Nadja Spiegelmans „I‘m supposed to protect you from all this“: Meine geniale Mutter

Spiegelman-Memoir

„What Ferrante did for female friends—exploring the tumult and complexity their relationships could hold — Spiegelman sets out to do for mothers and daughters. She’s essentially written ‚My Brilliant Mom’“, konstatiert Katy Waldman in ihrer Rezension zu Nadja Spiegelmans Memoir, das im März unter dem Titel „Was nie geschehen ist“ im Aufbau Verlag in deutscher Übersetzung erscheinen wird. Wird Spiegelman diesem Maßstab wirklich gerecht?

Man könnte meinen, Nadja Spiegelman sei von Beruf Tochter. Anstatt Angaben über ihre Ausbildung oder ihre bisherigen Tätigkeiten und Werke (vor ihrem Memoir veröffentlichte sie drei Kinderbücher) zu geben, heißt es auf der Autorinnenwebsite ihres deutschen Verlags: „Nadja Spiegelman, geboren 1987, wuchs in New York City auf und lebt heute in Paris und Brooklyn. Sie ist die Tochter des berühmten Comic-Autors und Pulitzer-Preisträgers Art Spiegelman und der Art-Direktorin des New Yorker, Françoise Mouly.“

Die Literatur ist ihr als Raum für die Entdeckung der eigenen (Familien-)Geschichte nicht unbekannt. In seinen international erfolgreichen „Maus“-Comics hat Art Spiegelman die Geschichte seines Vaters als Shoah-Überlebendem festgehalten, gleichzeitig aber auch – einem graphischen Memoir ähnelnd – die eigenen Reaktionen und Erfahrungen, die Auswirkungen auf das eigene Leben. Auch seine Tochter Nadja kommt in den Comics vor, die Autorin von „I’m supposed to protect you from all this“ ist also daran gewöhnt, literarische Figur zu sein.

Was liegt da näher, als selbst ein Memoir zu schreiben und sich dem anderen Teil der Familie mütterlicherseits zu widmen? In zwölf Kapiteln erkundet Spiegelman über vier Generationen die Verhältnisse zwischen den Müttern und Töchtern in ihrer eigenen Familie. Dabei beginnt sie, es liegt am nächsten, mit der Beziehung zu ihrer Mutter Françoise, das sie aus vielen, über Jahre dokumentierten Gesprächen über ihre Lebensgeschichte und aus eigenen Erinnerungen rekonstruiert.

It went without question that Françoise was her father’s daughter and would one day take over his practice. But it was her mother she truly worshipped.

Als sogenanntes ‚Sandwichkind’ kommt Françoise Mitte der 1950er Jahre in Paris zur Welt. Ihre Eltern, Josée und ihr Vater Paul – Spiegelmans Großeltern – haben bereits eine  zwei Jahre ältere Tochter, Sylvie, später wird die jüngere Schwester Andrée folgen. Spiegelman rekonstruiert im ersten Drittel des Romans die Kindheit und Jugend ihrer Mutter, die vor allem von der starken Ablehnung der eigenen Mutter Josée und einem bedenklich übersexualisierten Verhältnis zum Vater geprägt ist und schließlich in einem Suizidversuch endet. Immer wieder geht es auch um die Thematisierung von sexueller Gewalt, eine Erfahrung, die die Frauen der Familie über die Generationen hinweg teilen. Als sie von ihrer Jugendliebe schwanger wird und das Kind behalten möchte, um eine neue, eigene Familie zu gründen, wehrt sie sich zunächst gegen die von den Eltern geforderte Abtreibung:

Finally, her father gave in. „Fine,“ he said. „Fine. You can have the baby. But you’ll live at home and raise it here.“
Françoise agreed to abortion.

Ein Kind im eigenen Elternhaus großzuziehen, ist für Françoise keine Option. Als sie volljährig ist, flieht sie deshalb kurz entschlossen nach New York. Das Verhältnis zur Mutter reißt jedoch nie, auch nach der Trennung von Josée und Paul, ganz ab. Françoise kehrt immer wieder nach Paris zurück.

Auch Spiegelman zieht es schon früh in die Heimat ihrer Mutter. Sie besitzt, dank der erfolgreichen Eltern, eine Wohnung in Paris. Regelmäßig besucht sie ihre Großmutter Josée, zu der sie ein besonders offenes Verhältnis hat, viel offener als zur eigenen Mutter. Von ihr erfährt sie mehr über Françoise, aber auch über Josées Kindheit und Jugend als uneheliche Tochter von Spiegelmans Urgroßmutter Mina, vor und während und nach den Kriegsjahren.

It is posed as a theoretical question, whether a mother would run into a burning building to save her child. It is not one that many people know the answer to.

Immer wieder verknüpft und vergleicht Spiegelman daher die Geschichte ihrer Mutter mit eigenen Erfahrungen. Besonders eindrucksvoll ist dabei die Schilderung der Erlebnisse des 11. September 2001, den sie an der Stuyvesant High School verbringt, die in 800m Luftlinie entfernt vom World Trade Center liegt. Als bereits alle von der Südspitze Manhattans Richtung Norden fliehen, rettet sie die Mutter aus der Schule, da sie ahnt, dass die Türme einstürzen werden.

Diesen ‚Mutterinstinkt’, den unbedingten Willen, das Leben der Tochter zu retten, beobachtet Spiegelman auch bereits eine Generation zu vor. Obwohl das Verhältnis von Fancoise zu ihrer Mutter Josée unterkühlt ist, ist sie es, die der Tochter bei ihrem Suizidversuch das Leben rettet.

The past shaped the present, but the present also shaped the past.

Bei ihren Recherchen stößt Spiegelman immer wieder auf Widersprüchlichkeiten und Narrative, die den Fakten der Geschichtsschreibung widersprechen. Hieran macht sich ein Erinnerungsdiskurs aus, der jedoch vergleichsweise (vor allem im Gegensatz zu „Vielleicht Esther“ von Katja Petrowskaja) oberflächlich bleibt.

Dafür ist „I’m supposed to protect you from all this“ nicht nur Familienmemoir, sondern auch autobiographische Coming of Age-Erzählung, die die Entwicklung des Ichs, die ersten Erfahrungen mit dem eigenen Körper und der eigenen Sexualität thematisiert. Spiegelman dokumentiert dabei durch den Vergleich der eigenen Erfahrung zu denen ihrer Mutter und Großmutter ganz nebenbei die Fortschritte der weiblicher Emanzipation im 20. Jahrhundert. Unerschrocken, klug und differenziert – ein überaus lesenswertes Buch.