Markus Orths‘ „Max“: Der Tanz auf dem Vulkan

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Das Genre der „Faction“ hat Konjunktur. Im Kino kennzeichnet man es mit dem Hinweis „Nach einer wahren Begebenheit“, im Fernsehen spricht man von „Dokutainment“, wenn den historischen Quellen nun auch von Schauspielern nachgestellte Szenen beigegeben werden, die – im Regelfall sehr albern – Momente der Geschichte anschaulich machen sollen. Auch in der Literatur erfreut sich die Gattung besonders in den letzten Jahren großer Beliebtheit: Kehlmanns „Die Vermessung der Welt“, Krachts „Imperium“, Hettches „Pfaueninsel“: All diese Romane erzählen von realhistorischen Figuren und Ereignissen, gestalten sie aber literarisch aus, erfinden dazu, lassen weg. Mit Markus Orths’ „Max“ erscheint nun ein weiteres Buch des Genres.

Im Zentrum steht einer der großen deutschen Künstler der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts: Max Ernst. Der aus dem Rheinland stammende und in Bonn studierte Künstler gründete nach dem Ersten Weltkrieg und seinem Militärdienst gemeinsam mit Hans Arp und Johannes Baargeld die Dada-Gruppe in Köln, bevor er nach Paris ging, wo er sich den Surrealisten zuwandte. Mit Beginn des Zweiten Weltkriegs erfährt er doppelte Verfolgung: Von den Franzosen wird er wegen seiner deutschen Staatsangehörigkeit gleich mehrfach interniert, die Frankreich überfallenden Deutschen suchen ihn, da sein Werk als „entartet“ gilt. Er flieht über Südfrankreich nach Lissabon und von dort in die USA, bis er in den 1950ern nach Frankreich zurückkehrt, wo er einen Tag vor seinem 85. Geburtstag im Jahr 1967 verstarb.

„Sechs Frauen, sechs Lieben, ein Jahrhundert“ verspricht ein Aufkleber auf dem Schutzumschlag des Romans dem Leser – zwar sind die sechs Teilabschnitte von „Max“ nach jenen Frauen benannt, mit denen er in den erzählten Lebensabschnitten verkehrte, allerdings ist dieser Roman viel mehr als nur die Geschichte von sechs Liebschaften eines Frauenhelden. Im Zentrum stehen weder die Frauen, noch Max Ernst selbst. Der Künstler dient Orths lediglich als Ankerpunkt, um von der künstlerischen Avantgarde der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts, den eng vernetzten Intellektuellen- und Künstlerkreisen und ihrem Schaffen zu erzählen.

Jene sechs Frauen sind nicht irgendwelche dahergelaufenen Musen, Ernst umgibt sich mit erfolgreichen, starken Frauen, die selbst Karriere machen. 1918 heiratet Max Ernst Louise Straus, genannt Lou, die er während des Kunststudiums in Bonn kennengelernt hatte. Nach der Trennung von Max im Jahr 1922 arbeitete sie als Journalistin, schrieb Reden für Adenauer und wurde zu einer kulturellen Instanz im Rheinland, die unter anderem von Brecht und Weill regelmäßig aufgesucht wurde. Verlassen wird Lou von Max wegen einer anderen Frau und einem anderen Mann, denn als dieser Paul Éluard und seine Frau Gala, der späteren Ehefrau von Salvador Dalí, kennenlernt, verlässt er Frau und Kleinkind – der Sohn von Max und Lou wird später selbst bedeutender Künstler – um mit dem Ehepaar in einer Menage á trois zu leben, die nach zwei Jahren endet. Es folgen Ehen und Affären mit den Künstlerinnen Marie-Berthe Aurenche und Leonora Carrington, mit der Kunstmäzenin und Galeristin Peggy Guggenheim und schließlich mit der amerikanischen Malerin Dorothea Tanning.

Die Liste der prominenten Namen in diesem Buch ist sehr, sehr lang. Max Ernst scheint mit jedem bedeutenden Künstler des 20. Jahrhunderts per Du gewesen, jedem von ihnen zumindest über den Weg gelaufen zu sein. Neben der bereits erwähnten Prominenz gibt es auch Begegnungen mit Picasso, Giacometti, mit Dalí und Miró, im französischen Internierungslager ist er zusammen mit Lion Feuchtwanger eingesperrt, auf der Flucht vor den Nazis trifft er in Lissabon auf Ian Flemming. Trotzdem erzählt „Max“ nicht von einem oder mehreren Individuen, sondern von einer Epoche. Es geht um die Kunst, um ein liberales Weltbild, die Ideale zwischen Erstem und Zweitem Weltkrieg, dem ‚Tanz auf dem Vulkan’ Europa.

Genauso schnelllebig wie jene Epoche ist der Stil des Romans. Viele Dialoge, kurze, schnelle Wortwechsel prägen den Text, erzählt wird mal mittelbarer, mal unmittelbarer. Immer wieder wechseln Fokalisierungen und die personalen Erzählperspektiven, die eingenommen werden. Dabei passt Orths den Ton der Figuren stets an – besonders bemerkenswert im Fall von Hans Arp.
An einigen wenigen Textstellen schlägt Orths allerdings über die Stränge und die Schilderungen von Begegnungen kippen ins Klamaukige, wie im Falle der bereits erwähnten Bekanntschaft mit Ian Fleming in Lissabon, bei der beide gemeinsam einen Stierkampf besuchen:

Und Max erfuhr erst jetzt von Ian Fleming, dass es bei einer Corrida in Portugal verboten war, den Stier – vor den Augen der Zuschauer – zu töten.
»Und in Spanien ist es erlaubt?« rief Max.
»In Spanien? Ja. Klar.«
»Wer erlaubt denn sowas?«
»Bitte?«
»Als ob es so was geben könnte: eine Lizenz zum töten.«
Ian Fleming sah Max beinah erschrocken an: »Was haben Sie gesagt?«
»Ich sagte: eine Lizenz zum töten. So was gibt es nicht.«
Ian Fleming blickte noch ein paar Sekunden ins Leere, dann schlug er Max anerkennend auf die Schulter, strahlte, als hätte er soeben sämtliche Rätsel der Welt gelöst, und wiederholte flüsternd: »Wunderbar, Mister Ernst: the licence to kill. Einfach wunderbar.«

Die Menschen sollten kommen und sich mit dem beschäftigen, was sie erst zu Menschen machte: mit der Kunst.

Auch wenn Szenen wie diese über das Ziel hinausschießen: Der Faszination, die von diesem eng verflochtenen Beziehungsnetz des Who-is-who der Kunstgeschichte ausgeht, kann man sich als Leser kaum entziehen. Querverweise zwischen dem Schaffen der Künstler eröffnen neue Perspektiven auf Werke und Epochen. Bereits zu Beginn des Romans vermittelt Orths über das Verhältnis von Max Ernst zu seinem Vater subtil, aber absolut pointiert in einem Satz des Vaters den Generationenkonflikt der zur Jahrhundertwende das Umdenken bewirkt und die Ismen provoziert: „Was man nicht sehen kann, kann man auch nicht malen.“, sagt dieser. Die Künstler, die in diesem Roman als Figuren auftreten, werden ihm das Gegenteil beweisen.

Beworben werden sollte dieser Roman vom Verlag nicht als Roman über sechs Liebschaften, sondern als kurzweiliger kunstgeschichtlicher Crashkurs für Einsteiger und Fortgeschrittene: „Max“ von Markus Orths ist im positivsten Sinne der mit Abstand literarischste Wikipedia-Artikel über die Kunst des frühen 20. Jahrhunderts in Europa.


Wir danken Hanser für das Rezensionsexemplar.

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