open mike 2015, Tag 1: Workshop und Ernteabend

Debütlesung

Erstes Kennenlernen, erste Auseinandersetzung mit der Literatur und dem Schreiben

Bereits einen Tag bevor das Wettlesen des diesjährigen open mikes begann, hatten die zwanzig Finalisten die Möglichkeit, sich beim Autorenworkshop zum Thema „Literarische Tradtitionen“ mit der Konkurrenz und der Umgebung des Heimathafens vertraut zu machen. Die vier verschiedenen Arbeitsgruppen, die von den hochkarätigen Tutoren Kathrin Röggla, Kerstin Hensel, David Wagner und Ferdinand Schmat geleitet wurden, stellten verschiedene Fragen:  Wie tagesaktuell, gesellschaftskritisch und politisch muss Literatur sein? Wie soll man als Autor seinen Text im Rahmen einer Lesung am besten vortragen? Welche perspektivischen Erzählmöglichkeiten hat ein literarischer Text und welche Perspektiven darf der Autor überhaupt einnehmen einnehmen? Und wie relevant sind heute avantgardistische Kunst- und Literaturkonzepte im Speziellen?

Die Ernte der vergangenen Jahre: die Debütlesung ehemaliger open mike-Kandidaten

Begleitet von ihren Lektoren stellten drei ehemalige open mike-Teilnehmer ihre Debüts vor und zeigten damit, wohin die Wettbewerbsteilnahme führen kann. Juan S. Guse veröffentlichte kürzlich seinen Roman Lärm und Wälder im S. Fischer Verlag, eine Familiengeschichte, die sich in einer dystopisch anmutenden Gated Community namens Nordelta zuträgt. Der Gewinner des open mike 2012 las die Exposition und eine frühe Passage, welche die Atmosphäre und die Grenze zwischen ‚Innen‘ und ‚Außen‘ eindrücklich schilderten und Lust auf mehr machten. Guses Absicht hinter dem Roman, der übrigens in seiner publizierten Form auch noch den beim open mike gelesenen Teil beinhaltet, war es, „die verschiedenen Skalierungen von Kontrollmechanismen durchzudeklinieren“.

Carolin Callies, die 2009 am open mike teilnahm, schreibt über einen Zeitraum von zehn Jahren an den Gedichten, die sie nun in ihrem Lyrikband fünf sinne & nur ein besteckkasten versammelt. Das Bildreservoir schöpft Callies, die nicht nur im Schöffling Verlag unter der Aufsicht von Klaus Schöffling publizierte, sondern auch eben dort arbeitet, aus dem Körperlichen. Nicht umsonst hätte der Titel der Sammlung auch „Handbuch der Versehrten“ lauten können, so die Dichterin selbst. Hautschuppen, Schorfwunden, Schleim und Eiter, all diese vermeintlich Ekel auslösenden Körperabsonderungen wirken, wenn die ehemalige open mike Finalistin sie liest, blumig und ansprechend.

Zu den Siegern des 20. open mikes im Jahr 2012 gehörte neben Juan S. Guse auch Sandra Gugic, die bereits im Januar diesen Jahres ihren Debütroman Astronauten im C.H. Beck Verlag publizierte. Aus sechs verschiedenen Ich-Perspektiven schildert Gugic die Leben und Geschichten der Figuren in einer namenlosen, collagierten Großstadt. Manche der Charaktere kennen sich bereits, andere treffen im Verlauf der Handlung aufeinander. Auf die Frage, wie es zu der Sechsteilung der Erzählstimme kam, obwohl sie zunächst mit einer einzelnen Figur zu schreiben begann, antwortet Gugic: „Ich wollte einfach im Kern etwas erzählen, was nicht unbedingt in der groben Struktur liegt, sondern dazwischen, und das ist dichter und verständlicher für mich geworden, dadurch, dass ich die anderen Figuren habe sprechen lassen.“

Mehr Informationen zur „Debüternte“ und Tonmitschnitte des Abends finden sich auf dem offiziellen open mike Blog hier.