Ocean Vuongs »On Earth We’re Briefly Gorgeous«: Friction and Fiction

Was kann eine solche Rezension leisten, außer den Begeisterungssturm noch einmal ertönen zu lassen? Nichts. Aber in seltenen Fällen ist dies auch gerechtfertigt, denn ein Buch wie »On Earth We’re Briefly Gorgeous« taucht nur sehr selten auf dem Horizont der Gegenwartsliteratur auf. Sowohl die amerikanische wie auch die deutsche Rezeption überschlägt sich im Lob, was auf der anderen Seite zu erwarten war, als dass es eine allgemeine Sehnsucht nach frischen Stimmen gibt, auf der anderen Seite aber auch verblüffen darf, da Vuongs Text sich den üblichen Strickmustern entzieht. Ocean Vuong hat zuerst als Lyriker auf sich aufmerksam gemacht, was vielleicht eine Erklärung dafür sein könnte, dass er es schafft, einen gleichzeitig leisen wie lauten Text zu kreieren.

Dabei schreibt sich Vuong zunächst in eine traditionsreiche Subgattung ein: dem Briefroman. Wobei Roman zu viel und zu wenig gesagt wäre. Es ist mehr ein Briefromanessayfragment. Nur richtet sich dieser Brief mal nicht an den Vater, sondern an die Mutter des Ich-Erzählers, der »Little Dog« genannt wird. Der Text stellt diesen Brief als einen Versuch aus, sich zu artikulieren und zu erklären bzw. stärker: sich zu emanzipieren.

I am writing because they told me to never start a sentence with because. But I wasn’t trying to make a sentence – I was trying to break free.

Der Versuch einer Emanzipation führt über das Schreiben und dieses Schreiben ist ein gerichtetes Schreiben. Kein Journal, kein Memoir, sondern ein Brief an die Mutter. Wer direkt angesprochen wird, kann schwerer weghören. Dass gerade die Mutter angesprochen wird, geschieht in Anlehnung an Roland Barthes, dessen Mutter für ihn zur Zentralgestalt seines Schreibens wurde: »I think of Barthes again. A writer is someone who plays with the body of his mother.« Doch ganz so klar ist es dann doch nicht, denn das entscheidende Hindernis, die Unfähigkeit der Mutter zu lesen, kann der Brief nicht überwinden. Und so ist es auch ein Text über gescheiterte Ansprachen.

The first time you hit me, I must have been four. A hand, a flash, a reckoning. My mouth a blaze of touch.

Dazu kommt, dass der Brief zwar an die Mutter gerichtet ist, allerdings nicht nur über das Mutter-Sohn-Verhältnis erzählt. Auch dessen Großmutter Lan bekommt weite Teile eingeräumt, genauso wie seine erste Liebe Trevor, die zusammen Sexualität kennenlernen und der schließlich an seiner Drogensucht sterben soll. Die Familiengeschichte des Ich-Erzählers ist über ihre vietnamesische Herkunft und die dann vollzogene Auswanderung in die USA tief mit dem 20. Jahrhundert und dessen kriegerischen Auseinandersetzungen in Südostasien verknüpft. Der Brief erzählt von den Schrecken des Krieges, die der Ich-Erzähler (bei der Ausreise in den Neunzigern war er zwei Jahre alt) nicht selbst erlebt hat, dennoch nun seiner Mutter ihre Erinnerung quasi referiert: »As a girl, you watched, from banana grove, your schoolhouse collapse after an American napalm raid.«

A woman, a girl, a gun. This is an old story, one anyone can tell.

Gleichzeitig weiß der Brief um die kuriosen Wege, auf denen einst verfeindete Parteien wieder unfreiwillig zusammenwachsen können: »1998: Vietnam opens its first professional golf course, which was designed on a rice paddy formerly bombed by the US Air Force. One of the playing holes was made by filling in a bomb crater.« Die Familie des Ich-Erzählers kommt also aus einem Raum der Gewalt und ist in Amerika wieder in einen gewaltgeprägten Raum gelangt. Die USA, die Ocean Vuong zeigt, ist ein ermattetes Land, das jederzeit vorm Kollaps steht. Müde von einem kapitalistischen System, das allerlei vermeintliche Innovationen hervorbringt, aber keine Aufstiegsversprechen mehr ausgeben kann, lässt der Ich-Erzähler Trevors Vater sagen: »›Who the hell would want to walk around with a goddamned Christmas tree in their pocket? Tired of this country.‹«

Your hands are hideous – and I hate everything that made them that way.

In Form von Trevor sickern in den Text  ganz konkrete gesellschaftliche Verheerungs-phänomene der amerikanischen Gegenwart ein, wie z.B. die grassierende Abhängigkeit von allerlei Opiaten und anderen Drogen. Für den Ich-Erzähler ist diese Konstellation besonders fatal, denn nicht nur ist Trevor die Person, an der er Intimität erfahren kann, sondern auch droht er mit in den Drogenstrudel gezogen zu werden.

Memory is a choice.

Die Härte der Umstände übersetzt sich bei Vuong in eine Härte der Sprache, die nicht ständig präsent ist, sondern aus der Deckung kommt, den Leser überrumpelt. Im Text finden sich Sätze wie: »What is a country but a life sentence?« oder »The truth is one nation, under drugs, under drones.« Es ist eine desillusionierte Sprache, die, wenn sie muss, wuchtig daherkommt, aber in den Beschreibungen der Mutter und Großmutter auch sehr zärtlich sein kann. Das ist eine Qualität, die Vuong mit anderen Literat*innen teilt, gerade Lyriker*innen wie Kate Tempest.

The first time we fucked, we didn’t fuck at all.

Es ist vor allem die poetische Kraft, die diesen Text trägt und sich zu solchen Höchstleistungen emporschraubt, vor denen man nur angetan fassungslos stehen kann: »Under the covers, we made friction of each other and fiction of everything else.« Im Unterschied zu anderen Prosaversuchen von Lyriker*innen findet Ocean Vuong mit seinem Briefromanessayfragment jedoch eine Form, die ihn auch im fremden Territorium nicht scheitern lässt. Stattdessen findet er in der intimen Form des Briefes einen Weg, das Private mit dem Politischen zu verbinden.