Nora Bossongs „Rotlicht“: Fremdkörper Frau

Rotlicht

Das Licht der Aufklärung sollte einst in die Welt getragen werden, um gegen das Dunkel der Unterdrückung, der Knechtschaft und des Irrationalen anzukämpfen. Doch die größere Konstante der Menschheitsgeschichte ist eigentlich ein anderes Licht, nicht umsonst ist die Rede vom ältesten Gewerbe der Welt: das Rotlicht. Dieses Licht bringt keine Klarheit in die Welt, erhellt nicht, sondern soll verdecken, einen Schutzraum der Anonymität schaffen. Licht, das die Welt dunkler werden lässt. Das Rotlicht-Milieu war immer beides: zu Unrecht romantisierter Hort der Kriminalität und gleichzeitig verruchtes Mysterium, das dem Anschein des Subversiven anhängt. Keine Frage, dass von dieser Ambivalenz keiner so gut erzählen kann wie die Literatur und über die verschiedenen Jahrhunderte tat sie das auch ausgiebig. Nora Bossong hat sich in ihrem neuen Buch ins Rotlicht gewagt und beweist dabei nicht immer klare Sicht.

In einem Buch, das im Rotlicht geschrieben wurde, muss es natürlich ums Begehren gehen. „Rotlicht“ ist kein Roman, viel mehr ein Expeditionsbericht, weswegen ausnahmsweise die literaturwissenschaftlichen Bedenken vor dem „Ich“ fahren gelassen werden können. Bossong meint hier mit „ich“ auch sich, wobei die Sache schon wieder komplizierter wird, wenn man sich vor Augen führt, dass die männlichen Begleiter, Freunde, teilweise nur unter falschen Namen im Buch auftauchen wollen. Dass das Rotlicht-Milieu in der Literatur so oft vorkommt, mag auch daran liegen, dass die Literatur es vermag deutlich zu werden ohne indiskret zu sein. Bossongs eigene Begehrensgeschichte beginnt mit dem ersten Signal, das ihre Pubertät funkt: „Meine Pubertät begann, als mir der zweite exotische Ort am Bremer Bahnhofsvorplatz bewusst wurde: der Beate-Uhse-Laden, mir genauso fremd und fern wie eine Insel im Pazifik.“

„Wir dürfen unser Bild bei Tinder reinstellen. Wir dürfen unser Geld für Pilates-Kurse oder Wellnessmassagen ausgeben. Aber den nackten Arsch strecken immer noch die Frauen den Männern hin.“

Diese erste Erfahrung mit dem Erotikgeschäft übt auf die junge Bossong eine konfuse Anziehungskraft aus, die sich aus einem Gefühl der Nichtzugehörigkeit speist: „Die bloße Existenz des Ladens ließ uns spüren, dass uns etwas kategorisch verschlossen war, mir in meinem türkisfarbenen Anorak, meiner Freundin mit ihrem pinken Schulranzen.“ Dieses Gefühl wird die Schriftstellerin auf ihren ethnologischen Erkundungen ins Rotlicht verfolgen, denn das Geschäft mit der Lust ist immer noch Männersache: „Doch die Welt des Rotlichts ist nach wie vor eine geradezu abergläubisch absolute Männlichkeitsdomäne, wie es sie sonst in der westlichen Welt höchstens noch bei Matrosen und katholischen Würdenträgern gibt.“

Das Konzept der Intimsphäre, das doch eigentlich für uns alle so viel mit unserer Sexualität zu tun hat, löst sich in der stickigen Luft auf, wird zum klebrigen Belag am Boden.

Auch das ist ein Grund, weshalb sich Bossong nur mit männlicher Begleitung in die düsteren Räume des zu beschreibenden Milieus traut. In den dunklen Räumen des Erotikmilieus ist eine Frau, die nicht Teil des Angebots ist, nicht vorgesehen: „Das tatsächliche Tabu jedoch verletzt man als Frau erst, wenn man mehr als ein begehrenswertes Phantasma sein möchte.“ Bossongs Kundschaften führen sie unter anderem auf die Erotikmesse Venus, Pornokinos, Bordelle, Swingerclubs und zu einer Tantra-Massage. Die Autorin zeigt sich das ein ums andere Mal schockiert, was verschiedene Gründe hat, aber vor allem an einer offensichtlichen Diskrepanz liegt. Dem wortwörtlich glatten, durchökonomisierten Frauenbild, das dieses Business propagiert, steht die schwitzig, schäbige Kundschaft entgegen, die diese Räume der vermeintlichen Erotik bevölkert. Diese Männer agieren mit einer irritierenden Selbstverständlichkeit, die Nora Bossong völlig abgeht: „Warum war ihm gleichgültig, dass ich sehen konnte, was er dort auf dem Bildschirm betrachtete? Warum registrierte er mich und seine gesamte Umgebung nicht einmal?“

In Dortmund nahm die Gewalt auf dem Strich immer weiter zu. Milieutypische Begleiterscheinungen hieß das in deutscher Amtssprache.

Bossong macht von Anfang an keinen Hehl daraus, dass sie in diesem Milieu eine Außenseiterin ist. Weil sie als Frau darin nur als Objekt vorkommt, aber auch weil Nora Bossong in diesem Kontext nicht vorkommt – und nicht vorkommen will. Das ist ein Problem für ihr Buch. Denn während „Rotlicht“ ein sehr eindrücklicher Bericht darüber ist, welche Widersprüche produziert werden, wenn man sich als Frau ins Rotlicht-Milieu begibt, scheint Bossong auch nicht besonders erpicht darauf zu sein, den Status des Eindringlings zu überwinden. Symptomatisch ist dabei eine Szene beim Betreten eines Swingerclubs. Dort gilt das Prinzip der allgemeinen Nacktheit. Darauf reagiert die Autorin mit einer Ablehnung, die ihr gutes Recht ist, aber in dem relativ harmlosen Kontext eines etwas verspießten Swingerclubs selbst merkwürdig spießig wirkt: „Den Slip lasse ich aber an.“

Unser Begehren widerfährt uns, irgendwo zwischen dem, was wir gelernt haben, und dem, was wir tatsächlich sind.

Zwar sollte man an die Autorin keinen falschen Erfahrungsbegriff herantragen – eine Erkundung des Erotikbetriebs lässt sich genauso gut ohne eigene Partizipation schreiben, sowie ja auch die Drogensucht keine Bedingung für den Bericht über Drogen ist – doch so glaubwürdig Bossong machen kann, dass das Rotlicht die Frau als selbstbestimmtes Wesen nicht kennt, so sehr bekommt man auch das Gefühl, dass die Autorin diese Fremdheitserfahrung auch selbst produziert. Das wird vor allem in der Interaktion deutlich: „Ich könnte ihn fragen, was er von Erdogan hält und was von den EU-Beitrittsverhandlungen, so kämen wir ins Gespräch, stelle ich mir vor und mache dann doch keinen Schritt auf ihn zu.“ Wenn der Deutschtürke im Swingerclub vor allem zum Gespräch über die EU-Beitrittsverhandlungen einlädt, muss die Frage erlaubt, ob es in manchen Situation wirklich so ist, ob Frauen in diesen Kontexten nicht vorkommen oder Nora Bossong dort einfach nicht vorkommen will.

Statusgrenzen lösen sich an einem solchen Ort für eine gewisse Zeit auf, bis wir sie möglichst rasch von Neuem ziehen, um uns wieder sozial zurechtzufinden.

„Rotlicht“ ist ein merkwürdig unausgegorenes Buch geworden. Vieles, was Bossong als Kritik formuliert, ist bekannt, auch wenn man der Autorin durchaus zusprechen kann, dass die wohl selten so dicht und gebündelt, mit eigenen Beobachtungen untermauert, formuliert wurde wie hier. Obwohl Bossong keine dezidiert literarische Form wählt und das Thema vielleicht auch keine Ästhetisierung zulässt, muss man bei einer Autorin ihres Ranges kritisch anmerken können, dass sie zu keinem Zeitpunkt eine wirkliche Sprache für diese Mischform aus Essay und Bericht findet.

Da sie alles mögliche unter dem Begriff des Rotlichts subsumiert, bleibt vieles provisorisch. Zu einem Zeitpunkt lässt sich die Autorin zu einem deutlichen Statement hinreißen, nämlich wenn es um den rechtlichen Status von Prostitution geht: „Mit Verboten allein ist kein Staat zu machen. Für mich erweist sich die Stärke einer offenen Gesellschaft gerade in ihrer Liberalität, darin, dass sie die allgemeinen Bedingungen des Zusammenlebens regelt, aber nicht die Lebenspraxis des Einzelnen reguliert und dadurch klassifiziert, verzerrt und eben womöglich ins Abseits drängt, ausgrenzt, verdeckt.“ Dieses Urteil ist so richtig, wie es falsch ist, weil es Plattitüde bleibt. Und das gilt für viele Stellen von „Rotlicht“. Ein Jahr, so gibt die Autorin Auskunft, habe sie für das Buch recherchiert. Leider hat sie viel Zeit auf der Oberfläche verbracht.


Wir danken dem Hanser Verlag für das Rezensionsexemplar.

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