Matti Geschonnecks „In Zeiten des abnehmenden Lichts“: Der letzte Geburtstag der DDR

International_ZeitendesabnehmendenLichts

Ohne die Kunst wäre die DDR vielleicht schon längst vergessen. Während die Politik das Gedenken und Sprechen über die ostdeutsche Republik beinahe schon fast aufgegeben hat und letzte Lücken, die das realsozialistische Regime in die Städte der Deutschen geschlagen hat, mit wilhelminischem Kitsch aufschüttet, ist die DDR in der Kulturindustrie ein ewiger Dauerbrenner. Merkwürdigerweise nicht nur in Deutschland, auch in Übersee hat man das Thema für sich entdeckt (Franzens „Purity“ oder Stephen Kings „Bridge of Spy“), überall will man sich etwas über den Spießersozialismus der untergegangenen DDR erzählen. Eins der besseren Bücher über diese Zeit stammt von Eugen Ruge, der mit seinem Roman „In Zeiten des abnehmenden Lichts“ damals einen echten Kritikererfolg feierte. Nun hat der arrivierte Fernsehregisseur Matti Geschonneck den Stoff auf die Kinoleinwand gebracht.

Ohje, die Werktreue! Keine Literaturverfilmung ohne die quälenden Diskussionen darüber, woran sich alles nicht gehalten wurde. Je größer die Fangemeine, desto heftiger das Gequängel. Sich der dusseligen Orthodoxie derer zu entziehen, die glauben, eine Verfilmung habe einen Vertrag mit seiner Buchgrundlage einzugehen, ist die erste gute Entscheidung, die Geschonneck trifft. Während Ruges Roman einen Hechtsprung durch fünfzig Jahre Geschichte absolviert, kocht der Regisseur diesen Stoff auf einen Tag ein: den 90. Geburtstag von Wilhelm Powileit. Damit nähert er sich interessanterweise wieder einer Bearbeitung an, die als Vorstudie zu den „Zeiten“ gilt: die Babelsberger Elegien, ein Theaterstück von Eugen Ruge, das jeweils am gleichen Tag, immer ein Jahr später, spielt und auch ein Familienfest erzählt.

Hier nun also nur ein Geburtstag, dafür in jenem Jahr, in dem auch die DDR ihren letzten Jahrestag feiern sollte: 1989. Auch hier versammelt sich Familie Powileit, um den Patriarchen zu ehren. Und weil Wilhelm Powileit ein Widerstandskämpfer erster Stunde ist, feiert die gesamte SED gleich mit. So wie sich Geschonneck dafür entscheidet, die Handlung nur an einem Tag spielen zu lassen, so wählt er auch einen entscheidenden, fast durchgängigen Handlungsort: die Villa der Urgroßeltern Powileit, Wilhelm und Charlotte, im Bonzenviertel von Ostberlin, denn daran hat sich auch im Sozialismus nichts geändert: die Parteioberen wohnen nicht beim Pöbel. Damit ist „In Zeiten des abnehmenden Lichts“ ein untypischer DDR-Film, der sich doch sonst so sehr auf die ikonographische Kraft der Plattenbauten verlässt, um das richtige Feeling aufkommen zu lassen. Doch dieses Haus hat eine doppelte Bedeutung: Es zeigt nicht nur die Kontinuität im Machtgefälle, sondern auch die Kontinuität der Geschichte – vor den Powileits hat hier ein Nazi-Parteigänger gewohnt.

Geschonnecks Film hat durch die Einheit von Ort und Zeit alle Voraussetzungen für ein gutes Kammerspiel, nur die Anzahl der Figuren ist etwas ausladend. Denn weil Powileits Geburtstag ein öffentliches Ereignis ist – vom Neuen Deutschland besungen – geben sich die Würdenträger die Klinke in die Hand, bis sich eine stolze Gesellschaft zusammengetan hat, die sich um den immer wieder leicht wegdämmernden Wilhelm, gespielt von Bruno Gans, scharrt. Es könnte eigentlich alles so schön spießig sein, wenn sich nicht ein Schatten über den Geburtstag gelegt hätte: Enkel Sascha hat sich in den Westen abgesetzt, gerade in Kreisen der Parteiobersten natürlich ein Unding, in Unkenntnis darüber, dass das Ende der DDR eh bald besiegelt sein wird.

Wie Matthias Dell in seiner Kritik völlig richtig festgestellt hat, erzählt sich „In Zeiten des abnehmenden Lichts“ über sein Inventar. Das Haus der Powileits ist ein Alltagsmuseum der DDR. Die obligatorische Marx/Engels-Gesamtausgabe, die nur noch dazu dient, dahinter etwas zu verstecken, fehlt genauso wenig wie das hässliche Porzellan und die ausladenden Orden der verschiedenen Parteiinstitutionen. Die Strategie, die DDR über ihre Alltagskuriositäten erzählbar zu machen, teilt der Film mit vielen anderen Filmen, Museen oder auch Büchern. In Jonathan Franzens neustem Roman heißt es daher über den ostdeutschen Staat, sie sei die „republic of bad taste“. Doch Geschonnecks Film lässt sich zu keinem Kitsch hinreißen, denn die DDR-Patina verdeckt kaum, was in diesem Haus eigentlich anwesend ist: der Schrecken des Zweiten Weltkriegs.

Den hat vor allem Sohn Kurt in den Lagern der Sowjetunion erlebt, wo er auch seinen Bruder an den Verbrechen der Sowjets verloren hat – zerrissen zwischen Systemloyalität und eigener historischer Erfahrung sieht er dem Geburtstagsspektakel mal ungerührt, mal konsterniert zu. In seiner Grundanlage hat der Film erst mal alles richtig gemacht. Er übt einen emanzipierten Umgang mit dem Ursprungsstoff ein, hat tolle Schauspieler in seinen Reihen und ist gerade so ernst wie nötig und so albern wie möglich. Doch ganz kann Geschonneck seine Herkunft aus dem so auf Konsens getrimmten Fernsehfilm nicht wegtäuschen. Manches ist gar überdeutlich gezeichnet, so dass es auch noch der letzte Zuschauer versteht, viel zu oft seufzen die Figuren plakativ einer verlorenen Zeit hinterher. Während der Roman Dinge schlicht erzählt, wird sich im Film das ein oder andere Mal mit feuchten Augen über Memorabilien gebeugt, um zu signalisieren: Achtung, Achtung, hier geht etwas zu Ende.

Dem Film wird am Ende zum Verhängnis, nicht noch konsequenter auf Handlungsstränge verzichtet zu haben. Dass Angela Winkler noch durchs Bild tanzt, mittlerweile bei einer Mischung zwischen der späten Ingeborg Bachmann und Nina Hagen angekommen, macht genauso wenig Sinn wie die im Osten gebliebene Frau von Enkel Sascha einzubauen. In „In Zeiten des abnehmenden Lichts“ geht die DDR zu Ende wie sie wirklich geendet ist: als abgewirtschaftetes System, zusammengehalten von Opportunisten und Nostalgikern. Der dafür bei Geschonneck aufgeführte Narrenkäfig ist jedoch leider zu harmlos, um die ganze Absurdität abzubilden und zu lieb, um den ganzen Schrecken deutlich zu machen, der den Figuren von Eugen Ruge eingeschrieben ist.

1 Kommentare

  1. Oh ja, ein sehr gutes Buch. Das war anzunehmen, dass die vielen verschachtelten Ebenen im Film nicht adäquat umgesetzt werden. Manchmal taugt der Film vielleicht nur dazu, die eigenen Bilder der Lektüre wieder wachzurufen, also ich schaus mir trotzdem mal an, danke für die Besprechung!

Kommentar verfassen