Ohne Herkunft, ohne Heimat: Lana Lux’ „Kukolka“

Lux_Kukolka

Ein immer wiederkehrerender Topos der deutschsprachigen Gegenwartsliteratur, dem sich in den vergangenen Jahren vor allem viele Debütromane gewidmet haben, ist die Verhandlung der in der Kindheit erlebten Migration nach Deutschland in den Jahren der Jahrtausendwende, vornehmlich aus osteuropäischen Ländern: So erzählen Alexandra Friedmann und Tijan Sila auf tragikomische Weise von den dramatischen Umständen und den kuriosen Kindheitserinnerung, die der Kulturschock mit sich brachte. Am Ende steht jedoch meist das Happy End, die Integration – vor allem durch Bildung – und der persönliche Erfolg. Auch Lana Lux erzählt in ihrem Roman „Kukolka“ die Geschichte eines Mädchens, das in den 2000er Jahren nach Deutschland kommt – jedoch auf radikal andere Art und Weise als ihre Kolleginnen und Kollegen.

„An den Anfang erinnere ich mich nicht.“ – so beginnt die Reflexion der Ich-Erzählerin Samira, die von allen wegen ihrer strahlenden Augen nur „Kukolka“, zu deutsch „Püppchen“ genannt wird. Es gibt keinen Vater und keine Mutter, an die sie sich erinnern kann, nur das Heim in einer ukrainischen Stadt, in der sie unter strenger Hand aufwächst. Diskriminiert wird sie auch, von den anderen Waisenkindern und sogar den Erzieherinnen als ‚Zigeunerin‘ beschimpft. Widersprechen kann sie nicht, denn sie weiß nichts über ihre Herkunft.

»Wer bist du?«, fragte ich.
»Wer bist du?«, fragte die Gestalt zurück.
»Ich? Ich bin niemand.«
»Das ist gut. Wer niemand ist, kann alles werden.«

Noch bevor sie eingeschult wird, reißt sie im Alter von 7 Jahren aus dem Heim aus. Ihre beste und einzige Freundin Marina wurde von einem deutschen Ehepaar adoptiert, Samira will hinterher reisen, endet stattdessen aber bei Rocky, einem Kriminellen, der ein heruntergekommenes Haus für obdachlose und gestrandete Jugendliche eingerichtet hat, die er zum Betteln und Stehlen schickt. Wer die Regeln nicht befolgt, dem droht Gewalt – von Rocky, der die Jugendlichen regelmäßig verprügelt, aber auch von den Bestohlenen, die nicht selten Waffen in der Tasche haben und nicht davor zurückschrecken, diese zu zücken, wenn sie bemerken, dass sie beklaut werden.

Ihre Unwissenheit ist wohl die bestimmende Charaktereigenschaft Samiras. Vom alltäglichen Leben weiß sie so gut wie nichts – sie lernt zwar lesen und schreiben, abgesehen davon heißen ihre Unterrichtsfächer aber Hausputz, Betteln und Stehlen, später auch, wie man am effektivsten einen Mann befriedigt.
Die naive Unwissenheit der Ich-Erzählerin dominiert vor allem das erste Drittel des Romans und wird stilistisch zeitweilig auch überstrapaziert. Ob es tragisch oder komisch oder tragikomisch sein soll, dass dieses Mädchen nicht weiß, wer oder was Gott ist, wo Deutschland geografisch liegt oder welchen Gegenwert Geld hat, bleibt unklar

Eines Tages trifft Samira auf Dima, einem Ukrainer Anfang zwanzig, der vor wenigen Jahren mit seinen Eltern nach Berlin auswanderte und ihr ein besseres Leben verspricht. Doch auch an diesem Punkt der Erzählung – die Protagonistin ist mittlerweile 13 Jahre alt – gibt es keine Aussicht auf Besserung, im Gegenteil. Zeitweilig erinnert „Kukolka“ in seiner Eskalationsstrategie an den Weltbestseller „A little life“ von Hanya Yanagihara: Wenn man glaubt, es könne nicht schlimmer kommen, passiert genau dies.

Ich wusste nicht, ob ich es durfte, jetzt, wo mein Körper ihm gehörte.

Mit Dima und einem gefälschten Pass schafft es Samira schließlich doch ins gelobte Deutschland. Hier wird das Mädchen endgültig gemäß ihres Spitznamens – „Kukolka“ heißt Püppchen – objektisiert, zur weiblichen Ware. Sie muss sich prostituieren, erst ohne, dann gegen Geld, und wird, als sie Zweifel anmeldet, von Dima, der sie zu lieben vorgibt, an einen kriminellen Zwangsprostitutionsring verkauft.
Der Erzählton ist dabei nicht poetisch, sondern schroff-realistisch, den äußeren Umständen des Narrativs angemessen. Immer wieder spricht vor allem Samira in einer betont jugendlichen Alltagssprache. Sie ist nicht schläfrig, sondern „krass müde“, andere Personen sind nicht freundlich, sondern „übelst nett“.

Schließlich tritt doch noch eine Figur auf, die – gemäß der anderen Debütromane des Genres – eine erfolgreiche Integrationsgeschichte vorzuweisen hat: Olga ist die Tochter eines Mannes, den Samira auf ihrer Reise nach Deutschland kennenlernt und der ihr unverbindlich die Kontaktdaten seiner Tochter mitgibt. Olga wird unverhofft zu Samiras Retterin, die zur richtigen Zeit am richtigen Ort ist und so fliehen kann. Man könnte vermuten, hier habe die Autorin sich doch noch ein literarisches Alter Ego in ihren Debütroman eingeschrieben. Ihr erzählt Samira, so stellt sich gegen Ende des Romans heraus, ihre Geschichte.

Kukolka erzählt auf extreme Art davon, wie unterschiedlich Lebenswege mit den vermeintlich gleichen Voraussetzungen verlaufen können: Während Marina früh adoptiert und vollkommen integriert wird, sodass sie zum Schluss nicht einmal mehr mit Samira kommunizieren kann, und Olga ein selbstbestimmtes Leben führt, lebt Samira einen Alptraum. Dass ihre Protagonistin dabei keine Geschichte hat – keine Familie, keine Herkunft, keine Heimat – und sich eben an keinen Anfang bzw. an nichts erinnert, das vor ihrer im Roman erzählten Geschichte passierte, scheint in diesem Sinne besonders klug umgesetzt.
Lux kritisiert mit ihrem Roman in gewisser Hinsicht die Wohlfühl-Migrationsromane der letzten Jahre. Nicht nur inhaltlich, sondern auch formal hebt sich „Kukolka“ damit auf den zweiten Blick, der über die jugendlich-derbe, unpoetische Sprache hinwegsieht, von den anderen Debüts der vergangenen Jahre ab.


Wir danken dem Aufbau Verlag für das Rezensionsexemplar.

1 Kommentare

  1. Eine sehr ausführliche und differenzierte Rezension. Bisher habe ich nur vollkommen begeisterte Stimmen gehört und ich finde es sehr interessant, hier das erste mal auch kritische Töne zu vernehmen.
    Ich habe das Buch selbst noch nicht gelesen und kann es daher schwer einschätzen, habe aber den Eindruck, dass diese Buchbesprechung schon ziemlich viel vom Inhalt verrät. Da bin ich immer etwas empfindlich, denn ich möchte eigentlich lieber unvoreingenommen selbst an ein Buch herangehen. Vielleicht könntet ihr nächstes Mal eine kleine Warnung an den Anfang der Rezension schreiben, damit man als Leser weiß, worauf man sich einlässt? Aber vielleicht bin ich da auch zu empfindlich.
    Ansonsten wirklich eine sehr interessante Besprechung, die mich sehr neugierig auf das Buch gemacht hat.
    Liebe Grüße, Julia

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