Marina Perezaguas „Hiroshima“: Little Boy, Little Girl

Perezagua-Hiroshima

Der 6. August 1945, an dem „Little Boy“ in die Welt kam, veränderte den Lauf der Geschichte: Die erste militärisch eingesetzte Atombombe, die ein Flieger der US Air Force über Hiroshima abwarf, beendete nicht nur den vorangegangen atomaren Rüstungswettlauf zwischen Nazi-Deutschland und den Alliierten, sondern schlug ein neues, trauriges Kapitel der Kriegsführung auf. „Hiroshima“, der Debütroman der spanischen Autorin Marina Perezagua, erzählt die Geschichte einer Überlebenden.

Die Geschichte von Protagonistin „H“ beginnt zwar nicht beim ‚Urknall‘, sondern viele Jahre später, zu den zentralen Szenen des Romans zählt die Schilderung jenes Sommermorgens im August 1945 in Hiroshima jedoch mit Sicherheit.
Perezagua setzt den Abwurf der Bombe nicht nur mit ikonischen, kanonisierten Bildern von aufklärerischer Erleuchtung gleich, sondern vergleicht ihn primär mit einer Geburt:

Während sich in jenem Augenblick so viele andere Frauen auf die Wehen ihrer Niederkunft konzentrierten, bereitete der Bomber sich auf die schmerzhafteste Wehe von allen vor: die Welt klaffte auseinander.

Im erzählten Jetzt sieht die Erzählerin H, die in Form des Romantextes Zeugnis über ihre Lebensgeschichte ablegt, ihr Ende nahen. Sie befindet sich in einer abgelegenen Hütte im Kongo und hält sich versteckt – welcher Weg sie dort hin führte und vor wem sie sich verstecken muss, erläutert die Erzählerin, die immer wieder auch die Leserin oder den Leser direkt anspricht, auf den knapp 400 Romanseiten.

Als mein Stündlein geschlagen hatte, ging der Tod an mir vorüber.

Als ‚Hibakusha‘, wie die Überlebenden der Bombe genannt werden, fühlt sie sich unzugehörig, „weder tot noch lebendig“. In New York trifft sie 1960 ihre große Liebe Jim, der als Erster zu akzeptieren scheint, wer und wie sie ist. Nach und nach wird klar, dass die Schicksale der beiden verknüpft sind: Als Amerikaner war er als Soldat während des Zweiten Weltkriegs in japanischer Kriegsgefangenschaft und überlebte die grausamen Arbeitslager nur mit Glück. Als er 1945 befreit wird, ist er 29 Jahre alt – und wird nach Ende des Krieges als Besatzer nach Japan geschickt, wo ihm ein Neugeborenes übergeben wird, um das er sich kümmern soll.

Yoro, so heißt das Mädchen, bleibt nicht wenige Wochen, sondern ihre ersten Lebensjahre in Jims Obhut, bis ihm eines Tages das Militär die Vormundschaft entzieht, um Yoro in eine Pflegefamilie zu geben. Seitdem ist Jim auf der Suche nach seiner Tochter, eine Suche, die ihn mit H auf besondere Weise verbinden wird, denn auch sie ist auf der Suche:

Das Schlüsselwort für uns beide war Tochter, aber während es für Jim um eine verschwundene Tochter ging, ging es für mich um die Tochter oder den Sohn, die ich nie hatte bekommen können.

Vor „Little Boy“, so stellt sich spät heraus, war H physisch noch keine Frau, oder eben nicht nur. Nach ihrer Geburt entscheiden sich H’s Eltern trotz der Intersexualität des Kindes dazu, einen Sohn zu erziehen. Dass die Bombe H kastriert, empfindet sie als Erfüllung ihres vorbestimmten Schicksals: „Mir schien sogar, die Bombe hätte mich getroffen, um mich zur Frau zu machen.“

H’s Geschichte ist nicht nur die Geschichte einer Hibakusha oder die Geschichte der Suche nach einer verlorenen Tochter, sondern auch die Suche nach der eigenen sexuellen Identität und nach der Anerkennung derselben. Um die eigene Identität kämpft in der Ferne wohl auch Yoro, die von Pflegefamilie zu Pflegefamilie weitergegeben wird und die H auch nach Jims Tod weitersucht. Die letzte Spur zu Yoro führt in den Kongo – und löst damit die Erzählsituation aus.

Bis die Bombe nicht gezündet war, sah man das strahlen nicht, und erst nach Hiroshima wusste man, dass es für unsere Spezies mit der Dunkelheit für alle Zeiten vorbei war.

Bei einer Lesung in Berlin berichtete die seit vielen Jahren in New York lebende Autorin, dass sie sich erst in den USA mit der Geschichte des Zweiten Weltkriegs im Pazifik auseinandergesetzt habe. „Man kann nur auf der Grundlage des eigenen Wissens und eigener Erfahrungen schreiben“, konstatierte Lisa Halliday – Shootingstar am amerikanischen Literaturhimmel – unlängst im Gespräch mit der FAZ. Von dieser These mag man halten, was man möchte, trotzdem kommt nach der Lektüre von „Hiroshima“ die leise Frage auf, wie eine junge Spanierin dazu kommt, einen Roman über eine intersexuelle Hibakusha und die Suche nach einem (vermeintlich) fremden Kind zu schreiben. Ohne zu viel vorwegzunehmen: Alle Ereignisse hängen auf ziemlich unglaubliche – oder unglaubwürdige? – Weise zusammen.

Insgesamt wirkt Perezaguas Roman zu überladen. Die Fülle an Themen, die in „Hiroshima“ verhandelt werden und im Einzelnen große Relevanz haben, fügen sich nicht zum großen Ganzen, machen die Lektüre von „Hiroshima“ langwierig, zeitweise sperrig. Positiv fällt die runde Übersetzung von Silke Kleemann und ein paar gelungene sprachliche Bilder ins Auge, auch wenn der Roman überwiegend sehr explizit, vielen sicher zu explizit, erzählt. In diesem Sinne erinnert „Hiroshima“ auch an „Ein wenig Leben„. Wer Hanya Yanagihara gerne gelesen hat, sollte sich Hiroshima näher ansehen. Wer nach einer leichten, zugänglichen Lektüre sucht, ist bei „Hiroshima“ definitiv an der falschen Adresse.


Wir danken Klett-Cotta für das Rezensionsexemplar.