Matthew Weiners „Heather, the Totality“: Mad Men

E s gibt viele Faktoren, an denen man die heutige Bedeutung von Literatur messen kann: Verkaufszahlen, mediales Interesse, Verankerung im Alltag. Vielleicht lässt sich aber auch über den Umstand, wer zum Schreiben kommt, Rückschlüsse darauf ziehen, welche Bedeutung Literatur heute noch hat. Matthew Weiner hat an zwei ganz großen Serienhits mitgewirkt – die „Sopranos“ und „Mad Men“. Auch wenn er noch an anderen Projekten gearbeitet hat, werden diese zwei Namen wohl immer mit ihm verknüpft bleiben, prägten sie die zeitgenössische Serienkultur wie kaum andere Serien. Als Regisseur, Produzent und Drehbuchschreiber wird er dabei ein bisschen was verdient haben. Geld war es also nicht, wenn es im Literaturbetrieb denn welches zu holen gäbe, das ihn dazu bewogen hat, nun mit „Heather, the Totality“ seinen Debütroman vorzulegen. Nach der Lektüre weiß man mit Sicherheit: Das Talent war es aber auch nicht.

Und so muss es doch noch einen Rest von Ruhm und Ehre geben, den es auf dem literarischen Feld zu holen gibt. Andere, wie J.J. Abrams, haben es ihm in jüngerer Vergangenheit vorgemacht, auch wenn der umgekehrte Weg, vom Schriftsteller zum Drehbuchschreiber, vielleicht immer noch üblicher ist. Matthew Weiner, der sich in seinen Serien immer mit amerikanischer Mentalitätsgeschichte auseinandergesetzt hat, legt mit „Heather, the Totality“ – das man schon arg im Großdruck überhaupt so weit strecken musste, damit man es ohne sich lächerlich zu machen, „Novel“ nennen durfte – einen Lolitaesken Psychothriller vor, der den Anspruch hat, tief in die amerikanische Seele zu schauen.

Women had been a mystery to Mark.

“MARK AND KAREN BREAKSTONE got married a little late in life.” So beginnt dieser erste Roman des Matthew Weiners und dieser Anfang soll direkt deutlich machen, dass hier etwas in Schieflage geraten ist. Mark und Karen Breakstone, aus deren Ehe die titelgebende Heather hervorgehen soll, sind ein Durchschnittspaar mit Durchschnittsleben. Sie ist schön und dachte immer, sie würde das ganz große Los ziehen, er ist okay-aussehend, nicht wahnsinnig klug, aber fleißig und beharrlich: „He had everything the others had but of lesser quality […]“ Dass Karen sich schließlich auf ihn einlässt, beschreibt der Roman als eine Mischung aus dieser Beharrlichkeit seitens Mark und einer Resignation von Karen darüber, dass vielleicht doch kein besserer Fang mehr vorbeikommt. So ist sein größter Pluspunkt nicht seine Person selbst, sondern seine Hingabe zu ihr: „And then they had sex again the same night and she feld that he desired her. And that was very attractive.”

Karen still wanted someone handsome.

Aus dieser pragmatischen Gemeinschaft entsteht dann schließlich Heather, die schon von klein auf deutlich macht, welch engelsgleiches Wesen sie ist: „As Heather grew into a little girl, her beauty became more pronounced but somehow secondary to her charm and intelligence and, most notably, a complex empathy that could be profound.” Diese Empathie für alles und jeden ist es schließlich, die Heather in Bedrängnis bringen wird, denn nach der Einführung der Breakstones wird eine zweite Konstellation um Bobby aufgemacht, einem jungen Mann, der in eine Armutsfamilie hineingeboren wird und dessen Einstieg in eine abgründige Existenz mit einer Vergewaltigung beginnt. Kurze Zeit später ermordet er noch seine Mutter, bis er schließlich in den Bann von Heather gerät, die er stalkt und deren Mord seine nächste Trophäe werden soll. Weiner ist klug genug, um in seinen Roman keine brutalisierte Unterschicht darzustellen, der Roman wird noch eine unerwartete Wendung nehmen, dennoch wird Bobby durch und durch als animalisches Triebwesen gezeigt, das aus Armut geboren wird.

Bobby looked at the girl and felt a yearning so powerful he thoughts he might faint or ejaculate.

Heather ist in dieser Konstellation weniger Figur als Gravitationsfeld, um das alle anderen Charaktere rotieren. Während Bobby sich seiner abgründigen Lust hingibt, geraten die Eltern über Heathers Gunst immer wieder in Konflikt. Dass hier beide Parts – auf der einen Seite die Breakstones als Vertreter der wohlhabenden Mittelschicht, auf der anderen Seite Bobby als Manifestation der Unterschicht – so überdeutlich sozial gekennzeichnet sind, soll den Stoff von einer Kriminalgeschichte zum Kampf um die amerikanische Seele transzendieren.

Bobby would have every part of Heather and they would be one inside him and he could be the beginning and ending of everything.

Handwerklich ist „Heather, the Totality“ gut gemacht, in dem Sinne wie die Geschichte den Leser von Beginn an die Hand nimmt und ihn schließlich auch zum Ausgang führt. Wie man einen Stoff packend inszeniert, konnte Weiner in seiner bisherigen künstlerischen Karriere ausgiebig einstudieren. Was er jedoch nicht kann, ist Literatur zu schaffen, die einem mehr zeigt als das Dargestellte. In diesem Roman ist nichts subtil. Alles wird ausgesprochen, der Roman liest sich wie ein rund 150 seitenlanges Voice-Over zu düsteren Bildern. Das kann man schon daran erkennen, dass Weiners Literatur sich in Hauptsatzbingo begnügt. Eine knackige Pointe ist an die nächste gereiht, es gibt kaum einen Satz, der sich ausdifferenziert. Weiner schreibt, wie Film-noir-Detektive sprechen.

But eventually, he found that Karen and Heather lived as a closed unit and he was on the outside.

Das ist zwar stimmungsvoll, läuft aber auch nach ein paar Seiten ins Leere. Der Text stellt eine Ratlosigkeit darüber aus, wie man einen Roman konstruiert, der von mehr getragen wird außer von den schrecklichen Ereignissen, die er beschreibt. Vielleicht weil Weiner dann doch zu sehr aus dem visuellen Medien her gedacht hat. Vielleicht aber auch, weil er glaubt, die Erinnerung an „Lolita“ würde beim Leser schon genug auslösen und ein rundes Bild ergeben. Ganz sicher ist nach der Lektüre nur eines: Falls Matthew Weiner einmal für sein Lebenswerk gewürdigt werden sollte, wird „Heather, the Totality“ dabei sicherlich keine Erwähnung wert sein.

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