Martin Walser: Im Patentamt der Literatur

Walser

Wer Martin Walsers Werkverzeichnis überfliegt, muss schon zweimal hinschauen, um zu realisieren, es mit der Schaffenskraft eines Achtundachtzigjährigen zu tun zu haben. Walser ist so etwas wie der Helmut Schmidt der deutschsprachigen Literatur: je älter er wird, desto mehr hat er zu sagen. Das Alter des Schriftstellers im Zusammenhang mit seinem neusten Roman „Ein sterbender Mann“ zu erwähnen, ist eigentlich eine makabre Wendung. Doch fern liegt es trotzdem nicht. Denn im letzten Abschnitt seines Schaffens wendet sich der Autor den großen Themen zu: dem Sterben und der eigene Entscheidungskraft über den Tod, Leidenschaft im Alter und großen Zäsuren im Lebensweg. Leider bricht Walsers Erzählkonstrukt unter der Last derlei thematischer Schwergewichte zusammen.

Über die Herkunft des Wortes „Patent“ sagt der Duden: „mittellateinisch (littera) patens = landesherrlicher offener (d. h. offen vorzuzeigender) Brief“. Die Form des offenen Briefes beschreibt den simplen Umstand, dass es sich beim historischen Patent um einen Brief handelte, der offen, ohne ein zu brechendes Siegel gelesen werden konnte. Wenn man sich das moderne Patenrecht anschaut – der Schutz des geistigen Eigentums – dann ist das eine Variation des Urheberrechts, wie sie für die Kunst relevant ist. Mit Walsers Roman hängt dies insofern zusammen, als dass Protagonist Theo Schadt im Patenthandel beschäftigt war. Er gründete Firmen, in denen die Produkte dieser Patente produziert werden. In der Hinsicht wie Patente geistiges Eigentum sind und über Firmen ihre Materialisierung erfahren, ist Theo Schadt nichts anderes als eine Variation des Schriftstellers, der sein geistiges Eigentum auf Romane auslagert.

Ich bin jetzt 72. Und am Ende. Aber nicht weil ich 72, sondern weil ich am Ende bin.

Der ehemalige Beruf des Theo Schadts ist deswegen eine so raffinierte Idee Walsers, weil er es schafft, damit die beiden großen Themen des Romans – Literatur und Suizid – und den bestimmenden Formgedanken des Briefromans in einem Motiv zu vereinen. Schadt ist 72, verheiratet mit seiner Frau Iris und verlor seine Beschäftigung durch den Verrat eines Kollegen, der ihn in den Ruin getrieben hat. Seitdem hilft er in der Tangobar seiner Frau aus und treibt sich in der freien Zeit in einem Suizidforum herum. Obgleich man sagen möchte, dass Theo Schadt im Zentrum der Narration steht, verundeutlichen die ständigen Wechsel der Erzählinstanz die eigentliche Fokussierung. Für Walser Protagonisten ist das Suizidforum nicht einfach nur Ort des Austausches, sondern auch der Raum, in dem er sich in verschiedenen Rollen ausprobieren kann. Schließlich schreibt er nur noch als „Franz von M.“, das natürlich als Verweis zu Schillers „Räubern“ verstanden werden darf. Auch an dieser Stelle offenbart sich Schadt als Schriftsteller. Und wenn der Roman uns etwas von Besitzrecht und Urheberschaft erzählt, vollführt der Protagonist in seinen Rollenwechseln eine emanzipatorische Geste der Ermächtigung über die eigene Identität.

Durch Sie, lieber Herr Schriftsteller, habe ich gelernt, aus mir Theo Schadt zu machen. Der sollte stabiler sein als ich.

Die dominierende Kommunikationsform von „Ein sterbender Mann“ ist die des Briefes bzw. was Walser dafür hält. Denn auch Schadts Umtriebe im Suizidforum führen diese Kommunikation in Form von privaten Nachrichten fort, ohne dass er einen Gedanken dazu entwickelt, wie sich die Kommunikation in Internetforen vom klassischen Briefwechsel unterscheidet, außer dass sie unter anonymen Gesprächspartnern abläuft. In diesen Nachrichten sinniert Schadt über die Frage der Reversibilität des Suizids. An dieser Frage eröffnet sich die Dialektik des Selbstmords: Zwar kann man die Entscheidung zum Selbstmord als selbstbestimmtes Handeln anerkennen, die Irreversibilität dieser Entscheidung widerlegt den Souveränitätsgedanken aber auch zugleich. Nur Entscheidungen, die  zurückgenommen werden können, sind am Ende auch souveräne Entscheidungen. Auch daran verzweifelt Theo Schadt schließlich.

Die wechselnden Perspektiven machen bei Schadt nicht halt. Spätestens wenn eine unbekannte Erzählinstanz „den Schriftsteller“ selbst anspricht, offenbart Walsers Text sich als Metaroman über das Schreiben selbst. Bei so vielen Volten auf der Metaebene kann einem zeitweise schwindelig werden, denn dieses Ich ist eine Variation des Schriftstellers, der dieses Ich einsetzt, um über Theo Schadt zu erzählen, der wiederum ständigen wechselnde Versionen von sich schafft. Was sich wie aus einem Lehrbuch für Erzähltheorie liest, ist bei Walser als Erkenntnisinstrumentarium angelegt: „Das ist meine Illusion, dass ich, wenn ich über Theo Schadt berichte, mehr über ihn erfahre, als ich weiß.“

Aufhören mit Tendenz. Oder Suizid als Selbstverwirklichung.

Einer der großen Thesen des Romans lautet: „Suizidale sind offenbar Wortmenschen.“ Über das Beispiel von Heinrich von Kleist, dem berühmtesten Suizidalen der deutschen Literatur, führt Walser die Themen Suizid und Literatur zusammen. Tatsächlich gehen der Schriftakt und die Selbsttötung in den überwiegenden Fällen ineinander über. Angeblich 60 Prozent aller Suizidalen hinterlassen einen Abschiedsbrief, der Wunsch nach einer letzten Artikulation scheint im Moment des absehbaren Todes potenziert. Es ist diese erhöhte Leidenschaft, die auch Schadt in seinen Briefen treibt: die Leidenschaft am Schreiben selbst und die Leidenschaft, die er gegenüber seiner Frau Iris und der ihm Bekannten Sina aufbringt.

Iris. Sina. Diese zwei Namen psalmodierte er vor sich hin. Iris. Sina. Bis das Schlafmittel ihn erlöste.

Es ist nicht so als hätte Walser keine gute Idee für sein neustes Patent. Wie er es schafft, in einem Motiv seine großen Themen unterzubringen und sinnvoll zu verknüpfen, ist teilweise große Kunst. Leider hat Walser keine ebenso gute Idee, wie man das zu einer sinnvollen Narration zusammenbringt. So bekommt man das Gefühl, Walser hätte eine Ideenschublade zu viel aufgezogen – so wirkt eine Szene während einer Literaturpreisverleihung samt vergreisten Vereinspräsident recht deplatziert. Auch sein Einfall, das Thema der Leidenschaft über Tangotänzer zu verhandeln, bleibt eher abgeschmackt. Zum Ende präsentiert sich der Text als eine zusammenhangslose Aphorismen-Sammlung zum Altwerden, hört auf zu erzählen und fängt an zu säuseln.

Das größte Problem des Romans ist jedoch, dass Walser schlicht nicht aufhören kann, Walser zu sein. Sein ewiges Thema der Rache ist natürlich auch in diesem Roman handlungsmotivierend, ohne wirklich produktiv für die Erzählung zu wirken. Es ist diese Rache, die Walser selbst stets getrieben hat, ohne die man Sätze wie: „Ein Verleger, der es nicht schafft, einem Autor, der sein Autor ist, zu sagen, glaubhaft zu sagen, dass er, dieser Autor nämlich, der größte lebende Autor und vielleicht der größte Autor aller Zeiten ist, hat sein Leben verwirkt.“ nicht verstehen kann, denn sie gehören nicht in den Text hinein. Man möchte am Ende gar traurig sein, dass Walser einen so vielversprechenden Text selbst demontiert. Aber die Selbstdemontage ist schließlich die längste Traditionslinie in seinem umfangreichen Werk.


Wir danken Rowohlt für das Rezensionsexemplar.