Michael Kumpfmüller: Die Domestizierung der Literatur

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Der Mann ist in Gefahr. Schleichend, fast lautlos tritt er den Rückzug an, bedroht von einer aufstrebenden, immer stärker werdenden Gruppe: den Frauen. Was bleibt da noch für die Männer? Sollen sie sich mit ihrem Niedergang abfinden? Und wie könnte ihre neue Rolle aussehen? Auf diese Frage hatte schon Herbert Grönemeyer keine befriedigende Antwort gefunden, mittlerweile ist das Thema in der Literatur angekommen, wie Thomas Hettches „Liebe der Väter“ oder Ralf Bönts „Das entehrte Geschlecht“ zeigt. Der (westliche) Mann befindet sich zwischen Rückzugsgefecht und Neujustierung und geht damit ganz unterschiedlich um: manche lassen noch mal den alten Silberrücken aufleben, andere begleiten ihren Abstieg mit quengeliger Larmoyanz. Die nächste Reise ins Innere des neuen Mannes hat Michael Kumpfmüller mit „Die Erziehung des Mannes“ unternommen und es damit immerhin auf die Longlist des Deutschen Buchpreises geschafft.

In einem Interview mit der Welt erläutert Kumpfmüller das Dilemma, in dem der moderne Mann steckt: „[I]n den Kämpfen, die nun ausgetragen werden müssen und ausgetragen werden, gibt es einen fundamentalen Unterschied. Die Frau ist ideologisch bewaffnet, der Mann nicht. Die Frau kann immer in diesen Verteilungskämpfen auf das Allgemeine rekurrieren. Das kann der postfeministische Mann nicht. Der ist sozusagen waffenlos. Er kann den Feminismus nicht kassieren, das will er auch nicht; es gibt keinen Weg zurück. Ich bin auch eher ein sanfter Mann und habe dann oft gehört, auch von den Frauen selbst: Du musst einfach mal eine klare Ansage machen. Der Ausweg ist also: Werde wieder der alte Mann.“ Er befindet sich danach in einem klassischen Double-bind: Er soll sich den neuen Umständen anpassen, sein altes Männerbild ablegen, doch je mehr er das tut, desto häufiger wird die Forderung nach dem alten Mann laut. Unlängst wurde in derselben Zeitung das Verschwinden des linken Machos beklagt. Der Mann erscheint daher als schizophrenes Wesen, muss zwei Erwartungen gleichzeitig bespielen.

Ich mochte sie von Herzen. Sie war jung, ich liebte ihren Geruch, aber ich sah mich nicht an ihrer Seite.

Nun also Michael Kumpfmüllers „Die Erziehung des Mannes“, ein Roman darüber, wie ein Mann langsam aus dem Stein geschlagen und zum Gefangenen seiner Biographie wird. Protagonist und Ich-Erzähler ist Georg, der seinen Lebensunterhalt als Komponist erwirtschaftet. Zu Beginn der Narration wickelt Georg gerade eine siebenjährige Beziehung mit Katrin ab, die ihn zum sexuellen Abstinenzler machte und daher Julika weichen muss, die seine Männlichkeit wieder bestätigt: „Sie hatte mich wiederhergestellt. Als Mann, als sexuelles Wesen.“ Fort an wird geliebt, gestritten, nach Berlin gezogen, Kinder bekommen und sich entfremdet: „Man konnte wirklich nicht sagen, dass ich sie bedrängte, ich wollte nur markieren, dass da womöglich gerade etwas zu Ende ging, halb im Scherz, als wäre der wilde, dreckige Sex unwiderruflich vorbei. Und war das nicht längst?“

Zärtlichkeiten fanden nicht statt.

Die Beziehung mit Julika (im Roman meist nur Jule genannt) wird zur prototypischen Verbindung zweier Menschen, die sich erst solange anziehen, bis sie sich abstoßen. Die große Leidenschaft wird von den kleinen Kämpfen abgelöst: „Ich kochte, ich kaufte ein, ich wusste, wie man eine Waschmaschine bediente und bediente sie auch, was leider nicht verhinderte, dass sich Jule regelmäßig beklagte. War mein Leben, verglichen mit ihren Herkuleskämpfen in der Schule, nicht der reinste Kinderkram?“ Jule, als Lehrerin unter ständigem Druck, bringt die Unzufriedenheit mit nach Hause, fängt an, sich für einen gemeinsamen Freund zu begeistern, was von Georg weitestgehend einfach geschehen lassen wird. Beide nutzen sich gegenseitig so weit ab, bis Georg zu dem ernüchternden Schluss kommt: „Wäre ich ehrlich gewesen, hätte ich sagen müssen, dass meine Ehe ein Witz war.“

Für einen Moment sah ich die Frau, die sie werden würde.

Die Besonderheit Georgs ist jene, die Kumpfmüller auch im Interview angesprochen hat: er lässt die Dinge einfach geschehen, was soll er auch sagen? Er kann sich auf keine Ideologie des chauvinistischen Mannes berufen, sein Platz in der Welt hängt plötzlich von den Frauen in seinem Leben ab. So ist seine Rolle die des Beobachters und die Affäre, die er noch während der Beziehung zu Jule anfängt, ist auch weniger Schürzenjägerei als Konfliktvermeidung.

Unterbrochen wird die Schilderung durch einen Rückblick in Georgs Kindheit, in der ein anderer Mann eine zentrale Rolle spielt, sein Vater. Das brutale, ungerechte und tobsüchtige Ungeheuer verkörpert all das, was Georg nicht mehr sein kann: „Manchmal hasste ich ihn.“ Vor allem wie der mit Georgs Mutter umgeht, prägt das Männerbild des Ich-Erzählers: „Ich wollte überhaupt nichts mehr hören. Die Ehe meiner Eltern bestand seit Jahren bloß auf dem Papier, meine Mutter litt […]“ Er ist damit der Gegenentwurf zu Georg, die Negation der Männlichkeitsvorstellungen des Vaters weisen jedoch auch keinen Weg aus der Misere. An dieser Stelle werden im Roman viele Bezüge zum Werk von Max Frisch und dessen ständige Auseinandersetzung mit dem Ausweg aus festgeschriebenen Biographien aufgemacht. Georgs Biographie erscheint keineswegs als eine, über die er sich erheben kann, sie ist an seine Familie gebunden: „Der Vater war Ich, selbst wenn er neben mir im Wagen saß, meine Mutter, die sich in der Küche ein paar Tränen abwischte, ihre Brüder und Schwestern, selbst die Toten waren, dachte ich, Ich […]“ Auch die emanzipatorische Geste, das Gegenteil des Vaters darzustellen, führt zu keiner positiven Befreiung.

Ich weiß, der Vater ist nicht mein Vater. Er ist meine Erfindung, ein billiger Abklatsch, und dennoch gibt es unverkennbare Ähnlichkeiten.

So interessant das auch sein mag, das Problem an Michael Kumpfmüllers „Die Erziehung des Mannes“ ist jedoch, dass der Autor eine starke Meinung zum Dilemma des modernen Mannes hat, jedoch keine kluge Idee, wie man daraus gute Literatur macht. Der Roman ist erschreckend bieder und nach simpelsten Strickmustern erzählt, so dass man sich beim Lesen wie an der Hand geführt fühlt, der Text erlaubt keinen autonomen Zugang, verläuft auf den Schienen, die der Autor gelegt hat. Ein Leser dieses Romans ist genauso wenig emanzipiert wie Kumpfmüllers Protagonisten. Der Autor findet über den gesamten Verlauf keine Sprache dieser in Not geratenen Männlichkeit, verdichtet nicht, breitet alles so aus und verwechselt den Roman mit einem populären Sachbuch. Da hilft es auch nicht, anders als in der NZZ behauptet wird, dass die Kindheitsebene im Roman zwischengezogen wird, auch danach knüpft der Text an die müde Klaviatur der Chronologie an. Davon abgesehen, dass das Bild der westlichen Männlichkeit deutlich zu defensiv gezeigt wird, ist „Die Erziehung des Mannes“ schlicht keine gute Literatur, da der Roman zu viel zu sagen und zu wenig zu erzählen hat. Man möchte daher Karl-Heinz Ott beipflichten: Romane sind mehr als Lebenskunde.


Wir danken Kiepenheuer & Witsch für das Rezensionsexemplar. Weitere Buchpreis-Besprechungen auf dem Buchpreisblog.

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