer heute noch mal Atwoods Roman „The Handmaid’s Tale“ liest, kann verstehen, warum dieser Stoff als Serie nur scheitern konnte – und warum Atwood eine große Schriftstellerin ist.

Dabei liegt es zunächst auf der Hand, aus Atwoods Roman eine Serie zu machen. Dystopien sind ein sehr beliebter Stoff und die, die hier gezeichnet wird, hat es in sich. Religiöse Fundamentalisten haben per Staatsstreich in den USA die Macht übernommen und sich sofort daran gemacht, die Gesellschaft nach ihren Vorstellungen umzuformen. Das bedeutet vor allem ein starkes Patriarchat, während die Frauen aufs Extremste unterdrückt werden. Deren Rolle als Mütter wird in der Gesellschaft von Gilead (wie der neuen Staat heißt) auf die Spitze getrieben, was religiös ausargumentiert wird, aber einem zynischen Pragmatismus folgt, denn die Menschen sind weitestgehend unfruchtbar geworden. So bildet sich in der Gesellschaft eine Schicht der Maids, diejenigen, die fruchtbar sind, die den elitären Familien dienen müssen, um deren Kinderwünsche zu erfüllen. Zwang ist die treibende Kraft in Gilead, der sich mit Brutalität auf die allermeisten Frauen legt.

The bell that measures time is ringing. Time here is measured by bells, as once in nunneries. As in a nunnery too, there are few mirrors.

In dieser Situation erblickt die Ich-Erzählerin das literarische Licht. Im Roman wird die bereits beschriebene Welt nur durch das Nadelöhr, das diese Erzählerin ist, erfahrbar. Weite Teile sind von ihren Reflexionen geprägt, es gibt zwar direkte Rede, aber die ist weit nicht so prominent vertreten, wie die Überlegungen der Erzählerin. Das ist inhaltlich in ihrer Situation begründet: Sie dient als Handmaid ihrem Commander (so werden die Männer der privilegierten Familien genannt), muss sich in einem demütigen Ritual, das religiös übersteigert wird, von ihm vergewaltigen lassen, macht den Einkauf für die Familie und besitzt sonst keine Rechte. Ihre Marginalisierung geht soweit, dass sie kaum noch sprechen kann (so heißt es über die Frau des Commander: „She doesn’t speak to me, unless she can’t avoid it. I am a reproach to her; and a necessity.“) und darf. Und so ist sie auf ihre innere Stimme zurückgeworfen, auf den Dialog mit sich selbst. Ihre äußere Vereinsamung korrespondiert mit der Dominanz des inneren Gesprächs.

Fraternize means to behave like a brother. Luke told me that. He said there was no corresponding word that means to behave like a sister. Sororize.

Das einzige, was ihr eine trügerische Hoffnung auf Freiheit schafft, ist der Verschlag, den sie ihren Schlafraum nennen darf: „MY room, then. There has to be some space, finally, that I claim as mine, even in this time.“ Die Sehnsucht nach einem Zimmer für sich selbst – die Verbindung zu einer anderen feministischen Autorin liegt offen zutage. Atwood leiht sich ein Motiv von Virginia Woolf aus, die in ihrem Essay „A room for one’s own“ einst mit dem Blick auf die britische Literatur die These entwickelte, dass es zwar natürlich eine weibliche Literatur gibt (sie thematisiert vor allem Jane Austen), diese aber ein eingeschränktes Verhältnis zur Welt widerspiegelt. Denn die Frauen der an der Schwelle zum Viktorianischen Zeitalter stehenden Gesellschaft können sich in dieser Gesellschaft nicht emanzipiert in ihr bewegen, sondern sind auf jene Räume zurückgeworfen, die ihnen die patriarchalischen Strukturen zugestehen. Und das waren vor allem die Salons, die zwar komplexe Kommunikationsformen hervorgebracht hat (die Virginia Woolf bei Jane Austen zur Meisterschaft getrieben sieht), doch sie machen Welt nur über die Beziehungen von verschiedenen Akteuren zueinander erfahrbar. Der Salon ist ein Ort, in dem die Welt als Gespräch thematisiert werden kann, aber niemals ein Ort, in dem die Welt selbst erfahrbar ist. Virginia Woolf postuliert daher: So lange Frauen nicht aus den Salons ausbrechen dürfen und selbstbestimmt über ihr Leben entscheiden können, können sie auch kein emanzipiertes Verhältnis zur Welt entwickeln.

Many of the Wives have such gardens, it’s something for them to order and maintain and care for.

Atwood dreht dieses Konzept in „The Handmaid’s Tale“ um: Anstatt eine Frau zu zeigen, die sich nur im Gespräch mit anderen erfahrbar machen kann, zeigt sie eine Frau, die in überhaupt kein Gespräch mehr eintreten kann, nicht mehr als soziales Wesen existiert. In diesem Moment beginnt sie eine innere Kommunikation und vor allem: sie beginnt zu erzählen. Denn so wie bei Virginia Woolf der Raum nicht nur der physisch existierende Raum abbildet, gewinnt die Ich-Erzählerin in dem Moment, wo sie alle äußerlichen Räume der Selbstbestimmung verliert, die erzählerische Hoheit über ihr Leben – was Sieg und Niederlage zugleich ist. Auf der einen Seite wird ihre Existenz ins Sprachliche überführt („I sit in the chair and think about the word chair.“), auf der anderen Seite zeigen sich auch immer die herben Schläge in der Sprache, z.B., wenn sie das Mutige denkt, aber das (verständlicherweise) Vorsichtige sagt.

If it’s a story I’m telling, then I have control over the ending. Then there will be an ending, to the story, and real life will come after it. I can pick up where I left off.

Die Übergröße des inneren Resonanzraums entfaltet im Roman paradoxerweise eine schreckliche Klaustrophobie. Die gleichzeitige Machtlosigkeit im Handeln und Machtwirksamkeit in der Sprache ist eine beeindruckende Leistung von Atwood. In dem Sinne wie sie feministische und poetologische Fragen verknüpft, steht sie in bester Tradition von Woolf. Gleichzeitig zeigt sich darin, warum „The Handmaid’s Tale“ als Serie gar nicht funktionieren kann – schon gar nicht auf so plumpe Weise, wie es versucht wurde. Das lässt sich schon daran erklären, dass die Serie als Übersetzung des Atwoodschen Prinzips ebenfalls eine Erzählerstimme einsetzt, was ein genuin nicht-filmisches Mittel ist. Auch kann sie die Klaustrophobie der Fokussierung durch die Augen der Ich-Erzählerin gar nicht abbilden und versucht es auch gar nicht erst. Stattdessen werden ganze Handlungsstränge aufgebaut, die unabhängig von Offred sind. So bleibt in der Serie eine müde Dystopie übrig, die den Zuschauer  nur halbgar unterhält und intellektuell entkernt ist. Den einzigen Verdienst, den man ihr vielleicht anrechnen kann, ist daher die Tatsache, dass durch sie vielleicht ein paar mehr Atwoods Roman lesen werden.

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