Michael Wildenhains „Das Singen der Sirenen“: Ausgeheult

Das Singen der Sirenen

Die Geisteswissenschaften haben es gesamtgesellschaftlich nicht leicht. Sie bringen keinen direkten Ertrag hervor, gelten als verquatscht und unproduktiv. Wer heuer eine Kostprobe eines weitverbreiteten Ressentiments genießen möchte, musste in den letzten Wochen nur einen Blick in DIE ZEIT werfen. Da verteidigte die zuletzt etwas über zwielichtige Konten ins Straucheln geratene Speerspitze des Feminismus ihr Zentralorgan „Emma“ gegen Rassismusvorwürfe, die die Gender-Theoretikerinnen Judith Butler und Sabine Hark erhoben. Ein einziges Wort reicht aus, um zu verstehen, woher der Wind eigentlich wehte: „Berufs-Denkerinnen“ seien die beiden. Schwarzer hatte gar nicht erst vor, den beiden inhaltlich gegenüberzutreten, sondern versuchte lieber, direkt einen ganzen Berufsstand zu diskreditieren. Dass jemand dafür bezahlt wird zu denken, ist in einer ergebnisorientierten Gesellschaft ein Skandalon, selbst bei solchen, die sich einstmals selbst als Vordenkerin sahen. Darüber was es heißt, sich mit dem Immateriellen zu beschäftigen, hat Michael Wildenhain den Roman „Das Singen der Sirenen“ geschrieben.

„You look so lost“ ist eins der ersten Dinge, die der Zentralfigur Jörg Krippen entgegenhallt. Da befindet sich die Narration gerade in London, Jörg Krippen, Protagonist und Frankenstein-Experte, ist in die Stadt an der Themse gekommen, um dort an der Universität zu wirken, doch eigentlich – so soll sich später enthüllen – ist er auch irgendwie geflohen. Geflohen vor einem Leben, das sich ausgelebt hat, geflohen vor einem Leben, das sein Bezugssystem verloren hatte. Unter die Fittiche genommen wird er von Mae, ihres Zeichen Stammzellenforscherin. In der Folge wird sie immer wieder da auftauchen, wo Jörg Krippen verloren scheint, bis die beiden ein Liebesverhältnis eingehen – der Frankensteinexperte und die Stammzellenforscherin, zwischen Ihnen soll sich aber auch jener Graben aufmachen, der sich zwischen harter und weicher Wissenschaft aufmacht.

Den ersten Tag in London empfindet Jörg Krippen als schrecklich.

Michael Wildenhain ist kein völlig neues Gesicht auf den Listen des Deutschen Buchpreis. Auch für seinen letztern Roman „Das Lächeln der Alligatoren“ reichte es 2015 für eine Nominerung. Wildenhains großes Thema sind linke Widerstandskulturen und deren radikalen Auswüchse. Darum geht es, unter anderem, auch wieder in „Das Singen der Sirenen“, denn Jörg Krippen ist nicht nur verkopfter Geisteswissenschaftler, sondern hat auch eine ganz handfeste Vergangenheit: In den 80ern und 90ern lieferte er sich im geteilten, dann ungeteilten Berlin Straßenschlachten mit Polizisten und Nazis. Was diese Episoden des Rückblicks mit der Rahmenerzählung zu tun haben, bleibt im Dunkeln, denn eigentlich geht es nur darum zu sagen: Hier hat jemand eine Vergangenheit, die er verschweigt und vor allem hat er eine Vergangenheit, die seiner vergeistigten Existenz der Romangegenwart entgegensteht. Tatsächlich könnte man sich Jörg Krippen aber auch als Gärtner, Bauarbeiter oder Fensterputzer vorstellen und die Geschichte würde immer noch funktionieren.

„Ich rede von deinem Frankenstein-Gefasel. Von deinem Künstliche-Wesen-Bullshit.“

Wobei mit „funktionieren“ in Falle von „Das Singen der Sirenen“ das falsche Wort ins Spiel kommt, denn man könnte behaupten, in diesem Roman gehe es gerade ums Nicht-funktionieren. „Vertrauen“ ist einer der zentralen Begriffe dieses Textes und Vertrauen ist eine Kategorie, mit der sowohl die handelnden Figuren wie auch der Leser umgehen müssen. Auf der Figurenebene ist da das Einfordern bzw. das Demonstrieren von Vertrauen. Ob nun Jörg Krippen mit seinem Kind im Schwimmbad ist („‘Spring doch‘, sagt er leise, ‚ich bin bei dir.‘) oder aber Jörg und Mae sich gegenseitig ihre Vergangenheit glauben müssen – immer geht es darum, dass da etwas zwischen zwei Figuren steht – entweder das Sprungbrett im Schwimmbad oder aber der Glaube, den anderen im Zweifelsfall besser zu kennen.

„Ich beschäftige mich hier mit Abstammung, vorwiegend mit Abstammung. Das sind exakte Aussagen. Nicht irgendwelche Geschichten, die irgendwer erzählt.“

Die allgemeine Verunsicherung überträgt sich schließlich auf die Erzählebene. Das eh schon manchmal assoziative, disruptive Erzählen entglaubigt sich selbst, weil keiner der Figuren dem anderen so richtig glaubt. Vergangenheit ist in diesem Roman in einer merkwürdigen Weise gleichzeitig als identitätsstiftend und fluide entworfen, Vergangenheit macht einen nicht zu dem, was man ist, sondern man macht Vergangenheit, um jemand zu sein – ganz im Sinne eines Schreibauftrags, den Krippen zu Beginn des Romans bekommt: „‘Im Wesentlichen erhoffe ich mir, dass Sie einen Text schreiben. Eine story. Eine Geschichte, in der ein künstlich erschaffenes Wesen eine … tragende Rolle spielt. Verstehen Sie, was ich meine?‘“ Diese fluiden Identitäten manifestieren sich dann auch auf die Ebene der Figurennamen: „‘Ich hab sogar meinen Namen geändert. Aus Mohini, der Schönsten, der Bezaubernden, wurde einfach Mae.‘“

Sobald das Zitieren das Denken ersetzt, verkommt der Gedanke zur exegetischen Beschwörung, zu einer Form des Gebets.

Und damit beantwortet sich möglicherweise auch die Frage des Romans: Was ist die Aufgabe von intellektueller Betätigung im Sinne der Geisteswissenschaften? Sie könnte darin bestehen, verfestigte Vorstellungen von Identität und Realität zu hinterfragen, quasi den eigenen Frankenstein, das Artifizielle in sich aufzuspüren. Die von Mae erhobene Anklage („Was macht ihr? Ihr zitiert. Und zitiert. Bewegt euch in eine Welt des Erdachten. Indem ihr auf Erdachtes verweist. Wo bleibt die wirkliche Welt?“) weist damit auf sie zurück: Was sind wir, wenn nicht gleichzeitig real und auch erdacht.

Das ist alles nicht neu, weist zurück auf zentrale Gedanken des Poststrukturalismus und taucht hier noch mal in neuen, alten Gewändern wieder auf. Dass „Das Singen der Sirenen“ auf weiten Strecken der Erzählung diffus bleibt, liegt natürlich an der Anlage des Romans, am grundsätzlichen Entzug von Vertrauen, ist aber auch dessen größte Schwäche. Denn wer einmal den Blick durch die Nebelkerzen wagt, wird schnell feststellen, dass der Kaiser nackt ist und Wildenhain mit Themen des Konstruktivismus oder dem unzuverlässigen Erzählen seinen Roman nicht so entscheidend zu packen kriegt als dass er den Leser mit Gewinn daraus entlassen würde.


Wir danken Klett-Cotta für das Rezensionsexemplar.

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