Mathias Menegoz‘ „Karpathia“: „Toto, I’ve a feeling we’re not in Kansas anymore.“

Kaum eine Region in Europa ist wohl so bekannt und gleichzeitig so unbekannt wie die Karpaten und deren angrenzendes Gebiet Siebenbürgen oder Transsilvanien. Jeder kennt es, weil es Heimat von Graf Dracula ist, der seit Bram Stokers Roman aus der westlichen Kulturgeschichte nicht mehr wegzudenken ist. Kaum einer kennt es, weil sich die westliche Öffentlichkeit kaum für den postsozialistischen Staat interessiert, in dessen Grenzen es sich real heute befindet. Selbst als es noch nicht hinter dem Eisernen Vorhang weggesperrt war, dürfte sich kaum eine breitere Öffentlichkeit für den Schwarzmeerstaat erwärmt haben. Das mag daran liegen, dass seine jüngere Geschichte Annektionen, Gebietsabtrennungen und Marginalisierung geprägt ist. Die Spannung zwischen diesem Rumänien der Fiktion und dem Rumänien der Wirklichkeit hat Mathias Menegoz in seinem Debütroman „Karpathia“ nun aufgenommen.

„Karpathia“ spielt in Krisenzeiten: „Eine Epidemie von Revolution breitete sich in den Jahren 1830 und 1831 in ganz Europa aus.“ 1830 ist das Jahr der französischen Julirevolution, die sich folgend auch über andere Teile Europas ausbreiten sollte. Das aus den Wirren der Napoleonischen Kriege wiederentstandene Kaiserreich Österreich war noch k., nicht k.u.k. und herrschte von Mailand bis nach Siebenbürgen. Wer damals etwas auf sich und seine Ehre hielt, war im kaiserlichen Heer. So auch eine der Hauptfiguren von „Karpathia“, Alexander Korvanyi. Der sieht sich plötzlich in der Situation, die Ehre seiner Verlobten Cara von Amprecht zu verteidigen – was er auch schafft bzw. überlebt. Doch da der Kaiser dem antiquierten Brauch des Duells den Garaus machen will, muss Korvanyi das Militär verlassen. Da trifft es sich perfekt, dass die Familie in der Peripherie des Habsburgerreichs noch über ein vererbtes Gut verfügt, das in den finsteren Wäldern von Transsilvanien gelegen ist. So macht sich das Verlobungspaar auf die Reise, das alte Gut wieder in Besitz zu nehmen.

Alexander liebte die Ausritte und die blutige Jagd auf das Wild, die Düfte des Sommers, die langen hellen Abende und die milden Nächte.

Die Geschichte um das Duell ist dem Roman wie eine Art Prolog vorangestellt. Er führt nicht nur die handelnden Hauptpersonen ein, er markiert auch die entscheidende Zäsur, die einer interessanten Dialektik folgt: Gerade weil Korvanyi der traditionellen Logik des Militärs folgt, in dem er sich einem Duell stellt, muss er das Militär verlassen. Er wird daher als jemand vorgestellt, der die Zeichen der Moderne nicht verstanden hat und daher aus dem Zentrum des Reiches in die Peripherie verbannt wird. Seine Logik folgt der Logik der feudalen Welt (Nur der Kampf kann die verletzte Ehre wiederherstellen.), in der die persönliche Ehre über dem Staatswohl steht. Mit seiner Flucht nach Transsilvanien findet er einen Ort vor, der ähnlich antiquiert scheint. Nicht nur, dass die kleine Burg auf dem Familienbesitz an die finstersten Zeiten des Mittelalters erinnert, auch dessen zurückgelassenen Bewohner sind von feudaler Dienerschaft durchtränkt.

„Sie müssen lernen, das, was Sie interessiert, nicht so direkt anzuschauen, das kann sehr peinlich sein, und man wird Sie noch für ein schamloses junges Mädchen halten.“

Die untertänige Hofgemeinschaft macht die Eingewöhnung und Wiederinstandsetzung zwar leicht, doch bald merkt das Österreichische Pärchen in was für ein schwieriges Terrain sie geraten sind. Denn wie das gesamte Kaiserreich ist auch das Gebiet um die Karpaten von ethnischen Konflikten durchzogen. Ungarn, Walachen, Siebenbürger Sachsen und Sinti und Roma kämpfen um ihren rechtmäßigen Platz in der Gesellschaft und im Staat. In diesen Konflikt tappen die österreichischen Großstädter unvermittelt und unvorbereitet: „Er hatte eine vervielfache Variante von Bad Schelm vor Augen, ohne sich wirklich darüber im Klaren zu sein, dass es im tiefen Transsilvanien ein wenig anders zuging als im alten Österreich.“

„Ich werde das Heer verlassen, für dich, Cara.“

Um die immer stärker zu Tage tretenden Konflikte zu entspannen, lässt Korvanyi ein Jagdfest ausrichten, an dem sich alle beteiligen können. Wieder denkt er in feudaler Logik und wieder geht alles schief. Die Jagd eskaliert, es kommt zu einer kämpferischen Auseinandersetzung mit einer halbrevolutionären Bande und am Ende liegt alles in Chaos. So spannend der Gedanke der feudalen Lösungen, die immer wieder in der Krise enden, ist, so schwach ist leider die Ausführung in der zweiten Hälfte. Trumpft der erste Part des Romans noch mit sprachlich sehr anspruchsvollen und treffenden Beschreibungen einer Topographie auf, die gleichsam konkret-politischer Raum ist und doch voller Mythen steckt, verliert sich „Karpathia“ zum Ende hin in furchtbar zähen Schilderungen von Scharmützeln, die sich in handfeste Schlachten ausweiten.

Gipfel an Verlogenheit fand man hier ebenso wie gesunde Bodenhaftung.

Spannend wird es in „Karpathia“ immer dann, wenn eben dieses Verhältnis vom Politischen und Mythischen ausgeleuchtet wird. Der Roman ist insofern in einer brisanten Zeit angesiedelt, als dass in dieser die schwarze Romantik, die vor allem in Form von Shelley und Byron aus England rüberschwappt, schon in der Welt ist: „‚Ich finde diesen Teil der Burg malerisch, aber auch ein wenig düster, wie in diesen neuen Schauerromanen, nach denen die Deutschen und die Engländer so verrückt sind.‘“ Und auch in Transsilvanien selbst, hat die Schauergeschichte Tradition: „Seit Jahrhunderten waren sie mit Vampirgeschichten gefüttert worden, durch Almanache und andere beliebte Schriften, hergestellt von den sächsischen Druckereien in Transsilvanien.“ Sie zielen auf Vlad III. ab, der als Walachischer Fürst im Kampf gegen die Osmanen besonders blutig vorgegangen sein soll.

„Das ist ein Aberglaube dieses Landes, Frau Gräfin …“

Weil der Stoff um Dracula und Vampire im Allgemeinen über die Jahrzehnte so mächtig geworden ist, wurde schnell vergessen, dass „Dracula“ eigentlich ein politisches Symbol war, ein Symbol für den politischen, wenn auch grausam geführten, Kampf gegen die osmanische Besatzung. „Karpathia“ macht nichts anderes als diesen Zusammenhang wiederherzustellen: Er zeigt die politischen Auseinandersetzungen hinter den Mythen und Gerüchten und bietet ein Erklärungsmuster im Kleinen dafür an, warum das Habsburgerreich unweigerlich implodieren musste: An der Spitze saßen politische Entscheidungsführer, die auf das relativ moderne Phänomen des Nationalismus mit feudaler Logik reagierten.

Die Leute wirkten gut genährt, aber verwahrlost.

Dieser feudalen Logik entspricht auch ein kolonialer Blick, den beide Korvanyis auszeichnet: „Das Ehepaar Korvanyi betrachtete gierig die Landschaft.“ Die rumänische Landschaft erscheint als ein ungeformter, ungezähmter Raum, der nur darauf wartet erobert zu werden. Assoziationen zu Amerika und dem Frontier-Spirit werden aufgemacht („‚Wie in Amerika!‘, wiederholte er immer wieder.“) und der Raum klar als das Andere markiert („‘Das ist hier nicht mehr Wien, meine Kleine!‘“).

All das macht „Karpathia“ zu einem, auch sprachlich, aufregenden Roman – bis der Text sich eben zur Eskalation hinbewegt, die viel zu ausschweifend und ausdauernd erzählt wird. Was den Autor zu der Entscheidung bewogen hat, den Text so zu strukturieren, bleibt schleierhaft. Doch schließlich bleibt die Tatsache: Manch ein Autor wäre schon froh, wenn ihm 200-300 sehr gute Seiten gelingen würde. Danach darf man „Karpathia“ dann aber auch getrost zuklappen und so tun, als gäbe es den Rest nicht.


Wir danken der Frankfurter Verlagsanstalt für das Rezensionsexemplar.

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