old but gold: Gustav Meyrink’s „Der Golem“

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Wer an den Golem denkt, der assoziiert unverweigerlich Paul Wegener, den deutschen Filmpionier, seine drei Golem-Filme, die zwischen 1914 und 1920 gedreht und von denen vor allem „Der Golem, wie er in die Welt kam“ zum Stummfilmklassiker wurde. Gustav Meyrinks Roman, der 1913 und 1914 erstmals als Fortsetzungsreihe in den Weißen Blättern und 1915 in Buchform erschien, hat nichts mit den Filmen von und mit Paul Wegener zu tun, keiner der drei Stummfilme ist eine Adaption des literarischen Textes. Meyrinks „Golem“ wurde zum erfolgreichsten deutschsprachigen Roman in der Zeit des Ersten Weltkriegs. Das hat sicherlich dazu beigetragen, dass das Motiv Eingang in gleich drei der frühesten deutschen Kunstfilm-Produktionen fand und so unsterblich wurde, obwohl der Roman 1933 bei den nationalsozialistischen Bücherverbrennungen für immer aus dem Kanon ausgelöscht werden sollte.

Obwohl Der Golem als sein erster Roman Meyrinks literarischen Durchbruch markiert, war er bereits zuvor als Schriftsteller tätig. Seit 1901 verfasste und publizierte er satirische Erzählungen, die 1913 erstmalig in der Sammlung mit dem programatischen Titel Des deutschen Spießers Wunderhorn zusammengefasst wurden: „Seine ironischen Attacken galten den Repräsentanten eines saturierten Bürgertums, einer positivistischen Wissenschaftsgläubigkeit, einer bornierten Gelehrtenarroganz, eines dumpfen Nationalismus, eines engstirnigen Klerikalismus und einer kitschig-sentimentalen Heimatkunst.“ [Ulrike Ebmann: Nachwort der besprochenen Ausgabe von Hoffmann und Campe, 1. Aufl. 2015]
Jener bürgerlichen Welt, an der er Kritik übt, stellt Gustav Meyrink mit seinem Golem-Roman ein Alternativ-Modell entgegen, das den Ausweg aus der bürgerlichen Existenz verspricht: eine surreale, fantastische Welt, die auf mythischen Konzepten verschiedenster Kulturen basiert.

Ein namenloses Ich nimmt in einem Schwebezustand zwischen Schlaf, Traum und Bewusstsein die Identität des Gemmenschneiders Athanasius Pernath an, der vor dreiunddreißig Jahren im jüdischen Ghetto in Prag lebte, und durchlebt sein Leben. Die Welt, in die er dort tritt, ist eine mythisch-magische, die primär von der jüdischen Kabbala geprägt ist. Pernaths Ziel ist es, nach und nach Zugang zu einer verdrängten Bewusstseinsebene zu erhalten und mehr über die Vorgänge im Ghetto zu erfahren, wo ein Skandal um Medizinbetrug das Zusammenleben überschattet und Rachepläne die Bevölkerung in Schrecken versetzt. Hilfe findet er beim Archivar Hillel und seiner Tochter Miriam. Pernath wird schließlich ein Mord angehängt und er sitzt für mehrere Monate in Untersuchungshaft, kommt jedoch durch die Mühen seiner Vertrauten frei, die seine Unschuld beweisen. Als er ins Ghetto zurückkehren will, wird es aufgrund von Sanierungsvorhaben abgerissen, Hillel und Miriam sind verschwunden. Als das Ich aufwacht bzw. wieder zu sich kommt und Pernaths Körper verlässt, begibt er sich auf die Suche nach seinem Alter-Ich, das er schlussendlich auch findet. Es ist der Roman einer Identitätssuche.

Das Wandern „zwischen den Welten“ wird durch den Akt des Lesens gesteuert. Dem anonymen Rahmen-Ich des ersten Kapitels dient als Anlass seiner halluzinatorischen Erfahrung die Lektüre über Buddha Gotama und der darin enthaltene, spezifischer Bericht über einen Stein, der „wie ein Stück Fett aussah“ und im Verlauf des Romans zum Symbol für den Wechsel zwischen den Identitäten, dem klaren, wachen Ich und Pernath, wird. Aber auch die Lektüre im zu restaurierenden, magischen Buch, das das Pernath-Ich erhält, führt zu einer neuen Bewusstseinsebene. Das Kapitel „Ibbur“, das Pernath bei der Instandsetzung des Initials „I“, liest, reflektiert metareferenziell das positive Eindringen der Seele eines Verstorbenen in den Körper eines Lebenden nach den Regeln der jüdischen Kabbala. Die Lektüre erschüttert die Existenz des Ichs, das im Folgenden versucht zu erfahren, wieso es im Körper Pernaths dessen Leben durchlebt. Meyrink verweist so klug auf die Möglichkeiten von Literatur als Schutzraum und ‚Ausweg‘ aus der Realität.

Buchstaben zu empfinden, sie nicht nur mit den Augen in Bildern zu lesen, – einen Dolmetsch in mir selbst aufzustellen, der mir übersetzt, was die Instinkte ohne Worte raunen, darin muss der Schlüssel liegen, sich mit dem eigenen Innern durch klare Sprache zu verständigen, begriff ich.

Um Spannung zu erzeugen, greift Meyrink auf Stilelemente des Schauerromans zurück, darunter zum Beispiel das Konzept des Doppelgängers, der in Form des Golems hier mit der okkultistischen Symbolik verschränkt wird. Dank des Films von Wegener wissen wir, wie der Golem in die Welt kam, die Entstehungsumstände reflektiert der Roman nur am Rande. Viel wichtiger ist seine Bedeutung als einerseits – als Überbringer des magischen, zu restaurierenden Buches – Ausdruck des jüdischen Ghetto-Kollektivs, ihren Traditionen und ihrem Glauben, andererseits aber auch ein Doppelgänger Pernaths, der sich an einer Stelle des Romans in den Golem verwandelt und an einer anderen schließlich die mittelalterliche Kleidung des Golems überwirft und ihn zugleich als bloße Projektion seines eigenen Bewusstseins entlarvt.

Die Ich-Erzählperspektive, die den Leser an den Gedankengängen Pernaths teilnahmen lässt, begünstigt den spannenden und passagenweise durchaus gruseligen Leseeindruck, da durch die ständige Wahrnehmungsverwirrung, die vor allem durch die Dunkelheit, die im Ghetto herrscht und ständig Gegenstände und Personen verhüllt, begünstigt wird. Auch die Wahrnehmung des Ichs durch die Person Pernaths scheint verwirrt und selbst als opiumrauschartig wahrgenommen. Durch die Mitsicht überträgt sich diese Unsicherheit, was ist eigentlich ‚wirklich‘ und was eingebildet, auf den Leser und sorgt für Spannung.

Auf dem Buchrücken der Hoffmann und Campe-Ausgabe schreibt der Guardian Meyrinks Golem eine Ähnlichkeit – auch qualitativ – zu Kafka zu. Diese Assoziation liegt tatsächlich nahe: die Identitätswechsel zwischen den Körpern erinnern an Die Verwandlung, die Inhaftierung von Pernath erinnert an den Prozeß. Einige Motive erinnern darüber hinaus stark an Leo Perutz‘ Roman Nachts unter der steinernen Brücke, in der es unter anderem auch um die Kommunikation zwischen räumlich getrennten Personen über das Medium Traum geht. Auf Gustav Meyrink’s Golem muss man sich konzentriert einlassen können, genau wie auf Kafka. Wer das tut, wird mit einem großartigen literarischen Erlebnis belohnt. Eine einmalige Lektüre reicht jedoch bei weitem nicht, um alle Ebenen und Verweise zu entdecken und zu verstehen.

3 Kommentare

  1. Das Golemthema wird ja immer wieder verarbeitet. Kürzlich gab es in der Neuköllner Oper in Berlin eine Neuaufführung der Oper von Bretan, das in einer modernen Perspektive Themen wie Künstliche Intelligenz, Futurismus und Transhumanismus aufnahm.
    Die Metaebene in Meyrinks „Golem“, bei der die Identitätssuche mit dem Akt des Lesens vor sich geht klingt sehr spannend. Vielen Dank für den Beitrag!

  2. Pingback: Der GOLEM kommt! Ausstellung im Jüdischen Museum Berlin – Zeilensprünge.

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