Michael Chabons „Moonglow“: Zu Risiken und Nebenwirkungen lesen Sie den Paratext

Chabon-Moonglow

Michael Chabon ist wahrlich kein unbeschriebenes Blatt. Der amerikanische Schriftsteller zählt zu den bedeutendsten, mit zahlreichen Preisen ausgezeichneten Vertretern seines Landes. Sein jüngstes Werk „Moonglow“ erschien 2016 im englischen Original und wird Anfang März in deutscher Übersetzung bei Kiepenheuer & Witsch verfügbar sein. Chabon schildere darin, so sein deutscher Verlag in der Ankündigung, „Episoden aus der Lebensgeschichte seines Großvaters“. Ein autobiographischer Roman – oder doch nicht?

Wer die englischsprachige Ausgabe von „Moonglow“ aufschlägt, der wird sich vielleicht über die seitenlangen frenetischen „Praises“, den Pressestimmen, Kritiker- und Kollegenstatements zum Buch wundern, die dem Text in der englischsprachigen Welt in der Regel vorangestellt sind. Blättert man jedoch weiter, so überrascht dann doch jeden, dass das Buch drei Vorsatzseiten mit dem Buchtitel „Moonglow“ – davon eine ordentliche Titelseite und zwei Seiten mit dem Titel des Buchs im Layout des Coverdesigns –, außerdem zwei Widmungen („To them, seriously“, gefolgt von einer der Titel-Vorsatzseiten und der zweiten Widmung „To them“) sowie ein Zitat und eine „Author’s Note“ oder Vorbemerkung vorangestellt sind.

Unbefangen darüber hinweglesen sollte man nicht. Denn bereits hier entpuppt sich das ausgeklügelte Spiel mit der Fiktion, das Chabon soweit ausreizt, dass sich der Leser bisweilen an der Nase herum geführt fühlen könnte.
Während das Cover und die ordentliche Titelseite – der äußerste Rahmen des Peritext-Gerüsts – „Moonglow“ als Roman und damit ausdrücklich fiktionalen Text identifizieren, beschreibt die vorangestellte Vorbemerkung des Autors die folgenden 430 Seiten als „Memoir“, einer der Autobiographie nahstehenden Gattung, die ausdrücklich nicht-fiktionale Ansprüche stellt. In den dem Text nachgestellten Danksagungen ist „Moonglow“ nur noch als „pack of lies“ bezeichnet.

Für Chabon darf es also offenbar ein wenig mehr Peritext sein. Interpretieren lässt sich dieser in seiner Gesamtheit als augenzwinkernder Kommentar des Autors zum zentralen Haupttext, in dem der Ich-Erzähler Mike Chabon die Geschichte seines Großvaters mütterlicherseits erzählt.
Überhaupt eignet sich „Moonglow“ wahnsinnig gut für eine kontroverse Diskussion der Lejeunschen Theorie des autobiographischen Pakts, denn ist „Mike“ als gängiger Kose- und Rufname nun identisch mit „Michael“? Oder reicht es, dass der Ich-Erzähler an anderer Stelle im Text auf sich selbst als „Chabon“ verweist?

Aber auch innerhalb der Erzählung gibt es immer wieder Andeutungen und Verweise, Verortungsversuche des Ich-Erzählers, die mit Zeitpunkten und Begebenheiten aus der Biographie Michael Chabons, wie sie nicht nur im Peritext des Buches mitgegeben, sondern auch bei Wikipedia oder auf der Verlagswebsite nachzulesen ist, übereinstimmen.

„After I’m gone, write it down. Explain everything. Make it mean something.“

Wer die literaturtheoretischen Überlegungen für verlorene Liebesmüh’ hält, der kann „Moonglow“ auch als rasante Familiensaga lesen, in dessen Zentrum der Großvater steht.
Als Sohn eines aus Pressburg stammenden Juden wächst dieser in den Zwischenkriegsjahren im Süden von Philadelphia, einem jüdischen Einwandererviertel, auf. Der Mann, den der Enkel jahrelang als schweigsam empfunden hat, erzählt dem Ich-Erzähler auf seinem Sterbebett seine Lebensgeschichte, und die ist abenteuerlich.

Von Kindesbeinen an tut er sich vor allem als Rowdy hervor, nach dem Ingenieursstudium ist ihm langweilig, also meldet er sich als Freiwilliger im Zweiten Weltkrieg. Weil der Großvater wegen seiner österreich-ungarischen Wurzeln deutsch spricht, wird er nach Deutschland an die Front geschickt, um in den letzten Kriegstagen Wernher von Braun zu suchen, der als Konstrukteur der V2-Rakete für das amerikanische Nachkriegs-Raumfahrtprogramm von Interesse ist und nicht in sowjetische Kriegsgefangenschaft geraten soll.

Die Verfolgungsjagd, die sowohl die Schrecken, als auch einige Absurditäten des Krieges – so wird ein Kamerad nicht etwa von einer Pistole oder Granate, sondern einem Pfeil getroffen wird – durch mitteldeutsche Dörfer nimmt etwa ein Drittel von „Moonglow“ ein. Der Rest der Familiensaga widmet sich überwiegend den Nachkriegsjahren, in denen der Großvater 1947 die Großmutter des Erzählers und ihre 5-jährige Tochter, die Mutter der Ich-Erzählers, kennenlernt. Denn, so stellt sich überraschenderweise heraus, der Großvater und der Erzähler seiner Geschichte sind – als ob hier die These von der Differenz zwischen Autor- und Erzähler-Ich noch einmal unterstrichen werden soll – gar nicht verwandt.

Die Großmutter, eine französische Jüdin, wurde während des Krieges in einem Kloster von Nonnen versteckt. Mit 18 Jahren bekommt sie dort auch ihre Tochter, dessen Vater als Arzt der Résistance von den Nazis hingerichtet wurde. Auf dem Arm trägt sie eine tätowierte 5-stellige Nummer. Die Schrecken des Krieges verfolgen sie in Form eines Pferdeskeletts, dass ihr immer wieder erscheint:

The Skinless Horse was a creature sworn to pursue my grandmother no matter where she went on the face of the globe, whispering to her in the foulest terms of her crimes and the blackness of her soul.

In his imagination, he built my grandmother a city on the Moon and escaped by rocket with her and my mother to settle there and live in peace.

Um seine Frau, und nicht zuletzt auch sich selbst zu retten und die furchtbaren Kriegserinnerungen hinter sich zu lassen, träumt der Großvater vom Leben auf dem Mond. Wer die Erde verließe, so die Therie, lässt alles hinter sich. In den 1950er Jahren gründet er schließlich eine Firma, die zur heißen Phase des „Mond-Wettlaufs“ Modellraketen baut.

Von all diesem und noch vielem mehr – zum Beispiel der Jagd auf eine Anakonda, einem mehrmonatigem Gefängnisaufenthalt und der Nachtwanderung mit einem Priester – erzählt „Moonglow“ auf erfrischend unterhaltsame, kurzweilige Art und Weise. Einer gewissen Überheblichkeit kann dieses Buch-im-Buch-und-wer-spricht-hier-eigentlich-Spiel trotzdem nicht ganz entbehren. Man merkt, hier erzählt ein Schriftsteller, der sein metapoetologisches, aber grundsätzlich bekanntes Konzept durch narrative Fingerfertigkeiten zur Schau stellen möchte. Dennoch – die Lektüre dieses auf seine eigene Art durch und durch postmodernen Texts kann am Ende nur als Gewinn verbucht werden.

3 Kommentare

  1. Chabon ist stilistisch großartig. Am besten aber scheint er mir, wo er nicht nur Episode an Episode, Einfall an Einfall reiht (The Yiddish Policemen’s Union zB) – vor Titeln die man mit „In der Tradition des Schelmenromans“ bewerben könnte (also solche, deren Struktur vor allem die der Reihe ist) wollte ich eigentlich weniger lesen … andererseits ist es immernoch Chabon.

  2. Pingback: Störer der Nachtigall – Blogschau Literatur II – Die Kolumnisten. Persönlich. Parteiisch. Provokant.

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