Michael Krügers „Das Irrenhaus“: Leben am Fensterbrett

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Als psychologische Kränkung bezeichnet Sigmund Freud den Umstand, dass nur ein Teil des menschlichen Seelenapparats von einem rationalen, reflektierten Bewusstsein gesteuert ist. Vielmehr sei er beeinflusst von Triebhaftigkeit und Unbewusstem, was das „Ich“ zu der Einsicht kommen lässt, „nicht mehr Herr im eigenen Haus zu sein“. Damit stand das Subjekt zur Disposition, das sich aus der Tradition der Aufklärung als rationales Wesen herausgebildet hatte. Bei dem „Ich“-Erzähler in Michael Krügers neuen Roman „Das Irrenhaus“ steht die Sache noch komplizierter: Zwar ist er faktisch Herr im eigenen Haus, das weiß dort nur niemand. Und dann ist in diesem Haus auch noch so viel anderes präsent, das sich seiner bemächtigt. „Das Irrenhaus“ ist ein mal witziger, mal melancholischer Text über ein Subjekt in der Krise und die Durchlässigkeit, die Menschen zum Schreiben befähigt.

Für Menschen wie Michael Krüger wurde das Wort vom „Workaholic“ erfunden. Nach seinem Eintritt in den späten Sechzigern als Lektor bei Hanser brachte er es in den 1980ern bis zum Leiter des Verlags, der er bis 2013 geblieben ist. Nur wenige Jahre nach dem Beginn seiner verlegerischen Karriere fing er darüber hinaus an, selbst als Schriftsteller tätig zu werden, zuerst als Lyriker, dann zunehmend auch als Prosaautor. Das Ergebnis ist eine Publikationsliste, die von einer fast wahnhaften Produktivität zeugt. Zudem hat er jüngst dem Standard verraten, was da noch kommen soll: „Ein großes Erzählprojekt, etwa 2000 Seiten. Aber die sind nicht fertig. Das sind lauter Zettel, Kladden, Notizbücher. Es geht mir um eine Phänomenologie der Gefühle.“ Nun jedoch in diesem Jahr „Das Irrenhaus“, im Vergleich dazu eine Miniatur von Roman.

Zum ersten Mal in meinem Leben wollte ich mich mit Hingabe langweilen.

Alles beginnt mit dem Erbe: Der Ich-Erzähler, zeitlebens Teil der arbeitenden Bevölkerung, ist durch die Mieteinnahmen seines neuen Hauses plötzlich nicht mehr gezwungen zu arbeiten und entschließt sich, ein Experiment zu wagen. Er bezeichnet sich von nun an als freier Philosoph und möchte nicht mehr am Leben teilnehmen, sondern es nur noch begleiten: „Mein Platz in der Welt war der am Fenster geworden.“ Die Stellung, die er in der Welt aufgibt, ist ohnehin bedroht, „Das Irrenhaus“ wird von einem Erzähler getragen, der sich seiner selbst unsicher ist: „Von einer irgendwie fest umrissenen Identität konnte bei mir nicht die Rede sein; ich besaß nicht einmal den Ehrgeiz, eine zu haben.“ Um sein Verschwinden zu begünstigen, zieht er unter falschem Namen ins Haus, so dass niemand von seiner Rolle als Vermieter weiß.

Ich war glücklich, dieses Leben nicht mehr führen zu müssen.
Ich war dankbar dafür, nicht mehr ins Büro gehen zu müssen.
Aber noch dankbarer war ich dafür, mich nicht mehr beteiligen zu müssen.

Doch unter so vielen Nachbarn unbehelligt zu bleiben, ist ein schwieriges Unterfangen. Eine Frau stellt ihm nach, ein Derivatenhändler drängt sich in seine Wohnung, um ihm Finanzspekulationen schmackhaft zu machen; denn wer dauerhaft nicht arbeiten will, muss sein Geld für sich arbeiten lassen. Doch derjenige Nachbar, der das „Ich“ am meisten beschäftigt, ist einer, der gar nicht mehr im Haus wohnt. Georg Faust, Schriftsteller und Vormieter der Wohnung, in der nun der Erzähler wohnt: „Endlich allein. Oder eben doch nicht allein. Aber wie soll ich mein Leben mit einem Schriftsteller beschreiben, der in jedem Zentimeter meiner Wohnung anwesend, wenn auch nicht sichtbar war.“ Georg Faust ist eine Präsenz, die zunehmend Raum einnimmt.

Meine eigene Biografie kam mir mittlerweile so zerbrechlich und vage vor, so ohne jede Substanz, dass sie zu zerfallen drohte.

Das „Ich“ beginnt damit, die Briefe Georg Fausts zu lesen und sich in sein Leben zu versenken. Seine Identifikation mit dem Schriftsteller steigert sich im Laufe des Romans, er ist emotional in die Beziehung zwischen Faust und seiner Mutter investiert, die dem Autor immer wieder wütende Vorwürfe macht. Eines Tages wird er schließlich mit dem Schriftsteller selbst verwechselt, womit die Metamorphose beinahe abgeschlossen ist. Der Ich-Erzähler liest öffentlich aus Fausts Lyrik, ist an seiner Stelle zu einer Preisverleihung eingeladen.

Michael Krügers „Irrenhaus“ zeigt ein Subjekt in der Krise, das in seiner eigenen Unsicherheit Identität im Leben eines anderen sucht. Der Befund, dass das „Ich“ in der Moderne in Bedrängnis gekommen ist, ist kein neuer, genauso wenig wie besonders einfallsreich erscheint, Freuds Ausspruch vom Herrn im eigenen Haus ins wortwörtliche zu übersetzen und von einem Vermieter, der keiner sein will, zu erzählen. Doch Krüger deutet die Krisensymptome seines Erzählers um und macht sie zu Bedingungen des schöpferischen Menschen. Die Fähigkeit, sich in das Leben anderer reinzudenken, ist am Ende die, die den Ich-Erzähler selbst zum Schriftsteller macht: „Ich bin einer, durch den Georg Faust hindurchgegangen ist.“ Nur der durchlässige Mensch, jener, der sich selbst zum Verschwinden bringen kann, ist jener, der Zugriff auf das Leben anderer hat. Das bedrängte Subjekt wird somit zur Bedingung zur Kunst – Kunst, die auch in Michael Krügers „Das Irrenhaus“ am Werk ist und die Lektüre zu einer außerordentlich anregenden Angelegenheit macht.


Wir danken dem Haymon Verlag für das Rezensionsexemplar.

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