Nicolai Hannigs »Kalkulierte Gefahren«: Vom Naturschutz zum Naturschutz

Das 21. Jahrhundert könnte ein Jahrhundert der Naturkatastrophen werden. Während das 20. eines der menschgemachten Katastrophen war, entsteht durch immer häufigere Ereignisse wie Waldbrände, Erdbeben, Taifune etc. und die begleitenden, immer lauter werdenden Klimaproteste die Vision, dass die größte Herausforderung dieses Mal von der Natur ausgehen könnte. Der Mensch hat schon immer mit Naturkatastrophen gerungen. Doch während mit dem Eintritt ins Anthropozän lange die Vorstellung herrschte, man könnte die Natur beherrschen und ihren zerstörerischen Einfluss eindämmen, gilt es jetzt scheinbar nur noch das schlimmste zu verhindern. Wie der Mensch begonnen hat, Natur zu planen, das beschreibt Nicolai Hannig in seinem Buch »Kalkulierte Gefahren«.

Als am 1. November 1755 in Lissabon die Erde bebte, bebte bald die gesamte europäische Öffentlichkeit mit. Solch ungekannte, unmotivierte und unvorhergesehene Zerstörungskraft stellte alle Vorstellungen auf den Kopf, die man sich von der natürlichen Ordnung der Dinge gemacht hat. Die intellektuellen Nachbeben dieses Ereignisses spürte man in der Malerei, der Dichtung und der Theologie. Und auch wenn die Chiffe »Lissabon« in der Nachwelt die ein oder andere Überschätzung erfahren hat (Zitat Hannig: »Die amerikanische Philosophin Susan Neiman hält den Gebrauch des  Wortes ›Lissabon‹ im 18. Jahrhundert sogar für genauso sprachgewaltig wie den Begriff ›Auschwitz‹ zwei Jahrhunderte später.«), ist das Erdbeben als historischer Moment dennoch so spannend, weil vermutlich zum ersten Mal eine moderne Öffentlichkeit über ein Naturereignis in Dialog ging.

Leid und Faszination, Zerstörung und Begeisterung schlossen sich offenbar nicht aus.

Doch Hannigs »Kalkulierte Gefahren – Naturkatastrophen und Vorsorge seit 1800« ist weniger eine Diskursgeschichte der europäischen Katastrophenimaginationen, sondern eine handfeste historische Studie darüber, wie die europäischen Gesellschaften (am Beispiel der deutschen Staaten, dann später Kaiserreich, die Schweiz und das Habsurgerreich) ab dem 19. Jahrhundert anfingen, im großen Stile in die Natur einzugreifen und wie sie sich vor Katastrophen schützten. Dabei muss man zunächst zwischen zwei Arten des Eingriffes unterscheiden: Die Eingriffe, die zur Urbarmachung von Gebieten (z.B. die Trockenlegung von Mooren) oder zur Erschließung neuer Transportwege (Begradigung oder Vertiefung von Flüssen) gedacht sind und jene Eingriffe, die dem Gefahrenmanagement dienen, wie das Aufschütten von Dämmen etc.

Die Bewältigung von Naturgefahren ist ein fester Bestandteil der Menschheitsgeschichte.

Das ist als Untersuchungsobjekt im Klang deutlich weniger sexy, erzählt aber mehr darüber, wie sich moderne Staaten konstituieren. Denn an der Epochengrenze lässt sich erkennen, wie individuelles Handeln durch gesellschaftliches ersetzt wird: »Seit etwa 1800, so lautet meine zweite These, sorgte der Mensch immer weniger allein für seinen Schutz vor der Natur.« Darin klingt dann doch etwas an, was zur Diskursanalyse zurückführt, nämlich der Foucaultsche Begriff der »Biopolitik«. Der moderne Staat fing an, sich für das Wohlergehen seiner Bevölkerung zu interessieren, was eine Motivation war, Maßnahmen zu treffen, die die Kräfte der Natur einzudämmen.

Politiker und Ingenieure schienen sich einig zu sein: Je mehr sie die Natur beherrschten, desto größer musste der eigene zivilisatorische Fortschritt sein.

Dabei gingen, je weiter das 19. Jahrhundert voranschritt, ökonomische Überlegungen, Katastrophenschutz und der Fetisch des Machbaren Hand in Hand: »Der Anspruch des Wasserbaus kannte im frühen 19. Jahrhundert kaum Grenzen.« Und noch etwas, so Hannig, war Motor der Eingriffe und Naturkatastrophenvorsorge: die Herausbildung des modernen Versicherungswesens: »In diesem Buch vertrete ich die These, dass es die Versicherungsbranche war, die entscheidende Impulse nicht nur zur Vorsorge, sondern auch zur Prävention gab und in ihrer Arbeit weit über den einzelfallabhängigen Schadensausgleich hinausging.« Sobald es Firmen gibt, die im Ernstfall der Katastrophe Renditeausfälle in Kauf nehmen müssen, entwickeln diese Firmen ein Interesse daran, dass die Katastrophe möglichst klein ausfällt. Was nicht nur die Herausbildung von Gegenmaßnahmen zur Folge hat, sondern auch die Vermessung der Welt.

Der Katastrophenbegriff jedenfalls war bei diesem geologisch-religiösen Anbandeln von besonderer Bedeutung.

Denn in die Zeit des 19. Jahrhundert fällt auch der Beginn von meteorologischen und seismologischen Messungen im großen Stile, um auf sich gegen anbahnende Gefahren möglichst früh wappnen zu können. Was Hannig also in einen Kausalzusammenhang bringt, ist einmal die Entwicklung einer unternehmerischen Form der Versicherungsbranche und der Frühvorsorge gegen Katastrophen: »Die Idee, Naturgefahren in den Versicherungsmarkt einzubeziehen, sie zu berechnen und in kalkulierbare Risiken zu verwandeln, war im ausgehenden 19. Jahrhundert fast allgegenwärtig.«

Auch der Begriff ›Naturgefahr‹ ist anthropozentrisch, denn kein Naturereignis ist per se gefährlich, erst durch die Präsenz des Menschen kann es zu einer Bedrohung werden.

Hannig bringt also den Kapitalismus als großen Innovator ins Spiel, ohne sich der Illusion hinzugeben, dass der Blick auf die Natur durch die Brille der Versicherer nicht nur rationaler, sondern auch kalkulierter wird und dass Menschenwohl nicht immer mit ökonomischer Gewinnmaximierung zusammengeht. Zwar mag die Pointe mit der Versicherungsindustrie so gut sein, dass sie Hannig ein wenig zu stark macht, aber den Blickwinkel, den der Autor in dieser Frage einnimmt ist, zumindest für die Leser*innen, die sich dem Thema neuzuwenden, frisch und unverbraucht und eröffnet neue Zugänge.

Noch bevor sich Sozialversicherungen durchsetzen konnten, betrieb der moderne Staat Anfang des 19. Jahrhunderts bereits im großen Stil Vorsorge.

Darüber hinaus, und an dieser Stelle wird die Betrachtungsweise kulturwissenschaftlicher, hat der Autor einiges darüber zu erzählen, wie die Beschäftigung mit Katastrophen als Kuriosita in die Alltagswelt der Gesellschaft zurückgestrahlt hat: Während sich im frühen 19. Jahrhundert Aristokraten Nachbildungen von Vulkanen  in die fürstlichen Gärten stellten, bildeten sich mit der Entwicklung der Massenkultur Phänomene wie Naturkatastrophen-Fahrgeschäfte auf Jahrmärkten oder aber das Versenden von Briefmarken mit Motiven wie der überfluteten Altstadt Nürnbergs heraus. Ein spielerischer Umgang sich mit der eigenen Ohnmacht zu beschäftigen.

Dramatische Inszenierungen von Naturkatastrophen zählten zu den beliebtesten Attraktionen.

Und: In  »Kalkulierte Gefahren«  erfährt man etwas darüber, welche Wege der Fortschritt einschlägt. Denn kaum hatten die neuen Techniken zur Prävention, wie die Messungen, die durch die Seismologie möglich wurden, ihren Weg in die Welt gefunden, fanden diese neue Anwendungsbereiche: »In Deutschland hatte der Markscheider und Geophysiker Ludger Mintrop versucht, dem Generalhauptquartier den wichtigen Kriegsnutzen der Seismologie deutlich zu machen.« Wer Erschütterungen messen kann, kann dies nicht nur auf Erdbeben anwenden, sondern auch im Gefecht, um die Position von feindlichen Artilleriestellungen zu identifizieren.

Ob die Erde nun in Italien (1976), in Guatemala (1977) oder in Tailfingen, Baden-Wüttemberg (1978) bebte: Zumeist machten Katastrophen die Armen ärmer und die Reichen reicher.

Je weiter man sich der Gegenwart entgegenliest, desto technischer und bürokratischer wird das, was Hennig über den Katastrophenschutz zu erzählen weiß (einige spannende Einsichten zur nationalsozialistischen Organisationsstruktur ausgenommen). Dann wird das Buch endgültig zu einem Text für ein Spezialpublikum. Bis dahin ist es jedoch eine hochspannende Studie darüber, wie sich moderne Gesellschaften konstituieren und wie der Fortschritt in die Welt kommt.