Norbert Scheuers »Winterbienen«: Bienenstich

Nazis und Zombies, Nazis und Dinosaurier, Nazis und Aliens – wenn es um den Spieltrieb geht, verspürt vor allem das Trash-Segment des Hollywoodkinos eine große Lust daran, alles Mögliche auf Nazis oder Nazis auf absurde Dinge loszulassen. In der Kategorie der »Was wäre wenn«-Geschichtsschreibung rangiert der Nationalsozialismus immer noch an erster Stelle, was auch den anhaltenden Erfolg der Serienadaption »The Man in the High Castle« erklärt. Nazis sind also vielseitig einsetzbar: Da liegt es auf der Hand, einen Roman zu schreiben, der die beiden deutschen Lieblingsthemen verbindet – Nazis und Bienen.

Nun muss man jedoch gleich vorwegschicken: Das, was Norbert Scheuer, Grandseigneur der Eifler Literatur, sich in »Winterbienen« vornimmt, basiert auf einem historisch verbürgten Stoff: Es geht um Egidius Arimond, Ex-Lateinlehrer, Epileptiker, Bienenzüchter und Fluchthelfer. Nicht alles, was Scheuer in seinem Roman entwirft, ist freilich historisch überliefert, die Frage stellt sich jedoch ohnehin welchen Ausschlag das gibt: Denn die historische Überlieferung und die Anbindung an die Eifel ist zwar Erzählanlass für Scheuer, so verrät zumindest das Nachwort, aber die Verbindung Bienen und Zweiter Weltkrieg ist auf absurde Weise so einleuchtend, dass ein derartiger Roman eh irgendwann zu erzählen gewesen wäre.

Es gibt keine Darstellung der ganzen Wirklichkeit. Nur eine Auswahl.
Par Lagerkvist

Das Bienenzüchten ist dem Protagonisten in die Wiege gelegt, denn seine Familienspur führt weit zurück bis zum Benedektinermönch Ambrosius: »Einer unserer Vorfahren gehörte, wie uns Vater erzählte, zu diesen frühen Mönchen, ein Benediktiner namens Ambrosius, der im nahe gelegenen Kloster lebte und Bienen züchtete.« Für Egidius sind die Bienen eine utopische Gegenwelt zu verheerenden Endphasen des Zweiten Weltkriegs: »Aber Bienen sind nicht aggressiv, sie würden niemals andere Völker erobern und sie unterjochen; sie sind friedfertig wenn sie sich nicht angegriffen fühlen.« Doch sie sind nicht reine Zierde in den Ruinen der Welt, sondern haben auch einen ganz pragmatischen, idealistischen Zweck: Egidius schmuggelt in den Bienenschwärmen versteckte Juden zur damals schon von den Alliierten besetzte belgischen Grenze.

Aber ich widme meine Notizen nur den Bienen, denn ich weiß, dass sie mich verstehen und niemals verraten werden.

Egidius ist kein Teil einer großangelegten Widerstandsgruppe oder wäre anders politisch-ideologisch geschult. Stattdessen – so scheint es beim Lesen – liegt ihm einfach nichts näher, als den Verfolgten zu helfen, im Sinne einer harmonischen Welt. Er selbst ist hingegen eigentlich ein Protagonist, der zunehmend aus den Fugen gerät. Denn Egidius ist Epileptiker und die Kriegswirtschaft hält die notwendigen Medikamente nur unzureichend für den Bienenzüchter bereit. Wie schon in vielen Rezensionen angemerkt wurde, vermag es Norbert Scheuer diese zunehmende gesundheitliche Fragilität in einen erzählerischen Kontrollverlust umzumünzen.

Die Ärzte wollten damals eine Lobotomie bei mir vornehmen.

Der Krieg kündigt sich in »Winterbienen« vor allem über die alliierten Bomber an, die das Gebiet immer wieder überfliegen und manchmal auch attackieren. Jedes Flugzeug wird von Egidius, ähnlich wie die Bienen, in zoologischer Genauigkeit beschrieben und schließlich, im Buch abgebildeten, Zeichnungen festgehalten. Der Modus der Wahrnehmung ist klar: Die Tierwelt, genauer: die Bienenwelt, bildet das Prisma, durch das die Realität wahrgenommen wird. Die gesellschaftlichen Zustände 1944/1945 sind das genaue Gegenteil der auf Kooperation und Einheit ausgelegten Bienengesellschaft, mit der sich Egidius umgibt.

Ich war immer ein Außenseiter, vielleicht durch die Krankheit.

Das hat den Vorteil, dass der Roman frei eines jeden Mord- und Trümmerealismus aus dem poetischen Vollen schöpfen kann, macht aber auch gleichzeitig den Krieg und die Naziherrschaft häufig genug unsichtbar. Hier und da tauchen am Rand Geschundene auf, deren Schicksal dann aber nicht weiter thematisiert wird: »Die Zwangsarbeiter reparieren wieder die Bahngleise und schaufeln Schutt von den Gehwegen.« Man kann nun versuchen, dies in der Handlungslogik dadurch zu erklären, dass im ländlichen Raum die Naziherrschaft weniger alltäglich sichtbar war wie in Berlin oder Hamburg, dennoch wirft dieses Missverhältnis Fragen auf.

Es überlebte, wer gelernt hat, im Verborgenen zu leben.

Zwar ist der Schrecken in Form der Flüchtenden präsent, Hauptdarsteller bleiben aber die Bienen. Der Roman wirft insofern die spannende Frage auf, ob poetisches Schreiben nicht nur Verdichtung, sondern auch unproduktiver Umweg sein kann. Dem Bienengeschwirr hängt etwas unangenehm Harmonisierendes nach, das »Winterbienen« nicht mehr so recht loswerden will. »Was hart zu ertragen war, wird beim Erzählen angenehm.« heißt es an einer Stelle des Romans und hallt als Fluch durch den Text. Genauso wie dieser Satz: » Über Politik wollte Alfons nicht mit mir reden – dieses ganze Nazigetue nahm er gar nicht ernst […]«