Olaf Trunschkes „Die Kinetik der Lügen“: Genfer Grusel

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Ist Genf das eigentliche Zentrum des Unheimlichen? Vor ziemlich genau zweihundert Jahren machte Mary Shelley eine Reise an den Genfer See und bekam dort die Idee für einen Roman, der das Genre des Horrors wie kaum ein anderer entscheidend beeinflussen sollte: „Frankenstein oder der moderne Prometheus“. Auch Shelleys Protagonist Dr. Victor Frankenstein wuchs in Genf auf. Und heute steht in der Nähe von Genf das europäische Forschungszentrum CERN, das vor allem für seinen riesigen Teilchenbeschleuniger bekannt ist – eine Anlage, in der Teilchen mit immenser Geschwindigkeit aufeinanderprallen und deren Imposanz die Fantasie der Nostradamusse beflügelt, die dort den kommenden Weltuntergang entstehen sehen. Olaf Trunschke nähert sich diesem unheimlichen Ort in seinem Debüt „Die Kinetik der Lügen“ und zieht eine Linie durch die Jahrhunderte: was hat das aus Leichenteilen bestehende Monster mit unserer Gegenwart zu tun? Und können Romane zu Monstern für ihre Erschaffer werden?

Im Jahre 1816 kam eine illustre Gesellschaft am Genfer See zusammen: Mary Shelley (damals noch Godwin), Percy Shelley, ihre Stiefschwester Claire Clairmont und der berühmte Lebemann Lord Byron samt seines Arztes John Polidori. Genf war damals ein beliebtes Urlaubsziel für die europäische Upper Class und so verbrachte man die Tage miteinander. Eine Literaturgeschichte gewordene Anekdote erzählt von einem Sturm, der die Gruppe ans Kaminfeuer der Villa zwang. Aufgrund fehlender Unterhaltung entschied man sich dafür, sich gegenseitig Schauergeschichten zu erzählen. Nur bei Mary Shelley war Einfallsreichtum knappes Gut, bis ihr schließlich in einer Art Vision die Figur ihres Lebens erschien: Frankensteins Monster. In Trunschkes Text „Die Kinetik der Lügen“ wird diese Anekdote einem zweiten Blick unterzogen und die Lüge selbst zum Monster gemacht.

Unser Weltbild, sagte Maria, die neben mir lief, ist wie ein Puzzle: Einige Teile, die gut passen würden, gibt es bislang nur in unserer Fantasie. Andere bunte Puzzle-Teile fügen sich einfach nicht ein …

Im Roman ist diese Anekdote der Angelpunkt, von dem aus alle anderen Linien verfolgt werden. „Die Kinetik der Lügen“ zieht zwei Zeitebenen ein: die historische, in der die Reisen der Shelleys durch Europa beschrieben werden und die der Gegenwart, in der Marie, eine Forscherin am CERN-Institut im Mittelpunkt steht. Marie arbeitet unter anderem an einer lernfähigen Intelligenz namens G.O.L.E.M., die auf den jüdischen Golem-Mythos verweist und sich auch dementsprechend verhält: „Langsam wird G.O.L.E.M. flügge: Er sammelt Daten, vergleicht und bewertet.“ Die Verweise auf den Golem, sowie der Titel des Frankenstein-Roman selbst „oder der moderne Prometheus“ lenken den Blick darauf, dass Kultur schon immer Formen gefunden hat, über die Anmaßung Gott zu spielen zu erzählen. Prometheus, Rabbi Löw, Victor Frankenstein, sie alle vereint der Bruch mit dem göttlichen Gesetz und alle drei wurden für ihre visionären Blick gestraft. Dabei ist jedoch vor allem bei der Prometheus-Figur entscheidend – und dieser Blick wird im Roman aufgenommen –, dass man den utopischen Gedanken sowohl als emanzipatorische Geste als auch als Selbstüberschätzung von sich selbst und Technologie verstehen kann.

Auch Frankenstein wollte bloß einen besseren Menschen …

Für diesen Dualismus findet der Text den Begriff des „Frankenstein-Effekts“: „Frankenstein-Effekt, nannte das Georges: Etwas Großes schaffen wollen, aber ein Ungeheuer wecken.“ Auf die Gegenwart bezogen heißt es deswegen über das Genfer Forschungszentrum: „Hier am CERN werden Weltbilder entworfen und Weltbilder zerstört.“ Die Aktualität des Themas liegt auf der Hand und findet auch in anderen Romanen ihren Niederhall. Doch um schlichte Aktualität geht in „Kinetik der Lügen“ nicht, vielmehr darum, den ständigen Widerstreit zwischen Emanzipation und Selbstüberschätzung als integralen Bestandteil der menschlichen Kondition aufzuzeigen und das warnende Potential aufzuwärmen, das in den Erzählungen steckt. Denn die Geschichte ist noch offen, wie eine Variation des Golem-Mythos zu verstehen geben will:

Wusstest du übrigens, unterbrach ich Maria, dass die Golem-Legende zwei unterschiedliche Enden hat? – Der Rabbi, lautet der bekanntere Schluss, nahm dem Golem das Leben, als dieser schlief. Was blieb? Ein Haufen Dreck auf dem Dachboden der Altneu-Synagoge.
In der anderen Version befahl Rabbi Löw dem Lehnklumpen, ihm die Schuhe zu binden. Während der Golem sich bückte, wischte der Rabbi ihm die magische Schrift von der Stirn. Und das stürzende Monstrum begrub unter sich den Gelehrten.

„Die Kinetik der Lügen“ stellt darüber hinaus eine Beziehung zwischen den Schöpfertum eines Victor Frankensteins und Autorschaft her. Mary Shelley hat im Vorwort zum Frankenstein ganz bewusst, die Geschichte der Eingebung vom Monster in die Welt gesetzt, was der Roman zum Anlass wilder Spekulationen nimmt: war Percy Shelley die eigentlich treibende Kraft hinter dem Roman? Oder stammt die Idee gar von einem unbekannten Manuskript der Gebrüder Grimm? Das zumindest würde die vielen deutschen Einflüsse erklären: „»Frankenstein« – Ausgerechnet ein deutscher Name.“ Die Lüge und der Roman selbst werden zum Monster, das die Autorin einholt, womit sie das Schicksal ihres Protagonisten teilt: „Alle, die von »Frankenstein« redeten, meinten das Monster. Der Schöpfer verlor den Namen an seine Kreatur.“ Die Geschichte, die die Autorin selbst in die Welt gesetzt hat, verselbständigt sich und überdeckt die Wahrnehmung.

Niemand wird in dem Reißer aus England einen Text aus Grimms Feder vermuten. Gelehrte schreiben keine Ghost-Storys.

Mit Mary Shelleys „Frankenstein“ lässt sich gerade deshalb so gut über unsere Gegenwart nachdenken, weil die Figur Victor Frankenstein in die Vergangenheit und die Zukunft verweist. Während die gesellschaftlichen Implikationen (die Technologisierung der Gesellschaft) offensichtlich, aber dadurch nicht weniger wichtig sind, kann man die Geschichte der Genfer Urlaubsgesellschaft auch als eine frühe Form der literarischen Selbstinszenierung lesen. Auch der Literaturbetrieb kreiert monströse Geschichten über sich, die ihm dann entgleiten und den Blick auf das Wesentliche überlagern. Olaf Trunschkes literarisches Monstrum ist sehr intelligent gebaut, ungewöhnlich stark und intellektuell übergriffig.


Wir danken dem homunculus Verlag für das Rezensionsexemplar.