Michail Bulgakows „Die weiße Garde“: Die Epochen-Turbine

Es gibt eine Handvoll Romane, die das Tor zur Moderne ganz weit aufgerissen haben: Romane wie „Berlin Alexanderplatz“ von Döblin, „Ulysses“ von Joyce oder „Mrs. Dalloway“ von Virginia Woolf. Sie alle eint, dass sie die Art, wie Gesellschaften ihre Realität wahrnehmen grundsätzlich in Frage stellen, dass sie Abbildbarkeit anders denken und dass sie sich von einem Erzähler verabschieden, der von der kühlen Distanz seines auktorialen Feldherrenhügels aus erzählt. Zwar entwickeln sich neue Literaturformen nie über Nacht und Ansätze dieser Verschiebungen lassen sich immer schon früher entdecken, dennoch strahlen diese Romane etwas Epochemachendes aus.

Ein Roman, der in dieser Reihe seltener genannt wird, ist Die weiße Garde von Michail Bulgakow. Bulgakows Werk ist in Deutschland eh schon weniger bekannt (bis auf Meister und Margarita), Die weiße Garde ist aber sicherlich noch unbekannter. Das liegt sicherlich auch an der schwierigen Editionsgeschichte. Der Text wurde zunächst in Teilen in Zeitschriften publiziert, Bulgakow arbeitete immer wieder daran. Dann gab es eine politisch eingefärbte Fassung, die ihren Übersetzungsweg ins Ausland fand. Erschwerend kam dazu, dass der Roman lange als Vorstufe zum Theaterstück Die Tage der Turbins galt. Erst spät wurde der Text in einer ordentlichen editionsphilologischen Fassung in Russland herausgegeben, worauf nun auch die großartige Übersetzung von Alexander Nitzberg basiert.

Das nennt man revolutionäres Reisen. Eine Stunde Fahrt, zwei Stunden Warten.

Wenn nun allertage das Ende des Ersten Weltkriegs gefeiert wird, dann müsste man sich eigentlich fragen: Welches Ende ist gemeint? Denn während man sich noch bis in den Herbst 1918 an der Westfront blutige Schlachten lieferte, war der Weltkrieg an der Ostfront eigentlich mit dem Abkommen von Brest-Litowsk im März 1918 beendet. Das Abkommen war jedoch nur der Auftakt einer (für Russland) noch blutigeren Phase, dem russischen Bürgerkrieg. Mit in diesen Sog wurden auch die durch das Abkommen neu- oder wiederetablierten Staaten gerissen. Einer dieser Staaten war die Ukraine, die auch Handlungsort von Die weiße Garde ist.

Ein gewaltiges Jahr, ein furchtbares Jahr war nach Christus das Jahr 1918, nach der Revolution das Jahr 2.

Die Ukraine war seit ihrer unverhofften Geburt ein Staat in der Krise, denn sie wurde gleich von mehreren Richtungen in Frage gestellt: Ihr eilte der Ruf nach eine Kopfgeburt des Deutschen Kaiserreichs zu sein, das sich von der Gründung eines unabhängigen ukrainischen Staates erhoffte, eine entscheidende Portion aus dem Fleische Russlands schneiden zu können. Das wiederauferstandene Polen beanspruchte Teile des Landes, die wiederstreitenden Parteien des russischen Bürgerkriegs sahen die Ukraine freilich auch als integralen Teil ihres Landes an, auch wenn sich immer wieder verschiedene Allianzen bildeten. Die Deutschen hielten, so lange sie es sich leisten konnten, Truppen im Land, um sich schließlich aus dem Staub zu machen und das junge Land mit seinem baldigen Ende alleine zu lassen.

„Die deutsche Besatzung wurde allmählich zu einer Operette.“

In dieses Chaos ist auch Familie Turbin hineingeraten, von der Die weiße Garde erzählt. Im Namen ist schon alles angelegt, was diese Zeit, in die sie da hineingeraten sind, ausmacht: Der Wirbel, der Strudel, das Wirrwarr, die Unordnung. Denn Familie Turbin findet sich zunächst in einem von Deutschen besetzten, vom Marionettenregime Hetman regierten Land wieder, das mit der Zeit immer tiefer im Chaos versinkt. Näherer Schauplatz ist das im Text nur als „Große Stadt“ bezeichnete Kiew, das sich nach dem Abzug der Deutschen und der Flucht des Autokraten Hetmans auf einen unmittelbar bevorstehenden Angriff vorbereitet. Was die Bewohner der Stadt eint, ist eine Mischung aus Resignation („Vorbei. Die Deutschen verlassen die Ukraine.“) und Abscheu gegenüber dem, was da als bolschewistische Verheißung auf sie zurollt: „‘Bei uns in Russland, in einem zweifellos rückständigen Land, ist die Revolution doch schon längst zu einem Aufstand des Pöbels mutiert.‘“

„Alle sind sie ermordet“, sagte Myschlajewski, „der Zar, die Zarin, der Thronfolger.“

Im Nachwort beschreibt Übersetzer Nitzberg den Roman folgendermaßen: „Bulgakow erzählt keine Geschichte, vielmehr entwirft er Räume und Bildsphären […]“ Damit hat er freilich recht, denn auch wenn die Turbins Fluchtpunkt des Textes bleiben, ist es doch vielmehr so, dass sich die Ereignisse als Weltpolitik um das Geschehen ereignen, während die Protagonisten irgendwie versuchen, sich daraus einen Reim zu machen. So zeichnet sich Die weiße Garde vor allem über die Abwesenheit einer Geschichte im Sinne der Handlung aus. Stattdessen ist der Roman durch eine Reihe moderner Erzählweisen geprägt, die in vielen Fällen an filmische Kniffe wie Schnitt und Gegenschnitt, Überblende etc. erinnern.

Ach, ein furchtbares Land, die Ukraine!

Dadurch entsteht eine Atmosphäre der unbedingten Unmittelbarkeit, die so schrecklich gut zu passen scheint für ein Setting, das eine Gesellschaft im Umbruch zeigt. In dem Moment, in dem staatliche und gesellschaftliche Ordnung verlorengeht, ist auch jede erzählerische Ordnung passé. Anstatt großer erzählerischen Linien, Reflexionen und Rückgriffen, existiert dieser Roman im Augenblick. Alles wirkt plötzlich, improvisiert, was natürlich die Leistung einer großen Konstruktionsleistung ist, sich jedoch in der Verfasstheit einer Gesellschaft spiegelt, die dauernd improvisieren muss: „Im Wohnzimmer konstituierte sich ein Militärrat.“

„In Russland ist nur eines möglich: Orthodoxie! Autokratie!“

Dazukommt ein Ton, der für Bulgakow typisch zwischen religiösem Pathos und dann immer wieder einem plötzlich auftauchenden, lakonischen Humor („Oberst Schtschotkin war seit dem frühen Morgen abwesend vom Stab, und zwar aus dem einfachen Grund, weil dieser Stab nicht mehr existierte“) changiert.

Die fehlende offensichtliche Struktur des Textes und der reiche Referenzreigen, der sich aus historischen Kontext, religiösen Stoffen und russischer Literaturtradition machen aus der Lektüre von Die weiße Garde keinen leicht zu beschreitenden Spaziergang. Doch der Leser sollte diese Bergetappe nehmen, denn im Chaos dieses Bürgerkrieges wird die Entstehung der modernen Welt und der modernen Literatur so intensiv erfahrbar wie nur selten.


Wir danken Galiani für das Rezensionsexemplar.