Matthias Engels‘ „Wilde & Hamsun“: Kaffeefahrt durch die Weltgeschichte

Wilde und Hamsun

Im Jahr 1884 kam eine internationale Delegation nach Washington D.C., um ein dringliches Thema zu besprechen: Ein neuer, vereinheitlichter Nullmeridian sollte bestimmt werden, diejenige senkrechte Linie, die zum Bezugspunkt für alle Längengrade wird und zur Bestimmung der Weltzeit dient. Schnell ist man sich einig, der Nullmeridian sollte auf neutralem Grund und möglichst an einem der großen Observatorien verlaufen. Doch was ist im Jahre 1884 schon neutraler Grund, wo doch die Hälfte der Welt zum Commonwealth gehörte. Nach einigem diplomatischen Gerangel einigte man sich schließlich darauf, dass der Nullmeridian so gelegt werden würde, dass er die Londoner Sternwarte Greenwich kreuzen würde. Die Entscheidung hatte am Ende wenig mit Wissenschaft, viel mehr mit nationaler Geltungssucht und Pragmatik zu tun. Doch die Geschichte der Washingtoner Konferenz zeigt auch: So willkürlich wie die Menschheit die Erde eingeteilt hat, so willkürlich lassen sich auch Episoden aus dem Weltverlauf herausgreifen, am Ende hängt doch alles irgendwie miteinander zusammen. So geschehen in Matthias Engels‘ Roman „Die heiklen Passagen der wundersamen Herren Wilde & Hamsun“, eine Geschichte des Scheiterns, in allen Belangen.

Zu Beginn der 80er Jahre des 19. Jahrhundert machen sich – als hätten sie sich abgesprochen – zwei künftige Großschriftsteller aus dem alten Europa auf den Weg in die USA. Oscar Wilde war bereits als Prophet des Ästhetizismus bekannt und wurde dementsprechend empfangen, Knut Hamsun hatte erste literarische Gehversuche gemacht und war nun der Meinung, die USA würde nur auf ihn warten. Dieser beider Reisewege widmet sich der Autor Matthias Engels in seinem neusten Roman und versucht damit zwei Rendezvous mit der Moderne zu zeichnen, die beide in Enttäuschungen von ganz unterschiedlicher Art enden. Denn die Reaktion auf die USA und seitens der USA fällt bei den zwei Autorenfigur gänzlich anders aus: Während der Roman zwar immer wieder herausstellt, dass die Amerikaner von der Gestalt Oscar Wildes enttäuscht waren – „Sein Gesicht ist nicht sehr angenehm zu betrachten und es fällt schwer den großen Apostel des Schönen selbst als ein Exempel der Schönheit zu bezeichnen. Er sprach gedehnt und seine Stimme war ab und zu rau und kratzig.“ – wird seine Lesereise dennoch ein Erfolg und führt ihn durch das ganze Land, wo er sich vom technischen Fortschritt beeindruckt zeigt.

Amerika war das lauteste Land, das je existiert  hat.

Einen anderen Zugang findet Engels‘ Knut Hamsun zu den Vereinigten Staaten: Der norwegische Modernitätsskeptiker stößt sich zu jeder Gelegenheit an der von ihm behaupteten Oberflächlichkeit der Amerikaner, so bemerkt er beispielsweise, dass es nicht gängig wäre, den Hut zur Begrüßung abzunehmen. Der Text nutzt solche Alltagsbeobachtungen um gleichzeitig ein lebendiges Bild der Figuren und des Landes zu evozieren. Die eh schon vorhandene Abneigung gegenüber den Engländern weitet sich auf ihre amerikanischen Verwandten aus, in denen er die gleiche Krämerseele erkennt. So spricht ihm Oscar Wilde aus dem Herzen, wenn er auf die besondere Relevanz von Inszenierung hinweist: „Er hatte bereits jetzt die Erfahrung gemacht, dass die Amerikaner nicht mit der Perfektion der Ware zu überzeugen waren, die man anpries, sondern vielmehr mit der Hinterlist des Verkäufers.“ Allerdings, so muss Hamsun hier eingestehen, die neue kapitalistische Welt bietet Chancen und verspricht jenen eine blendende Zukunft, die für sie gewillt sind hart zu arbeiten. So kommt Hamsun, nachdem er nach schwerer Krankheit zunächst zurück nach Europa reist, wieder in die USA und reist dieses Mal nicht als Schriftsteller, sondern als einfacher Arbeiter.

Da ein nachlässiger Setzer das „d“ in seinem Künstlernamen Hamsund vergessen hatte, war der Essay unter Knut Hamsun erschienen und dabei blieb es von nun an.

Die USA wird für die beiden Schriftstellergrößen zu einem Schnellkurs in moderner Lebensführung. Während Hamsun seine Zeit als Lohnarbeiter verbringt und die Ausbeutung der Arbeiterklasse am eigenen Leib erfährt, macht Oscar Wilde Erfahrung mit dem Rassismus der amerikanischen Gesellschaft: So erzählt der Text von einer Begebenheit, die dem Ästheten während einer Zugreise widerfährt. Ganz selbstverständlich setzt sich Wilde mit seinem schwarzen Angestellten, der ihn während der Lesereise begleitet, in die erste Klasse, bis ihn schließlich ein Bahnangestellter darauf hinweist, dass das nicht üblich sei. Trotz aller Versuche sich zu widersetzen, muss der englische Schriftsteller schließlich nachgeben, da sonst ein Tumult im Zug droht auszubrechen. Während hier noch scheint als wären solche Phänomene ein Spezifikum der USA, sollte vor allem Oscar Wilde bald am eigenen Leib erfahren, dass auch in Europa Ressentiment und Diskriminierung um sich greifen.

„Nun, meine Herren, so viel sei verraten: Ich bin hier, um die Schönheit zu verbreiten.“

Denn Matthias Engels entscheidet sich dafür, seinen Text nicht mit der Amerika-Episode enden zu lassen, sondern das Leben beider zu Ende zu erzählen. Oscar Wilde, der nach London zurückkehrt, wird wegen seiner Homosexualität angeklagt und muss für zwei Jahre ins Zuchthaus, wovon er sich nie wieder erholen wird. Hamsun bekommt erst den Literaturnobelpreis, nur um dann wegen seiner positiven Sicht auf den Nationalsozialismus seinen Ruhm selbst in Ruinen zu verwandeln, bis er schließlich im hohen Alter in eine psychiatrische Klinik eingewiesen wird. Hier beweist sich das glückliche Händchen des Autors für seine Figurenwahl, denn an keinen geeigneteren Orten – dem Gefängnis und der Psychiatrie – könnte eine Erzählung über die Moderne enden.

Leider muss man jedoch auch feststellen, dass der Roman anfängt auseinanderzufallen, sobald er amerikanischen Boden verlässt. Um beide Leben noch bis zur Ziellinie zu bringen, muss der Roman das Tempo deutlich anziehen, was ihm nicht gut tut. Durch die immer größeren Sprünge verlieren die einzelnen, strikt chronologisch-erzählten Episoden ihre Tiefe, bis sie irgendwann die Gestalt kleiner Wikipedia-Einträge annehmen. Anstatt einen Rahmen vom einlaufenden und auslaufenden Schiff zu spannen und alles weitere angedeutet zu lassen, verfällt der Text in eine Vollständigkeitswut, von der er sich nicht mehr erholt. Information löst Erzählung ab, Überblick Tiefe und ruiniert am Ende einen vielversprechenden Roman, der zwar sprachlich kaum Reizpunkte trifft, aber eine kluge Collage aus Eigen- und Fremdtext schafft. Darum kann man eigentlich Oscar Wilde, Knut Hamsun und Matthias Engels nur auf den Weg geben: Wärt ihr besser in Amerika geblieben.


Wir danken dem Stories & Friends-Verlag für das Rezensionsexemplar.

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