„Nur einmal“: Erzählungen von Kathleen Collins

Collins-Nur einmal

Eine literarische Zeitkapsel: Als die Filmemacherin und Dramatikerin Kathleen Collins im Jahr 1988 mit nur 46 Jahren überraschend starb, hinterließ sie ihrer Tochter Nina eine hölzerne Schiffstruhe voller Fotos, Dreh-, Notiz- und Tagebücher und Briefe. Es dauerte zwei Jahrzehnte, bis die Tochter den Mut fand, die Truhe zu öffnen und ihren Inhalt zu sichten. Zu ihrer Überraschung fand sie darin auch Manuskripte mit Prosatexten: Die mal längeren, mal kürzeren Erzählungen, die ein halbes Jahrhundert früher in den 1960er Jahren entstanden, erschienen 2016 in den USA. Nun macht Kampa die eindrucksvollen Texte der Pionierin des afroamerikanischen Films in deutscher Übersetzung verfügbar.

Ich kann mich nicht dafür entschuldigen, dass ich dich so wenig liebe.

Collins‘ Storys erzählen von der Liebe. Oft ist sie unglücklich, geprägt von Verlust und dem Verlassenwerden. Vor allem die Männer in Collins‘ Texten sind von tiefer Traurigkeit gezeichnet, die ihnen Liebe zu verwehren scheint. Da ist der Onkel in der gleichnamigen Erzählung, ein Marlon-Brando-Doppelgänger, der seine letzten Lebensjahre weinend im Bett verbringt. Oder der Mann in der titelgebenden Erzählung Nur einmal, dessen Lebensfreude in Lebensmüdigkeit umschlägt, „als seine goldene Haut schwarz wurde und bei anderen Verachtung hervorrief, als das Lachen in seinen Augen erstarb.“ Mantraartig wiederholt die Protagonistin in einer Art Selbstvergewisserung: „So einem Mann begegnest du nur einmal, heißt es immer. Nur einmal.“, bis sie am Ende bemerkt, dass alle Männer, denen sie je begegnete, gleichermaßen traurig waren.

In Wie sagt man bricht die junge Ich-Erzählerin zur Summer School in Maine auf, um sechs Wochen lang ihr Französisch zu verbessern. Der Abschied vom Vater fällt nicht sehr herzlich aus. Mit ihren zu kurzen Haaren, die sich nicht glätten lassen, sehe sie, so sagt er, „wie alle farbigen Mädchen aus“. Aus Scham trägt sie bei der Anmeldung in der Summer School ein Tuch, mit dem sie ihre Frisur zu verstecken versucht, es dann aber doch ablegt, als sie das erste Mal ihren ‚Professeur‘ trifft – und sich zu dem wesentlich älteren Mann hingezogen fühlt. Er akzeptiert sie wie sie ist, mit ihm kann sie von einer Zukunft träumen – und ihr Professor wird zu einer Art Vaterersatz.

Die Liebe ist bei Collins mal glücklich, mal unglücklich, immer aber vor allem eines: politisch. Besonders eindrucksvoll schildert dies die Erzählung Was ist nur aus der Liebe zwischen den Rassen geworden?, die vom Sommer 1963 – dem „Jahr des Menschen“ – in einer WG auf der Upper West Side erzählt.

Offenbar versteht er nicht, wie die Welt von morgen aussieht. Offenbar versteht er nicht, dass die junge farbige Frau, die er gezeugt hat, nicht an Farbe glaubt.

Politisch geraten Collins‘ Figuren, viele von ihnen junge Frauen, in einen Generationskonflikt zwischen den Anhängerinnen und Anhängern der „We shall overcome!“-Bewegung und ihren Eltern.
Diese sind froh, endlich zur Mittelschicht zu gehören, aber „ihre Kinder lehnen sich gegen das bürgerliche Streben nach Ent-Ghettoisierung auf“. Sie wollen viel lieber „ein für alle Mal herausfinden, was es hieß, schwarz zu sein“, setzen sich mit ihrer afroamerikanischer Herkunft auseinander und verbringen den Sommer Baumwolle pflückend in den Südstaaten, „im Einklang mit der Natur und den Jahreszeiten, im Einklang mit der Welt ihrer Vorfahren aus dem Süden“, von denen die Eltern nichts mehr wissen wollen. Dafür steht – gleich in mehreren Erzählungen – der Akt des Haareschneidens, die bewusste Entscheidung gegen die langen, glättbaren Haare zugunsten eines kaum zu bändigenden Kurzhaarschnitts:

Sie hatte sogar die größte Sünde begangen, die größte, unverzeihliche Sünde, die ein (»schwarzes«) Mädchen begehen konnte: Sie hatte sich die Haare abgeschnitten.

In dieser Hinsicht zeigen sich auch Parallelen zu einem Bestseller der letzten Jahre: Chimamanda Ngozi Adichies Americanah. Auch in der vielleicht poetischsten Erzählung des Bandes wird das Schneiden der Haare zum Schicksalsmoment: Rettungsleinen erzählt von der allmählichen Trennung einer Frau von ihrem Mann, der zunächst im Gefängnis zum Briefpartner wird, bis er schließlich frei kommt und sich die beiden nichts mehr zu sagen haben. Er reist fortan durch die Welt, und sie, eine Violinistin bei den New Yorker Philharmonikern, zieht sich zurück in sich selbst. Erst einige Jahre später wird ihr bewusst, dass ihre Frisörin ihr die Zukunft beim Schneiden der Haare vorausgesagt hatte: Sie hat ihr Leben – ganz nach der Prophezeihung der Frisörin – neu und selbstbestimmt ausgerichtet.

Und natürlich macht sich Collins auch immer wieder dezidiert filmische Erzählstrategien zu eigen. Die erste Erzählung Innen und das Treatment für eine Story lesen sich als Regieanweisungen, sind kurze filmische Skizzen, die die Idee einer Szene literarisch einfangen, um sie später ins Bewegtbild zu übersetzen.
Wenn die Liebe vergeht, weint alles Leben erzählt die Geschichte von Ricardo und Miriam. Sie ist alleinerziehende Mutter und Künstlerin und stellt sich bei Werbeagentur vor, in der Ricardo arbeitet. Ihre Bekanntschaft, die sich über Jahre erstreckt, wird dialogisch wiedergegeben und macht die Erzählung so zu einem dramatischen Text, der als Drehbuch gelesen werden kann.

Collins‘ Erzählungen sind Miniaturen, die als einzelne, autonome Erzählungen, vor allem aber auch in ihrer Gesamtheit zu lesen sind, in der nach und nach poetische Leitmotive erkennbar werden.
Es ist bedauerlich, dass Collins im Alter von 48 Jahren viel zu früh starb und ihr literarisches Werk vergleichsweise klein blieb – und umso schöner, dass die in Nur einmal versammelten Storys aus dem Nachlass der Filmemacherin wiederentdeckt und zugänglich gemacht wurden.


Wir danken Kampa für das Rezensionsexemplar.