Michael Lentz‘ „Schattenfroh“: Gegen das Verstummen anschreiben

Michael Lentz‘ „Schattenfroh“ gehörte mit zu den großen Favoriten für den diesjährigen Deutschen Buchpreis – nur um dann nicht mal auf der Longlist zu stehen. Das kann man der Jury vielleicht nicht mal verübeln, schließlich ist „Schattenfroh“ sicherlich eins der herausforderndsten Bücher der letzten Zeit, obwohl man natürlich immer hofft, dass die Leute, die darüber entscheiden, welche Werke beachtet, ins Rampenlicht gestellt und ausgezeichnet werden, ein Sensorium dafür haben, wo Saisonware aufhört und große Literatur anfängt. Zu letzterem gehört „Schattenfroh“ in jedem Fall, auch oder gerade weil man sich daran die Zähne ausbeißt, verzweifelt und sich eine blutige Nase holt.

Wenn man, dem Begriff des Requiems folgend behaupten würde, in „Schattenfroh“ geht es um den Tod des Vaters des Ich-Erzählers, steckt man schon mitten drin in den Schwierigkeiten. Denn nicht nur geht es um so viel mehr als das, auch ist der „Tod des Vaters“ eine dermaßen überkodierte Angelegenheit, dass sich dahinter ein ganzer Kontinent an philosophischen, literarischen und psychoanalytischen Fragestellungen verbirgt, die man nicht mal auf tausend Seiten in Gänze beantworten kann. Tatsächlich gibt diesen Tod des Vaters, im Text und im Leben des Schriftstellers, doch die literarische Verarbeitung ist kein Text über den Tod, sondern darüber, wie die Literatur vom Tod bewahrt, bis einem irgendwann die Puste ausgeht.

Ich heiße nicht Johannes und nicht Emmeram, ich heiße Niemand.

Eine Rahmenhandlung zu beschreiben, kommt dem Versuch gleich, Wackelpudding an die Wand zu nageln. Vielleicht so viel: Der Ich-Erzähler, der Niemand, ist in einer Kammer eingesperrt an eine Apparatur angeschlossen, die seinen auf Seite 1 einsetzenden Gedankenstrom aufzeichnet: „Man nennt es schreiben. Ich habe kein Papier, keinen Stift, keine Schreibmaschine, keinen Computer.“ Davon ausgehend wird der Leser mit in den Malstrom schier unerschöpflicher Gedankenkraft reingezogen, der den Vater und den Tod immer wieder abwechselnd als Konkretes und dann wieder als Prinzip thematisiert.

Des Realen. Das Reale. Die Regale. Ich muss das Wort immer vor mich hin sagen, das Reale.

Als Teil der Furchtbringenden (einer der müderen Witze eines sonst eher mit heiligen Ernst ausgestatteten Buchs) Gesellschaft bedeutet sein Auftrag, sich in die Unterwelt seiner Gedankengänge zu begeben: „Mitglied der Furchtbringenden Gesellschaft kann nur sein, wer auserwählt ist, eine Reise in die teuflische Imagination zu unternehmen, und ihr standhält […]“ Was er hervorbringt und schließlich in diesem Roman Schicht für Schicht aufträgt, ist eine großartige, manchmal wirre historische Exkursion – vom ersten Schreibauftrag der Menschheit, durch Gott ausgestellt, bis in die Gegenwart. Schreiben ist in „Schattenfroh“ nicht einfach nur eine Tätigkeit, schreiben bedeutet denken, bewahren, gestalten.

Die Welt draußen war nur interessant, wenn sie belautet und beschriftet war […]

Dass der Ich-Erzähler ein so dringliches Verhältnis zum Schreiben hat, liegt auch an dessen Vater, der als Beamter in der Stadt Düren ein Mann von Akten und Archiven war: „Ich bin das papiergebundene Gedächtnis, vor dem das Archiv mich schützt, sagt mein Vater.“ Immer wieder blitzen im Roman Momente der Humanisierung auf, wo der Text den Blick des Weltenkundlers gegen den Blick des liebenden Familienmitglieds austauscht: „Vaters Archivgrundsatz Nummer eins lautet: von vorne nach hinten durcharbeiten. Grundsatz Nummer zwei: das Durchgearbeitete nach hinten geben. Grundsatz Nummer drei: das Tagesaktuelle schaffen und ein bisschen mehr.“

Um des ganzen Papiers Herr zu werden, plant mein Vater die Flucht aus dem Alphabet.

Hier ist der Vater ein etwas schrulliger Büroarbeiter, an anderer Stelle wird er von Krankheit gezeichnet geschildert, doch vor allem taucht er in „Schattenfroh“ als jemand auf, der in der Schrift aufgehoben ist. Sein Medium war die Schrift, seine Arbeit war Schrift, er war Schrift. Das wirft ein Licht darauf, um was es in diesem Roman eigentlich geht: den Verlust eines Sohnes, der seinen schriftgewordenen Vater solange bewahrt, wie er nicht aufhört zu schreiben.

Vaters Diktate haben mich gezeugt, und ich bleibe nur so lange am Leben, wie Vater diktiert.

Die Schrift als Bewahrer – das ist sicher nur ein Aspekt, unter dem der Roman das Phänomen Schrift beschreibt, aber ein zentraler. Das wird schon relativ früh deutlich, wenn im Text rund 80 Seiten dafür reserviert sind, um die Toten der Bombenangriffe auf Düren handschriftlich aufzulisten. Die Handschrift gilt dem Text als besonders heilig, gleichzeitig zeugt es davon, wie wenig sich der Text um so etwas wie Textökonomie oder Dramaturgie schert.

Lesen. Nicht von der Stelle kommen. Den Zusammenhang verlieren. Die Wörter von sich entfremden, von den Wörtern und von sich als Lesendem.

„Die Aufgabe von Literatur ist Totenerinnerung.“, heißt es an einer Stelle relativ offen über den Auftrag, den sich „Schattenfroh“ selbst gegeben hat. Der Vater ist dabei gleichzeitig Zentrum wie Ausgangspunkt des Erinnerns, denn hier wird den Toten der Stadt Düren genauso erinnert, wie mehrerer tausend Jahre Menschheitsgeschichte. Im Schreiben sind sie alle präsent und sie hören nicht auf präsent zu sein, solange die Menschen weiterschreiben.

Lentz schafft es „Schattenfroh“ so zu navigieren, dass der Roman unter so viel Anspruch nicht zusammenbricht. Selbstverständlich verrennt sich der Text auf seiner langen Strecke immer mal wieder. Den Leser schleuderts mal aus dem Text, weil der Autor eine Volte zu viel schlägt, manchmal macht er sich unverständlich und so manchen Spezialdiskurs mag sich auch einfach dem Interesse des Lesers entziehen. Doch der Roman, der einfach nicht aufhört fortgeschrieben zu werden, bietet dem Leser auch immer wieder Zugänge wieder in ihn hineinzufinden.


Wir danken dem S. Fischer Verlag für das Rezensionsexemplar.