Omar El Akkads „American War“: Beim Benzin hört der Spaß auf

American War

A house divided against itself cannot stand – so beschrieb Abraham Lincoln einst die politische Situation, die in den USA zum Bürgerkrieg führte. Die gesellschaftliche Polarisierung, die sich an der Frage der Sklaverei entzündete, brachte die amerikanische Gesellschaft schließlich in eine Situation, in der schließlich nur noch die militärische Auseinandersetzung eine Lösung bringen sollte. Lösung – ja und nein. Der Bürgerkrieg schaffte die inhumane Institution der Sklaverei ab und befreite Abertausende aus der Willkür der reichen Plantagenbesitzer des Südens. Auf der anderen Seite, schaut man heuer nach Charlottesville, sind die Tiefenspuren dieses Konflikts immer noch erkenn- und spürbar. Kein Wunder also, dass die Thematik der Sklaverei und des Bürgerkriegs omnipräsent sind in Film und Literatur. So wie in Omar El Akkads „American War“.

Der Journalist El Akkad verbindet die Auseinandersetzung mit einer zerrissenen amerikanischen Gesellschaft mit einem anderen literarischen Trend: der Dystopie. In „American War“ kommt es rund zweihundert Jahre nach dem ersten zu einem zweiten Bürgerkrieg. Wieder geht es Süd gegen Nord, dieses Mal entsteht der Bruder- und Schwesterstreit jedoch nicht über der Frage der Sklaverei, sondern über einer anderen Frage: „The primary cause of the war was Southern resistance to the Sustainable Future Act, a bill prohibiting the use of fossil fuel anywhere in the United States.“ Der Klimawandel treibt die USA in einen neuerlichen Bürgerkrieg – das mag man gelungen finden oder nicht; tatsächlich spielt die Frage, warum der Konflikt ausgebrochen ist, gar keine entscheidende Rolle. Viel mehr erzählt „American War“ davon, wie das Individuum von Gesellschaften verheert wird, durch die tiefe Risse verlaufen.

I am, after all, a Southerner by birth.

Ganz zu Anfang bekommt der Leser eine Karte an die Hand, die die politische Situation in der zweiten Hälfte des 21. Jahrhunderts in den USA skizziert: Die Kernstaaten des alten Südens haben sich mal wieder aus der Union verabschiedet und zu den „Free Southern States“ zusammengeschlossen. Gleichzeitig hat einige Teile des Südens ein Virus befallen, der die Befallenen abschlafft und antriebslos macht. Mexiko hingegen nutzt die Gunst der Stunde und besetzt Kalifornien und die umliegenden Staaten, während sich die Gringos die Köpfe eingeschlagen. Eine merkwürdige Gemengelage hat sich El Akkad für seine Dystopie ausgedacht, die unausgegoren wirkt. Was der mysteriöse Virus der Geschichte an Mehrwert bringt, wird bis zum Ende nicht ganz klar. Auch die anderen Konfliktherde mit Mexiko bringen zwar die Handlung voran, wirken aber willkürlich.

This isn’t a story about war. It’s about ruin.

Hat man sich erst mal in dieser Welt zurechtgefunden, begegnet man einem zu diesem Zeitpunkt noch unklaren Ich-Erzähler, der sich später als Benjamin Chestnut herausstellen soll. Dieser schaut zu Anfang der Geschichte im Rückblick auf sein Leben zurück: „Having spent most of my life studying the history of war, I found some sense of balance in collecting snapshots of the world that was, idealized and serene.“ Er wird längere Strecken des Romans keine Rolle spielen, macht aber zu Anfang deutlich, dass der zweite Bürgerkrieg aus diesem Rückblick selbst schon wieder Teil des kollektiven Gedächtnis ist und somit zurückliegt: „I BELONG TO WHAT they call the Miraculous Generation: those born in the years between the start of the Second American Civil War in 2074 and its end in 2095.“

„I wanted to be something […] I just wanted to be something.“

Denn eigentlich folgt „American War“ der Geschichte von Sarat, Benjamins Tante, deren Geschichte vom sechsten Lebensjahr bis ins späte Erwachsenenalter erzählt wird. Sarat wächst mit ihrer Familie an der Küste von Louisiana auf, die, vom Klimawandel gebeutelt, ein besonders lebensfeindliches und rechtloses Leben verspricht. Als schließlich Sarats Vater durch einen Anschlag getötet wird, fasst sich Martina, Sarats Mutter, ein Herz, flüchtet mit ihren beiden Töchtern ins Inland und landet schließlich mit ihnen in „Camp Patience“, einem Lager für Geflüchtete. Patience – Geduld, Sarat wird sie brauchen, denn sie wird die nächsten Jahre in diesem unwirtlichen Ort verbringen. „American War“ erzählt anhand von Sarats Leben eine Geschichte von aufkeimender Hoffnung, Freundschaft und Abenteuer, bis schließlich alles zunichte gemacht werden soll: Eine durchgedrehte Miliz von Nordstaatlern massakriert eines Tages einen Großteil der Geflüchtete.

„The guns are ours but the blood is yours.“

Für Sarat ist das der Einstieg in die Radikalisierung. Sie wird eine Kämpferin in den Reihen der südlichen Rebellen, erschießt einen hochrangigen General der US-Streitkräfte und wird schließlich als Heldin verehrt: „They’ll remember you forever, they told her. When this is over they’ll build cities in your name.“ Für sie bedeutet das freilich kein Leben in Glorie, denn sie kämpft für eine verlorene Sache: „She knew he had become a soldier not in service of God or Country, but Escape […]“ Die Südstaaten sind ein verwüsteter Landstrich, der eine verbitterte und gereizte Bevölkerung beherbergt. Erst eine Generation später, auch in Form von Benjamin, keimt wieder so etwas wie Hoffnung auf: „‚It’ll be better than that. Bones that set right grow back stronger.‘“

„They’re not my people,‘ said Attic. ‚They’re terrorists.“

So klein wie die Welt in „American War“ manchmal scheint, so groß sind die Fässer, die es aufmacht. El Akkad möchte nicht nur die Geschichte einer zerrissenen Gesellschaft erzählen, was Anspruch genug wäre, sondern gleichzeitig auch noch vor den Auswüchsen des Klimawandel warnen und nebenher den Aufstieg und Fall von Imperien skizzieren. Das kann nur schiefgehen. El Akkad versteht es zwar, Figuren glaubwürdige psychologische Tiefe zu geben und den Leser für ihr Schicksal zu interessieren. Der Rahmen, den er dafür aufspannt, das dystopische Szenario eines zweiten Bürgerkriegs, wirkt jedoch ungelenk, unbeholfen und irgendwie: egal.

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