Marie Darrieussecqs „Unser Leben in den Wäldern“: Auge um Auge

Der Wald ist – wie schon öfter an dieser Stelle beobachtet – eine der zentralen Topographien der deutschsprachigen Literatur: mal magisch-romantisch, mal schaurig-grausam, meist ein Ort der Einsamkeit, selten jedoch Schauplatz von Zukunftsszenarien. Anders bei Marie Darrieusecq: In ihrem neuen dystopischen Roman „Unser Leben in den Wäldern“ wird der Wald Rückzugsraum für diejenigen, die sich von der Gesellschaft lossagen und dem herrschenden System zu entkommen versuchen.

Lager im Wald. Zelte und Planen. Löcher. Kohlenbecken in Ölfässern. Das Dach der Bäume, das uns vor den Dronen schützt. […] Eine Rückkehr zu den Anfängen.

Dennnoch erzählt der Roman nicht primär vom ‚Leben in den Wäldern‘, sondern vor allem vom Leben vor dem Rückzug in die Wälder. Der Roman kommt als Journal einer Flüchtigen daher, die ihr Ende nahen sieht und ihre Memoiren niederschreibt – assoziativ, unmittelbar, wie in einem Rausch. Der eigentliche Vorname der Ich-Erzählerin ist (ganz zufällig, versteht sich) identisch mit dem der Autorin. Auf der Flucht hat sie sich einen neuen Namen zugelegt, Viviane lässt sie sich nun nennen, denn Marie heißt nun eine andere: ihr Klon, auch ihre ‚Hälfte‘ oder liebevoll ‚Zimperliese‘ genannt, hatte keinen Namen, bevor die Ich-Erzählerin sie befreite.

Denn in der Zukunftsvision von Unser Leben in den Wäldern haben sich die Lebensbedingungen durch die Folgen von Industrialisierung, Hyperurbanisierung und Klimawandel so stark verschlechtert, dass die Lebenserwartung rapide gesunken ist:

Wir konnten nichts dafür, wenn wir alle irgendwelche Dreckskrankheiten hatten, das lag an der Luftverschmutzung, an den Kohlenstoffen, die aus den rückständigen Ländern zu uns geblasen wurden, weil die mit Kohle heizten, an der Chemie in den Lebensmitteln, an den GVO praktisch überall. Davon wurde man krank. Ohne was dafür zu können. Aber dafür hatte man ja die Hälften.

Die Forschung ist dafür einen großen Schritt weiter: Der genetische Code von Mensch und Tier scheint vollständig entschlüsselt, für ausgewählte Zoos werden ausgestorbene Arten wie Mammuts und Dodos gezüchtet, ein paar wenige Glückliche verfügen über einen Klon, der als Ersatzteillager für versagende Organe genutzt und in einer Art Dauerkoma gelagert wird. Keine der ‚Hälften‘ kann laufen, sprechen oder sozial interagieren; es wurde ihnen schlicht nicht beigebracht.

Auch die Ich-Erzählerin Marie alias Viviane gehört zur goldenen Generation, die es doppelt gibt. Vor ihrer Flucht arbeitet sie als Psychotherapeutin und lebt in vergleichsweise guten Verhältnissen. Sie hat die Erlaubnis, einen Hund zu halten, hat einen erfolgreichen Sportler-Freund und darf seit ihrem 13. Lebensjahr ihre Doppelgängerin im sogenannten Erholungszentrum besuchen und beim Dornröschenschlaf beobachten. Das soll zum mentalen Wohlbefinden beitragen. Für die Aufrechterhaltung des physischen Wohlbefindens hat sie ja ihre ‚Hälfte‘, von der Marie bereits eine Niere und eine Lunge transplantiert bekam, als nächstes soll ein Auge ersetzt werden.

Skeptisch wird sie erstmals durch einen ihrer Patienten, den sie in ihren Aufzeichnungen „den Klicker“ nennt. Als Klicker bringt er den Robotern geistige Assoziationen bei; seine Arbeit erinnert ein wenig an den Dokumentarfilm The Cleaners, in dem die Arbeitsbedingungen in den Zensurbüros bei Facebook gezeigt werden. Die Aufgabe des Klickers ist weniger Zensur als der KI Assoziationsketten zu vermitteln, Worte über Emotionen miteinander zu verbinden, „damit sie sie eines Tages an unserer Stelle hinkriegen.“

Der Austausch von Mensch und Maschine hat bereits begonnen und verunsichert die Erzählerin zunehmens. Immer wieder verschwinden Menschen ohne Vorwarnung aus Maries Alltag, so auch ihr Liebhaber Romero, und immer öfter kann sie nicht erkennen, ob sie gerade mit einem Menschen oder eine Maschine interagiert. Auch sie selbst wird mehr und mehr zur Maschine gemacht – sie trägt mehrere digitale Implantate, die sie medizinisch versorgen sollen, sie gleichsam aber auch orten und überwachen.
Erst als auch der Klicker verschwindet, beginnt Marie ihr Leben umzustellen und sich schließlich auf ihre große Flucht und ihr Leben in den Wäldern vorzubereiten – und ihre ‚Hälfte‘ in einem emanzipatorischen Akt zu befreien.

Das alles schildert Unser Leben in den Wäldern retrospektiv, dadurch aber keinesfalls weniger nah. Der Ton der Ich-Erzählerin ist alles andere als förmlich, ungezwungen, oft mit einem Augenzwinkern, manchmal mit einer gehörigen Portion schwarzem Humor, gleichsam düster und melancholisch. Die vielseitigen Facetten der Sprachgewalt dieses schmalen Romans vermag die gelungene Übersetzung des glänzenden Frank Heibert wunderbar einzufangen.

Halten Sie mich bloß nicht für eine Nostalgikerin. Ich vermisse die Vergangenheit kein bisschen, schließlich führt sie zu unserer Gegenwart. Ich vermisse die Zukunft.

„Wir wußten nicht, wie viel Zeit uns noch bleibt. Aber egal, wer tut das schon.“ Dieser Satz stammt nicht von Marie Darrieussecq, sondern aus Ridley Scotts Blade Runner von 1982 – und doch trifft er ziemlich genau den Kern von Unser Leben in den Wäldern. Darrieussecqs schmaler Roman mit einem nicht ganz so überraschenden Twist auf den letzten Seiten ist eine kurzweilige, lesenswerte Lektüre für alle Freund*innen der dystopischen Literatur und in Zeiten der Fridays for Future schon beinahe Pflichtlektüre.


Wir danken dem Secession Verlag für das Rezensionsexemplar.