Matthias Senkels „Dunkle Zahlen“: Rohstoff Literatur

Als Übersetzer wird im Normalfall jemand bezeichnet, der ein Werk von einer Sprache in die andere überträgt. Nimmt man den Begriff des „Übersetzens“ jedoch ernster, eröffnen sich plötzlich ganz andere Dimensionen. Ist nicht der Autor auch ein Übersetzer? Denn was tut er anderes, als den aufregenden Mix aus Welt, Imagination und Erfahrung in Literatur zu übersetzen? Auch der Begriff der Metapher bezeichnet im Wortsinn eine „Übertragung“. Als dieses muss man Literatur verstehen – als Brücke zwischen Leser und einer Erfahrung, die ihm im besten Fall fremd ist und ihn in einen neuen Zustand versetzt. Daher ist es nur konsequent, dass Matthias Senkel in seinem neuen Roman „Dunkle Zahlen“ als Übersetzer auftritt.

Übersetzungsarbeit wird auch benötigt, um sich diesem Textmonstrum zu nähern, das Senkel die letzten Jahre herangezüchtet hat. Nicht nur, weil der Text einen Computer imaginiert, der diesen Roman zu verantworten hat, sondern auch weil er den Leser in die untergegangene Welt der technikbegeisterten Sowjetunion führt. Die Ausgangsituation der Handlung ist die Eröffnung der zweiten Internationalen Spartakiade der jungen Programmierer und die Feststellung, dass die kubanische Mannschaft fehlt. Doch von da aus fächert sich ein Reigen aus verschiedensten Situationen und Episoden aus rund achtzig Jahren UdSSR und Geschichten, die noch tiefer in die russische Geschichte reichen.

In siebeneinhalb Stunden würde Dmitri Sowakow ans Mirkofon treten und zweite Internationale Spartakiade der jungen Programmierer eröffnen.

Das bizarre Moment kommt in diesen Text, wenn man mit der Handlung nachvollzieht, was Technikbegeisterung in dieser schrägen Sowjetunion bedeutete. Sie bedeutete, dass man in der Lage war, früher als die USA einen Satelliten ins All zu schießen, aber nicht genug Klopapier für jedermann zu produzieren. Sie bedeutete, dass man Menschen in Kybernetik ausbildete, aber dass man es nicht schaffte, die Wohnungen warmzuhalten. Dieses prekäre und überspitzte Verhältnis zu Technik und Fortschritt nimmt „Dunkle Zahlen“ auf und macht sich auf die Reise.

„Von einer Rechenmaschine weiß ich nichts. Und du erst recht nicht!“

Eine Reise, der sich der Leser auf verschiedensten Wegen nähern kann: Auf dem handelsüblichen Weg, Cover to Cover, auf dem Weg, den der Roman in einer Grafik vorschlägt oder per Zufallsprinzip, getrieben von der eigenen Neugier. Zwar gibt es narrative Elemente, die immer wieder aufblitzen und sich verknüpfen, am Ende bleibt der Text aber dem Code verpflichtet, der zwar eine Abfolge von Befehlen ist, aber in Partikeln betrachtet werden kann. Auf die Idee, lineare Erzählweisen hinter sich zu lassen, kommt „Dunkle Zahlen“ nicht als erstes, doch selten findet man einen derart spielerischen Umgang mit diesem Prinzip, das dann auch noch im Kopf des Lesers ineinandergreift.

„Das Ende der Geschichte steckt wahrlich voller Überraschungen“, befand der Schweizer.

Was im Hintergrund der vielen Episoden immer mitläuft, ist eine Art alternative Literaturgeschichte, die von der Gegenwart der Sowjetunion in die Tiefe der frühen Mythen führt: „Im Dienste der gesamten Menschengeschlechts würde mein eiserner Golem die Feder führen, unermüdlich unsere Geschichte verzeichnend, Stund um Stund und Haar um Haar, ja, er würde sogar bis zum Jüngsten Gericht vorauszuschreiben vermögen.‘“ Die Idee dahinter ist, sich die Literaturgeschichte als eine Maschine vorzustellen, die seit Jahrhunderten nichts anderes tut als Texte zu produzieren. Eine Literaturgeschichte, in der so etwas wie Urheberschaft irrelevant geworden ist (in diesem Gedanken ist das Buch sehr nah an poststrukturalistischen Ideen), da eh dauernd immer alle an dem großen einen Text mitschreiben: „‘Es wurden insgesamt sieben potenzielle Urheber ermittelt.‘“

„Ich gedenke, das von Großonkel Gawriil konzipierte Chef d’oeuvre zu Ende zu schreiben, jenes Poem, das die gesamte Welt enthalten soll … und wird!“

In dieser Literaturgeschichte ist das Programmieren der nächste logische Schritt: „‘Wissen Sie, Leonid Michailowitsch, manchmal, wenn ich ein gut geschriebenes Programm lese, denke ich, dass das unsere neue Lyrik ist! Die Kraft, mit der sich die Welt in ein paar wenigen Zeilen wie diesen hier verdichtet, ist doch reine Poesie. Das hat eine formale Schönheit, ganz ohne jeden Beigeschmack…‘“ An dieser Stelle ist „Dunkle Zahlen“ wieder beim Gedanken des Übersetzens angekommen, denn die verschiedenen Programmiercodes sind schlussendlich auch nichts anderes als ein eigenes Zeichensystem, das die Welt auf ihre eigene Logik abbildet und formt.

Der Rohstoff, mit dem wir das Land versorgen, sind Zahlen.

Der spielerische Umgang mit all diesen Themen macht es dem Leser nicht immer einfach, nicht nur dass Erzählstränge auseinanderfransen, verlorengehen, wieder aufgenommen werden, nur kurz aufblitzen, auch das Personentableau, das wie immer wenn Russland literarisch auftritt, ein Sammelsurium an russischen Namen und deren Millionen Koseformen zur Folge hat, trägt dazu bei, dass der Leser die Orientierung verliert.

Doch das Durchhaltevermögen wird belohnt mit einer faszinierenden Geschichte über einen alternativen Zugang zur Literatur und vielleicht auch einen verlorengegangenen Zugang zur Technik. Denn diese Spätphase der Sowjetunion beschreibt vielleicht eine der letzten Episoden, in denen die Technik Verheißung war und als Werkzeug galt, das dem Menschen die Welt auf neuen Wegen erfahrbar macht. Diese Technikbegeisterung ist heute einer berechtigten Skepsis gewichen, die in „Dunkle Zahlen“ auch schon aufblitzt. Doch zum Glück bleibt dem Menschen immer die Literatur, deren Begeisterungsfähigkeit Matthias Senkel auf beeindruckende Weise zum Beweis führt.


Wir danken Matthes & Seitz für das Rezensionsexemplar.

2 Kommentare

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