Nathan Hills „Geister“: Im postfaktischen Zeitalter

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Ein Gespenst geht um in der Welt – das Gespenst der Postfaktizität. Spätestens als Angela Merkel es in die Öffentlichkeit trug, war das Gespenst nicht mehr loszuwerden. Nun geistert es in den Redaktionen der hiesigen Medien herum und durch die öffentlichen Diskussionen. Für die Politik und die Medien ist der Eintritt in das postfaktische Zeitalter ein Segen, schließlich entlastet das einen von der schwierigen Aufgabe nachdenken zu müssen. Die postfaktischen Postfaktiker gehen davon aus, dass es seit der Aufklärung einen kontinuierlichen gesellschaftlichen Zustand der rationalen Weltsicht gab, der nun plötzlich abgebrochen ist. Wer alleine durch die Geschichte des 20. Jahrhunderts schaut, dem werden freilich viele Beispiele einfallen, in denen sich ganze Bevölkerungen durch krude Weltanschauung und emotionale Aufladung haben hysterisieren lassen. Aber das ist dann auch schon wieder postfaktisch. Postfaktisch geht es auch in Nathan Hills „Geister“ zu, dessen Roman daher zur Literatur der Stunde werden könnte, würde Hill nicht zu viel versuchen und zu wenig erreichen.

Spätestens mit der Wahl von Donald Trump sahen sich viele in ihrer These bestätigt, man habe ein neues Zeitalter betreten. So beweist Nathan Hill prophetische Fähigkeiten, wenn er über den fiktiven Sheldon Packer, Gouverneur von Illinois, schreibt: „Im Lauf der Zeit hat Packer eine Art Prediger-Schrägstrich-Cowboy-Pathos perfektioniert, und sein antielitärer Populismus spricht vor allem weiße, konservative Arbeiter an, die unter der gegenwärtigen Rezession zu leiden haben.“ Packer spielt für die Handlung insofern eine Rolle, als dass er das politische Klima prägt, das zum Anlass eines zentralen Konflikts in „Geister“ wird. Packer wird von Faye Anderson-Andresen attackiert und angeklagt. Faye war schon in der Studentenbewegung der Sechziger unterwegs und hat seitdem nichts von ihrem Willen zur Unruhe verloren. Betroffen ist mal wieder ihr Sohn Samuel, der seit seiner Jugend mit einer Lücke leben muss.

Jedes Leben hat einen Moment wie diesen, ein Trauma, das einen in neue Teile zerbricht. Das war ihr Moment.

Die Lücke ist dort, wo einstmals seine Mutter war: „Fast ein Jahr ging das so, bis Samuel und sein Vater etwas zu spüren begannen, eine Art Instabilität, ein verwirrendes, beunruhigendes und manchmal sogar unheimliches Gefühl von Auszehrung.“ Die verlässt die Familie, um sich in Chicago der Studentenbewegung anzuschließen und lässt Samuel und ihren Mann zurück. Samuel wächst mit diesem Phantomschmerz auf und ist im Jahr 2011 mittlerweile Schriftsteller und Universitätsdozent. Sein Erstlingswerk brachte ihm große Aufmerksamkeit und einen großzügigen Verlagsvorschuss ein: „Das erste Buch, das Samuel schrieb, war eine Wähle-dein-eigenes-Abenteuer-Geschichte mit dem Titel Die Burg ohne Wiederkehr.“ Seitdem warten er und sein Verleger auf einen weiteren Roman. Um nicht völlig in die Mittellosigkeit abzurutschen, verdingt er sich an einer Uni als Literaturdozent und muss sich mit unwilligen Studenten rumschlagen, die sich für alles interessieren, aber nicht für Literatur: „Natürlich haben die Studenten gefragt, warum sie das machen müssen. Wann werden wir je in unserem Leben etwas über Hamlet wissen müssen?

Samuel ist einer der jungen Professoren, die sich noch so anziehen, dass es die Studenten als „hip“ betrachten könnten.

Samuels Leben hätte vermutlich noch eine Weile so weiterlaufen können, würde ihn nicht der Anruf eines Anwalts erreichen, der ihm von der Strafverfolgung seiner Mutter erzählt. Der schon angesprochene Packer wurde attackiert und Faye ist diejenige, die die Tat zugesprochen wird. Was für den einen ein Schock wäre, ist für Samuel die beste Chance wieder ins Geschäft zu kommen. Als ihm sein Verleger droht, den Vertrag aufzulösen, verspricht er kurz entschlossen über die Geschichte seiner Mutter zu schreiben.

Schon spürte Samuel die Tränen. Warum hast du mich verlassen? Die Frage hatte seine ganze Jugend beherrscht, hatte ihn gequält.

Für Samuel und den Leser beginnt eine Vergangenheitsbegehung, die in „Geister“ als mehrstimmiges Generationenpanaroma organisiert ist. Man erfährt aus Samuels Kindheit und seiner frühen Begegnung mit Bethany, die über viele Jahre sein emotionaler Fixpunkt sein wird und die Zeit in den späten Sechzigern Chicagos. Verdeutlicht werden soll die grundlegende gesellschaftliche Polarisierung der Zeit, die in der Gegenwart wieder aktuell geworden ist. Diese Spannung versucht Hill in kleinen Episoden einzufangen, eine Freundin von Faye hat auf dem Höhepunkt der Studentenproteste, die von harter Polizeigewalt begleitet sind, ein Verhältnis mit einem Polizisten, das von den widerstrebenden Kräften der Abscheu und des Begehren gleichermaßen geprägt ist.

„Haben Sie denn keine Hoffnung auf eine Wiedervereinigung? Keine tiefe Sehnsucht nach einer Mutterfigur in einem Leben, das ohne sie ausgehöhlt und leer erscheint?“

Solche kleinen Episoden finden sich bei Hill immer wieder und laufen am Ende darauf hinaus, dass die beiden zeitlichen Ebenen aneinander geführt werden. Diese Pointe versteckt sich auch in Samuels Familiengeschichte, denn ebenso wie ihr Sohn stellt sich auch Mutter Faye als eine Suchende heraus, die das Verhältnis zu ihrem Vater verloren hat. Diese Wiederholungsstruktur ist im Grunde im Buchtitel vorweggenommen, zwingen Geister und Gespenster schließlich zur Wiederholung dessen, was nicht abgeschlossen oder völlig verarbeitet ist. Bei Nathan Hill ist das familiäre Trauma das gesellschaftliche und umgekehrt.

„Selbst wenn Sie die Geschichte Ihrer Mom erfahren, ändern tut es nichts. Die Vergangenheit bleibt die Vergangenheit.“

Am Ende ist die Wahrheitssuche Samuels eine, die Wahrheiten zerstört. Denn durch die Recherche und die Gespräche mit seiner Mutter erfährt er, dass zentrale Momente seines Lebens nicht so verlaufen sind, wie er dachte: „‘Was ist wahr? Was nicht? Für den Fall, dass es Ihnen noch nicht aufgefallen ist, die Welt hat sich von der alten Vorstellung der Aufklärung, dass man sich die Wahrheit aus der Weltbeobachtungen zusammenstückeln könnte, so gut wie verabschiedet.‘“ Leider kommt der Roman über das Reflexionsniveau, dass es so etwas wie perspektivgebundene Wahrheiten gibt, bei denen es keine Rolle spielt, ob sie in einem objektiven Sinne wahr sind, sondern nur dass sie in sich stimmig sind, nicht hinaus. Das hängt damit zusammen, dass Nathan Hill sich für „Geister“ zu viel vorgenommen hat. Wäre die Auseinandersetzung mit der Studentenbewegung nicht schon anspruchsvoll genug, soll auch noch ein glaubwürdiges Bild unserer Gegenwart evoziert werden. Daran scheitert dieser Roman, er wird Stückwerk. Wer „Geister“ liest, weiß am Ende nur, dass der gegenwärtige Mensch irgendwie bio und regional sein will, unter Gentrifizierung leidet und sich eskapistisch in die Unterhaltungskultur flüchtet. Das ist dann für ein rund 850 Seiten starkes Buch doch zu wenig.


Wir danken dem Piper Verlag für das Rezensionsexemplar.

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