Martin Walsers „Statt etwas oder Der letzte Rank“: Von einem, der nicht anders kann

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Um sein Leben schreiben ist ein weit verbreitetes Motiv in der Literatur. Manche taten es vom Sterbebett, manche vom Gefängnis aus. Thomas Bernhards ewige Wortkaskaden wurden von der Forschung immer wieder als Versuch gelesen, der eigenen Atemnot entgegenzuschreiben, dem kurzen Atem den langen Satz entgegenzustellen. Auch Martin Walser ist mittlerweile in einem Alter angelangt, in dem – bei allem Respekt – jedes neue Buch das letzte sein könnte. Erst letztes Jahr hat der Großautor einen Roman mit dem vielsagenden Titel „Ein sterbender Mann“ veröffentlicht, nun folgt der nächste Streich zugleich, wieder mal doppeldeutig: „Statt etwas oder der letzte Rank“. Rank kann Kurve, aber auch List bedeuten. Wer Walsers neuen Roman liest, wird sich an vieles erinnert fühlen – an einen Autor, der es wie kaum ein anderer versteht, den eigenen Verstehensversuchen literarischen Ausdruck zu verleihen, sich die Welt literarisch anzueignen, aber auch an einen Mann, der alte Kriegsbeile immer wieder ausgräbt. Wenn Alterswerke Fäden zusammenführen und Resümees zu ziehen, ist dieser Roman prototypisch. Oder ist alles nur eine List?

Walsers Ich-Erzähler blickt an eine leere Wand und fängt an, nachzudenken. Das ist natürlich die Urszene jedes künstlerischen Schaffens, ob es nun das leere Blatt oder die leere Leinwand ist. Zwar gibt es keinen guten Grund, einfach zu behaupten, Ich-Erzähler und Walser wären identisch, es gänzlich abzustreiten wäre aber auch Sophismus. Denn Walser, so scheint es, legt in diesem Roman noch mal alles auf den Tisch, trägt alte Konflikte aus, rechtfertigt sich, überprüft alte Urteile. Aus dem Blick auf die Wand entsteht kein erzählerisches Werk, viel mehr ist „Statt etwas oder Der letzte Rank“ ein Gebilde aus losen Reflexionen, Skizzen und Anekdotischem. Der Text folgt zwar einer Komposition, einzelne Teile ließen sich jedoch durchaus herauslösen oder wirken solitär. Das Epische war Walsers Sache nie, seine Weigerung zu erzählen ist hier aber noch einmal verdichtet.

Dass ich noch Sätze brauchte, war kein gutes Zeichen. Erstrebenswert wäre gewesen: Satzlosigkeit. Ein Schweigen, von dem nicht mehr die Rede sein müsste.

Sein neuster Roman beginnt mit einer Provokation: „Mir geht es ein bisschen zu gut.“ Wie der Autor selbst blickt der Ich-Erzähler auf ein konflikt- und streitreiches Leben zurück. Im Rückblick sagen zu können, dass es ihm gut geht, ist vielleicht die größte Genugtuung und Zumutung. In den verschiedenen Kapiteln versucht Walser immer wieder den Boden auszumessen, auf dem das Ich steht, ihn auf einfache Zustandsbeschreibungen zu reduzieren. In Anlehnung an Descartes „cogito, ergo sum“ sind einige Kapitel immer wieder mit Sätzen wie (nicht ohne Selbstironie) „Ich huste, also bin ich.“ abgeschlossen. Am Ende eines Lebens und am Ende dieses Romans wird die eigene Existenz zur Tautologie: „Ich bin, also bin ich.“

Ich riet dir: Sei, wohin du kommst, unerträglich.

Walsers Leben als Widersprüchlicher (sehr treffend beschrieben in Jörg Magenaus Biographie) übersetzt sich in diesen Roman: „Dieses Gefühl, zugleich der Sieger und der Besiegte zu sein!“ Dabei ist der Ich-Erzähler durchaus bereit, alte Urteile noch einmal zu überdenken: „Ich entschuldige mich bei allen, die ich Freunde, Gegner, Feinde genannt habe. Das ist so, als nennte man einen Fisch ein Lebewesen und glaubte, ihn damit genügend benannt zu haben.“ Doch die Lust an der Differenzierung und am Überprüfen von gefällten Urteilen endet an der eigenen Türschwelle, zu sehr gefällt sich Walser in der Rolle als Missverstandener, als dass er seinen Ich-Erzähler diese Mär nicht weiterspinnen ließe: „Im Politischen, Geschichtlichen hat mich das oft diffamierbar gemacht, weil sich in mir nicht stritt und einander ausschloss, was in der so genannten Wirklichkeit verfeindet war.“ In „Statt etwas oder Der letzte Rank“ geht er einen Schritt weiter und bestimmt das als Kern seiner Existenz, der Märtyrermythos als Veredelung der Seele: „Also, Unrecht erleiden machte aus dir mehr, als du warst. Unrecht erleiden wurde deinem Wesen zum Reichtum. Und schon taten dir die, die im Recht leben, leid.“

Auf meine Art ausgedrückt, heißt das: Ich hüpfte von einem Bein auf das andere. Verbrannt waren beide Sohlen von dieser heißen Erde.

So viel Lust daran, Gegenwind zu Rückenwind umzudeuten, kann einem zwar imponieren, zeigt aber auch, dass Walser endgültig in der Sackgasse der eigenen Mythenbildung angekommen ist. Das Interesse an irgendetwas anderem als an sich selbst hat der Mann vom Bodensee längst verloren. Zumindest ist er aber immer noch intelligent genug, um die Konsequenzen seiner Selbstsucht zu erkennen:  „Meine Gedanken, das bin ich! Meine von ihr Hirngespinste genannten Versuche, das ist mein Exhibitionismus. Ich will erkannt sein! Und sei’s auf meine Kosten!“ Der Wunsch erkannt zu werden, führt in der Rezeption dazu, dass niemand anderes mehr als Walser in einem Walser-Roman erkannt wird. Ist das die List des Romans? Über einen wie sich zu schreiben und jeden, nur nicht sich, zu meinen?

Unter den vielen Versäumnissen spielte Dankbarkeit die größte Rolle. Dicht gefolgt von der Undankbarkeit.

Es wäre ein sehr müder Witz. Und unterschätzte vermutlich auch den Narzissmus des Altmeisters. Martin Walser hat sie alle überlebt. Seine Altersgenossen (Marcel Reich-Ranicki) und tragischerweise auch diejenigen, die noch unter uns wandeln sollten (Frank Schirrmacher). Doch sein Überleben macht Martin Walser keineswegs altersmilde. Das Gefühl zu Unrecht ein Unrechter genannt worden zu sein, hat Walser halsstarr gemacht. „Statt etwas oder Der letzte Rank“ ist in diesem Sinne ein echter Walser, was jeder wie er will als gute oder schlechte Nachricht auffassen kann. Literarisch souverän, gedanklich anregend und walserisch verbohrt – ein echtes Alterswerk.


Wir danken dem Rowohlt Verlag für das Rezensionsexemplar.

2 Kommentare

  1. Sehr schön geschrieben, lieber Gerrit.

    Seit bestimmt zehn Jahren denke ich mir: Oh, ein neuer Roman von Martin Walser. Den muss ich haben, denn das könnte ja sein letzter sein. Aber auf den Trick falle ich nicht mehr rein.

    • Danke dir! Ja, wenn der Roman nicht ins Haus geweht worden wäre, ich wüsste nicht, ob ich mich mit beschäftigt hätte. Aber ich kann auch nicht ganz abstreiten, dass mich irgendwas zwischen Konträrfaszination, Ungläubigkeit darüber, dass da immer noch jemand schreibt und einer gewissen Ehrfurcht vor dem Werk aus einer anderen Zeit dann noch immer wieder zu diesem Walser zieht.

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