Martin Beyers »Und ich war da«: Banalität des Buben

Das ist ein Text, der so nicht geschrieben werden darf«, donnerte es im Juni von der in Klagenfurt traditionell ebenerdigen Kritikerkanzel dem zuvor vorlesenden Martin Beyer entgegen. Jury-Vorsitzender Hubert Winkels war ganz und gar nicht damit einverstanden, was Beyer da aus seinem Auszug des nun erschienen Romans »Und ich war da« vorgelesen hat. Beyer, der eine Passage über die Hinrichtung der Widerstandsgruppe Scholl vorlas, wusste vermutlich, dass er mit dieser thematischen Setzung ein Risiko einging und erwischte dann auch noch einen Zeitpunkt, als die deutsche Literaturkritik gerade Takis Würger für seine schlimme Nazi-Schmonzette »Stella« in den Boden gerammt hatte. Nun also Martin Beyer, der sich Winkels Verdikt widersetzt und seinen Roman »Und ich war da« nun bei Ullstein veröffentlicht hat.

Die literarische Erkundung der nationalsozialistischen Zeit geht mit Martin Beyer in die nächste Runde und ausgehend von Winkels Urteil sollte man sich fragen, welche Aufgabe sich der Text selbst stellt. Der Roman motiviert sich selbst mit der Frage danach, wie ein Mensch sich moralisch in Extremsituationen zurechtfindet. Dafür wählt der Text einen kindlichen Protagonisten, August, der durch sein Alter zunächst ideologisch ungeformt ist und auf seinem bayerischen Bauernhof, auf dem er zusammen mit Bruder Anton aufwächst, ist er auch denkbar weit weg vom nationalsozialistischen Getöse der Zentren.

Als ich am 23. Februar 1943 auf den Acker lief, war ich in meinen vierundzwanzig Lebensjahren dreimal dem Tod begegnet.

Das bedeutet jedoch nicht, dass er im Idyll aufwächst, denn der jähzornige Vater verdrischt ihn regelmäßig und gibt ihm auch sonst ein Gefühl von Minderwertigkeit: »Ich habe in den Jahren auf dem Hof nie die Erfahrung gemacht, dass das, was ich tue, ausreichend ist.« Die Gewalt, die vom Vater ausgeht, hinterlässt ihn in einer Situation des moralischen Nullpunkts: »Keinen Richter, es war kein Oben, und es war kein Unten, es gab kein Richtig, es gab kein Falsch.«

Ohne Seele durchs Leben zu gehen, fühlte sich nicht schlecht an.

Mit dieser Ausgangssituation wird August in eine Welt entlassen, die ihn in die Hitlerjugend zwingt und erste amouröse Erfahrungen machen lässt. Doch mit dem Ausbruch des Zweiten Weltkriegs wird auch er eingezogen. Der Autor entschließt sich dazu, aus diesem Geschehen in drei Traumsequenzen zu erzählen, was eine der ersten bemerkenswerten Entscheidungen des Textes ist. Der Protagonist zweifelt seine eigene Integrität im doppelten Sinne an, seine moralische Integrität und seine erzählerische Integrität, weswegen er den Umweg über den Traum nimmt.

Wer war Paul? Ich weiß es nicht genau. Er war ein Versprechen, das ich nicht einhalten konnte.

Die Träume erzählen von den Schrecken des Krieges, denen sich August irgendwann selbst nicht mehr entziehen kann. So findet er sich in der Situation wieder, an Massenexekutionen teilzunehmen. Die in drastischen Schilderungen gezeigten Verbrechen zeigen einen Menschen, der sich dem Schrecken irgendwann übergibt und irgendwann aus ihm zurückkehrt, um sich dann dem Schweigen hinzugeben: »Nach dem Krieg hatte ich mich geweigert zu erzählen, das berühmte Schweigen der Soldaten.« Der zeitweise aus dem Rückblick erzählende August macht jedoch auch deutlich, dass die Bilder der Krieges aus der Gegenwart nicht mehr zu verbannen sind: »Immer wenn ich auf dem Weg in den Urlaub mit dem Flugzeug zur Landung ansetzte und ein Häusermeer unter mir ausmachte, sah ich ein Inferno kommen, und mir brach der kalte Schweiß aus.«

Smolensk, dieser Name klingt mir in den Ohren, er kommt von überallher und ist doch nur in meinem Kopf.

Doch bevor ein gealterter Protagonist auf ein früheres Ich zurückblicken kann, kehrt August zu Kriegszeiten durch einen verletzungsbedingten Heimaturlaub auf den väterlichen Hof zurück, auf dem mittlerweile ein russischer Zwangsarbeiter arbeitet: »›Not, Leid und Elend haben sie uns geschickt, um die Ernte einzufahren.‹« An ihm zeigt der Text aber auch paradigmatisch eine gewisse, dem Thema unangemessene Laxheit, wenn er August den Russen erst demütigen lässt (»›Du bist der Untermensch, sonst nichts‹«), nur um sie im nächsten Moment zu versöhnen: »›Das ist die Schönheit der Welt!‹, sagte ich, als ich wieder zur Bewusstsein kam, Andrei half mir auf, und wir umarmten uns.«

»Also, mein Junge, was machen wir jetzt?«

Am deutlichsten wird diese Laxheit, das hat sich seit dem Bachmannwettbewerb nicht geändert, dann tatsächlich an der Passage über die den Prozess und die Hinrichtung der Geschwister Scholl – Ereignisse, die August deswegen mitbekommt, weil er durch Zufall zum Gehilfen des Henker Reichharts wird. Für August werden die Scholls zum Vergleichspunkt (»Das Alter von Hans Scholl, einer der zum Tode Verurteilten, das fiel mir auf. Er war genauso alt wie ich, uns trennten nur ein paar Wochen.«), von dem aus er sich fragt, wie genau es passieren konnte, dass sie in einem Moment den größten Mut gefunden haben, während er nur die Anpassung gesucht hat.

»Der Mensch möchte wissen, worzu er gut ist!«

Gleichzeitig führt der Text von dort aus seine Reflexion über Integrität weiter, in dem er von den Protokollen aus die Atmosphäre der Prozesse schildert: »Wie kann ein Mensch ruhig und gefasst sein in dieser Situation, und doch lügt das Protokoll nicht.« Der Erzähler, der seinen eigenen Erinnerung nur unzureichend traut, klammert sich an die historische Wahrheit der Protokolle, die insofern ein ambivalentes Dokument sind, als dass sie eigentlich ein Herrschaftswissen transportieren und gleichzeitig unfreiwillig die Widerständigkeit der Scholl-Geschwister zeigen.

Ich muss zugeben, dass es mir heute unwirklich vorkommt, dass Reichhart auf diesem Feld war.

Darf man einen solchen Text schreiben? Natürlich darf man, wer sollte es Beyer verbieten? Und vermutlich darf man auch einen Text über einen durchschnittlichen bayerischen Bauernjungen schreiben, der ein Jedermann ist und an dem die Geschwister Scholl nur als Schatten eines möglichen Anderen vorbeiziehen. Doch die deutschsprachigen Verlage müssen sich schon fragen lassen, ob es dem Thema angemessen ist, in erhöhter Schlagzahl mittelmäßige bis schlechte Romane herauszubringen, die sich auf verschiedene Weise mit dem Nationalsozialismus auseinandersetzen. Denn neben der Banalität des Bösen gibt es auch die Banalisierung des Bösen.