Oliver Hilmes‘ „Berlin 1936“: Sechzehn Tage Farce

Berlin 1936

Das Jahr 1936 bedeutete für das Dritte Reich die Rückkehr auf die große Weltbühne. Nach drei Jahren der innerpolitischen und –parteilichen Konsolidierung wagten die Nationalsozialisten im März ihren ersten großen Streich. Frühmorgens marschierten plötzlich Verbände der Wehrmacht ins Rheinland ein, die deutsche Reichsführung brach damit internationale Verträge, was jedoch in der europäischen Öffentlichkeit nur zarte Proteste provozierte. Die Westmächte waren kriegsmüde und hatten wenig Interesse daran, eine Eskalation herbeizuführen. Im gleichen Jahr fand jedoch auch die größte Publicity-Aktion des Dritten Reiches statt. 1936 waren die Olympischen Spiele nach Berlin gekommen. Es war der erste und letzte große Versuch, Nazi-Deutschland vor den Augen der Welt ein freundliches Gesicht zu geben und seine wahren Absichten zu verschleiern. Diesen sechzehn Tagen hat Oliver Hilmes nun einen kaleidoskopischen Text gewidmet, kundig und hochinteressant.

Berlin hatte sich rausgeputzt. Für die internationalen Gäste sollte die Reichshauptstadt in einem gänzlich neuen Licht erstrahlen. Aufwendige Bauarbeiten verwandelten das Antlitz der Stadt, das Berliner Olympia-Stadion zeugt heute noch von der gleichzeitig pompösen wie modern-formschlichten Architektur, die die nationalsozialistische Idee verkörpern sollte. Für die Stadt an der Spree waren diese Jahre Wendezeiten. Den Gästen sollte sich noch mal ein Eindruck der wilden Jahre der Weimarer Republik mit ihrem ausgiebigen Nachtleben bieten, am Horizont zeichnete sich jedoch schon längst ab, dass unter den Nationalsozialisten von dem metropolitischen Charakter nicht viel bleiben würde. In diesen Tagen blitzte noch einmal das alte Berlin auf, bevor es schließlich erlosch.

„Die Olympianer sehen aus wie Direktoren von Flohzirkussen.“

Oliver Hilmes, der sich zuvor vor allem als Biograph großer Musikpersönlichkeiten einen Namen gemacht hat, findet seinen eigenen Zugang zu diesem schon gut erforschten Thema über die großen und kleinen Stimmen, die zu dieser Zeit erklingen. Alltagsschicksale, persönliche Einlassungen von Nazi-Größen, Kuriositäten und offizielle Anordnungen stehen gleichberechtigt nebeneinander und geben einen Eindruck davon, wie die einzelnen Akteure die Olympischen Spiele wahrgenommen haben. Unterteilt in sechzehn Kapitel für die sechzehn Tage, die jeweils mit dem aktuellen Wetterbericht eingeleitet werden, möchte „Berlin 1936“ über seine verschiedenen Protagonisten vor allem eine Geschichte der Enttäuschung erzählen – die Enttäuschung über ein Land, das so viel Aufwand betrieb, sich ein menschliches Angesicht zu geben und doch seine hässliche Fratze nicht verhüllen konnte.

Irgendwo in der Menge befindet sich auch ein fünfunddreißigjähriger Amerikaner namens Thomas Clayton Wolfe.

Die Zentralfigur dieses Textes ist ein Außenseiter: Der US-Schriftsteller und Deutschlandschwärmer Thomas Wolfe war in die Stadt gekommen, um sich das Treiben anzuschauen. Der Amerikaner hatte auch zuvor schon ausgiebige Europareisen angetreten und war vor allem vom romantischen Mittelalter-Deutschland begeistert. In Berlin angekommen, zeigte er sich beeindruckt: „Es war die Gewissheit, zum ersten Mal eine der wirklich bedeutenden Metropolen dieser Welt zu betreten.“ Vor Ort verbrachte er vor allem viel Zeit mit Ernst Rowohlt, der Wolfe in den Verlag brachte, und seinem Sohn Heinrich Ledig-Rowohlt. Die Beiden verkörperten ein anderes Deutschland, dennoch sollte Wolfes Bild des Deutschen Reichs bald schon tiefe Risse bekommen. 1936 war auch das Jahr, in dem das KZ Sachsenhausen errichtet wurde – die Verschleppung von Oppositionellen und anderen war kein arkanes Geheimwissen.

Man sieht Alte und Junge, Frauen mit Kinderwagen, Geschäftsleute, die zu ihren Terminen eilen, Hitlerjungen, Flaneure sowie zahllose Besucher aus aller Herren Länder.

In der Zwischenzeit taten die Nazigrößen alles daran, um die perfekte Show abzuliefern. Hilmes stellt dar, wie sich Nazideutschland für kurze Zeit lässig gibt: Antisemitische Vorschriften wurden kurzzeitig ausgesetzt, rassistische Bemerkungen aus der Sportberichterstattung verbannt und der „Stürmer“ musste sein hetzerisches Treiben aussetzen. Den Rückenwind der Aufmerksamkeit nutzten wichtige Nationalsozialisten, um sich selbst darzustellen. In Gutsherrenmanier schmissen sie Partys für internationale Gäste, protzen mit dem Reichtum, den ihnen das gefügige Land gebracht hatte. Über allem schwebte die Phantomfigur Hitler, der zwar zu den Spielen, aber nicht zu den privaten Feierlichkeiten erschien. Auch bei Olympia sollte er väterlich, aber gleichzeitig unnahbar in Szene gesetzt werden.

Das Quartier Latin ist ein Vulkan, und an dessen Abgrund tanzen die Gäste.

Als Gegenorte beschreibt der Autor die vielen Etablissements, die Berlin in der Welt so berühmt gemacht haben. Im Quartier Latin oder in der Ciro-Bar versammelten sich Weltbürger, die im Schutz der Nacht ihrem Lebensstil frönen konnten. In den Clubs und Bars trafen sich jene, denen Berlin bislang Schutz bot: Homosexuelle, Exilanten aus dem nun sowjetischen Russland, arabische Nationalisten. Sie wurden dieser Tage noch toleriert, um den Gästen etwas zu bieten: „Die Nazis nehmen an dem Treiben in der Ciro-Bar lange Zeit keinen Anstoß. Ganz im Gegenteil: Man ist froh, den internationalen Gästen während der Olympischen Spiele ein so mondänes Lokal präsentieren zu können. Doch das wird sich bald ändern.“

Bereits den gesamten Tag fühlt sich Thomas Mann nicht sonderlich wohl.

Hilmes findet viele Wege, die sechzehn olympischen Tage zu erzählen, was seinen Text – im Gegensatz zu rein historischen Abhandlungen, die in der Analyse der Ereignisse schärfer sein mögen – so dynamisch macht. Olympia lässt sich darüber erzählen, wie Thomas Mann in der Schweiz vor dem Radio saß und  mit Verachtung und gleichzeitig missmutiger Anerkennung die Propaganda der Nazis verfolgt. Oder man erzählt Olympia als die Summe der Ressourcen, die die Spiele verschlangen: „Alles in allem verzehren die Athleten im Laufe der Olympischen Spiele 80261 Kilogramm Fleisch, 3047 Kilogramm frischen Frisch, 8858 Kilogramm Teigwaren, 60827 Kilogramm Brotprodukte, 58622 Kilogramm frisches Gemüse, 55220 Kilogramm Kartoffeln, 2478 Kilogramm Kaffee, 72483 Liter Milch, 232029 Eier, 24060 Zitronen sowie 233748 Apfelsinen.“

„Berlin 1936“ von Oliver Hilmes ist nicht etwa deswegen ein toller Text, weil er grundsätzlich neue Ansichten zu den Olympischen Spielen im Deutschen Reich herausarbeiten würde – die große Stärke dieses Buches ist, dass der Autor es schafft, über ein mosaikartiges Stimmengeflecht eine sehr lebendige Atmosphäre der sechzehn Tage Sporttreiben aufzubauen, die die ganze Ambivalenz des Vorhabens verdeutlicht. „Berlin 1936“ ist eine Geschichte der kurzaufkeimenden Hoffnung, die Geschichte könnte doch noch einen anderen Verlauf nehmen und der darauf folgenden Enttäuschung. „Berlin 1936“ ist eine Veranschaulichung wie raffinierte Propaganda funktioniert und wie sie ein Land in die Lage versetzt, ein Weltpublikum zu blenden. Und schließlich ist „Berlin 1936“ auch eine sehr klare Absage an all jene, die stets berechnend-naiv behaupten, der Sport sei unpolitisch. All das ist keine Neuigkeit, aber selten ist es so spannend und faszinierend zusammengekommen wie in diesem Text.


Wir danken dem Siedler-Verlag für das Rezensionsexemplar.

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