Nora Bossong: Literatur der Niedrigtemperatur

Nora Bossong

Wenn wir heute in die deutschsprachige Literatur schauen, dann schauen wir in eine Literatur in Zeiten der Krise. Die Krise, die unsere Tage befallen hat, ist der Mangel an Utopie. Der Befund: Das Proletariat ist verschwunden, bevor es seine revolutionäre Rolle überhaupt angenommen hat und das Bürgertum hat sich in die Privatsphäre des neuen Biotums zurückgezogen. Kaum ein Thema ist so dominierend, wie die Ideenlosigkeit unserer Zeit. Davon zeugen Anke Stelling genauso wie Eugen Ruge oder Ulrich Peltzer. Die Diagnose von der utopielosen Gegenwart ist mittlerweile zu einem etwas uninspirierten Klischee geworden, dennoch erscheint die Thematisierung in der Literatur ein Phänomen zu sein, das uns weiter beschäftigen wird. So auch in Nora Bossongs neuesten Roman „36,9°“, eine neue Verfallsgeschichte einer Familie, die nur indirekt verwandt ist.

Antonio Gramsci und Anton Stöver teilen eigentlich nur den Vornamen. Und das auch nur, weil Stövers Mutter in einer radikalen Phase dem italienischen Kommunisten ein Denkmal in Form ihres Sohnes setzen wollte. Doch dieses Vermächtnis sitzt dem mittlerweile erwachsenen Anton Stöver wie ein Alp auf der Brust und hat dazu geführt, dass der Universitätsdozent sein Leben der Gramsci-Forschung verschrieben hat. Antonio Gramsci war einer der führenden Intellektuellen in der italienischen Linken und hat mit Begriffen wie der „kulturellen Hegemonie“ die politische Theorie des 20. Jahrhundert entscheiden geprägt.

„Der Kommunismus ist eine Nummer zu groß für uns“, wandte ich ein.

Nachdem Mussolini 1926 einem gescheiterten Attentat entgangen war, wurde Gramsci inhaftiert. Dort verblieb er bis kurz vor seinem Tod 1937. Die dort entstandenen Werke, die sogenannten „Gefängnishefte“, wurden aufwendig ediert und gelten mittlerweile als wichtiger Bestandteil des Werks von Gramsci. Sie führen zurück zur Romanhandlung, denn Stöver sucht in Bossongs Roman nach noch nicht gesichteten Heften, immer der großen Entdeckung hinterher: „Wenn es stimmt, was ich annehme, dann würde es uns Gramsci vom Kopf auf die Füße stellen.“ Es deutet sich an: die große Idee der Autorin ist es, Stöver und Gramsci als Spiegelfiguren anzulegen. Auf der einen Seite der kommunistische Widerstandskämpfer, der für seine Ideale ins Gefängnis gegangen und schließlich gestorben ist; auf der anderen Seite der von Geltungssucht getriebene Unsympath.

„Keine gute Idee? Hier geht es nicht um einen Zeitungsartikel, Toni, du redest von einem Kind, du redest von deinem Sohn. Das ist ein Mensch, verdammt noch mal.“

Denn Stöver ist nicht nur ein verbissener Archivarbeiter, sondern auch Ehemann und Vater. Dieser Umstand hält ihn jedoch nicht davon ab, sich auf mehrere Affären einzulassen. Die Ehe mit seiner Frau Hedda liegt in Trümmern. Wenn der Roman eine Temperaturenlehre mitliefert, dann ist auf dem einen Ende der Skala der intellektuell und emotional überhitzte Gramsci und am anderen die Ehe der Stövers, die eine Kälte erreicht hat, die regungslos macht. Man streitet nicht mehr, nimmt sich kaum zur Kenntnis. Wer den gedanklichen Schritt mitmachen möchte, dass man bei Anton Stöver schon fast bei Tonio Kröger und damit Thomas Mann angekommen ist, kann darin auch eine Typologie des Intellektuellen lesen, in der Thomas Manns Charakter als der Prototyp des Vergeistigten gelten kann.

„Du tust mir nicht gut. Ein Mann kann nicht alles sein im Leben, ein glücklicher Mensch und ein getriebener. Ein verliebter Idiot und ein kluger Revolutionär.“

Das plastische Bild von Gramsci, welchem Stöver im Archiv hinterherspürt, erzeugt der Text über immer wieder eingeschobene Passagen aus dessen Gefängnishaft. Sie erzählen von einer politischen Biographie, aber auch von der langsamen Zersetzung eines Individuums. Gramsci war schon vor seiner Haft erkrankt – seine Frau Eugenia Schucht lernt er in Moskau im Sanatorium kennen – doch sein Zustand verschlimmert sich stetig. Der Text nimmt sich viel Zeit zu beschreiben, wie der politische Körper langsam ausgelöscht wird. Gramsci fallen nach und nach alle Zähne aus, er hört auf zu essen. Doch am stärksten ist „36,9°“ dann, wenn der Widerspruch zwischen der politischen Figur und dem privaten Subjekt Gramsci aufgezeigt wird. Die Liebesrhetorik, mit der Nora Bossongs Gramsci seine Frau adressiert, gehört zum schönsten, das es in diesem Feld zuletzt zu lesen gab. Sie stehen als intime Kommunikation den theoretischen Überlegungen zur Seite, die Gramsci selbst zur Liebe und Politik angestellt hat:

Der gesellschaftlichen Liebe geht stets die bedingungslose Liebe zu einem einzigen Menschen voraus. Hier aber finden wir das eigentliche Problem, das spätere einmal genauer zu behandeln wäre. Denn was genau ist diese Liebe? Ein Irrtum, bedroht durch Verlust. Man kann, so scheint es mir, keinen Staat aufrechterhalten, der auf einer solchen Liebe basiert. Jeden anderen Staat aber werden wir nicht ertragen.

Doch leider stehen sich in diesem Text nicht nur die Figuren, sondern auch die Qualität der verschiedenen Kapitel gegensätzlich gegenüber. Hätte sich Bossong dazu entschieden, sich ganz auf die zeitliche Ebene Gramscis einzulassen, hätte sie einen großartigen Roman schreiben können. Doch immer, wenn der Text die Gegenwart und damit Anton Stöver erreicht, flacht der Text bedauerlicherweise auf ein idiotisches Niveau ab. Davon abgesehen, dass man sich wünschen würde, unsere Autoren würden sich etwas anderes einfallen lassen, als ständig Ehepaare in frisch renovierten Altbauten aufeinander loszulassen, scheint Bossong ihren Lesern nicht viel zuzutrauen. Anders kann man es sich nicht erklären, dass der Text mehrfach offensichtlich die Spiegelkonstruktion der beiden Figuren erklärt: „Ich interessiere mich für Gramsci.“ – „Sage ich doch. Für dich.“

„Ich bin kein Terrorist“, verteidigte ich mich. „Ich hab ja nicht mal Überzeugung.“

So fragt man sich, welchen Gewinn der Roman daraus ziehen soll, dass Bossong der Figur Gramsci einen deutschen Uni-Spießer gegenüberstellt, der so normal-niederträchtig ist. Man kann in den Utopie-Pessimismus einstimmen und bedauern, dass die Figuren, die unsere Zeit hervorbringt, eher Anton Stöver entsprechen als einem Antonio Gramsci. Man könnte sich aber auch glücklich schätzen, dass man heute relativ entspannt seinen Ehepartner hassen kann, anstatt im Faschistengefängnis seinen Zähnen beim Ausfallen zuzuschauen.

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