open mike 2016: Die junge Literatur kapert den Heimathafen

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Einmal im Jahr verwandelt sich der Neuköllner Heimathafen von einem Veranstaltungssaal für Kiez-Comedy, Konzerte und Kleinkunst zur Weihestätte der jungen deutschsprachigen Gegenwartsliteratur. An einem kalten Novemberwochenende versammelte sich die Berliner Literaturszene und vollzog den 24. open mike. Neben dem Klagenfurter Ingeborg Bachmann-Preis kann sich der open mike selbstbewusst als der wichtigste Literaturwettbewerb verstehen, für die Veranstalter war es das erste Mal unter dem neuen Namen „Haus der Poesie“. Während die Jury wohl lange nicht mehr so namhaft besetzt war, musste der Zuhörer bei den gelesenen Texten dieses Jahr viel Mittelmaß über sich ergehen lassen. Gewinner wurden trotzdem gekürt: Was sagen sie über den Zustand der jungen Gegenwartsliteratur aus?

Erfolgreiche Wettbewerbe zeichnen sich dadurch aus, dass sie gewisse Rituale und Abläufe ehren und beibehalten. Auch beim 24. Mal war beim open mike vieles beim Alten: das Publikum angenehm jung, die Schreibschulendichte hoch und die stickige Luft im Heimathafen versetzt einen nach einer Weile immer noch in diesen angenehmen Zustand der Halbschläfrigkeit. Gleiches gilt für den Ablauf; 22 Auserwählte lesen auf zwei Tage verteilt, hintereinander, mit kurzen Pausen. Wie immer könnte man diskutieren, ob dem Wettbewerb mehr Diskussion nicht guttun würde. Keine Streitereien oder Skandale wie beim Bachmann-Preis, stattdessen eine mönchisch-schweigende Jury (in diesem Jahr bestehend aus Inger-Maria Mahlke, Lutz Seiler und Sasa Stanisic), die sich in ihr Refugium zurückzieht, bis es heißt: Habemus victorem. Als in diesem Jahr weißer Rauch ausstieg, hießen die Gewinner: Sandra Burkhard, Thilo Dierkes und Benjamin Quaderer, die Gunst des taz-Publikums gewann Rudi Nuss.

Gibt es etwas Verbindendes in den Texten? Zumindest bei Quaderer und Nuss ließe sich konstatieren, dass sie verstanden haben, dass man dem Zuhörer in der kurzen Präsentationszeit einen Köder auswerfen sollte. In Rudi Nuss‘ „kurze Szenerie mit Loch“ ist dieser Köder ein riesiges Loch, das in der Schleswig-Holsteiner Einöde auftaucht und alles auf den Kopf stellt. Bei Quaderer muss man auf den Twist schon bis zum Ende des Textes warten, als sich die ersten Momente eines jungen Lebens, von dem das Baby als Ich-Erzähler selbst kundtut, in eine verhinderte Familienmordgeschichte wandeln.

Für Quaderer wurde schon während des Wettbewerbs in den Kanälen der sozialen Medien ordentlich getrommelt. Ob das die Entscheidung der Jury beeinflusst hat, ist fraglich, dennoch zeigt sich für die Eigendynamik eines solchen Wettbewerbs: ein Hildesheimer kommt selten allein. Unbegründet ist die Begeisterung um ihn nicht, „Für immer die Alpen“ überzeugt nicht nur durch eine originelle Idee, sondern vor allem durch die durchdachte und gelungene Umsetzung der erzählerischen Konsequenzen, die aus der Neugeborenen-Perspektive erwachsen. Das asymmetrische Machtverhältnis zwischen Erwachsenen und dem vermeintlich wehrlosen Kind wird durch einen erzählerischen Wissensvorsprung wett gemacht: „Die Hebamme lächelte wissend. Wie recht sie mit ihrer Voraussage haben würde, sollte sie nicht miterleben. Drei Jahre nach meiner Geburt kam sie bei einem Skiunfall in den Schweizer Alpen ums Leben.“ Dabei ist Quaderers Text nicht ohne Mängel, anstatt den Leser subtil auf eine Spur zu lenken, benennt „Für immer die Alpen“ das, was eigentlich Andeutung bleiben sollte: „Es war wie in Platons Höhlengleichnis.“

Und in diesem Fenster, diesem hier, klingelt die kalte Luft
an den kurzen Tagen, wenn es der Nordwind trifft.
Durch jenes zu steigen, das siebte von Links,
lenkte mich Francesco, lenkte meinen stolzen Schritt
in die neue Jahreszeit, die Jahr für Jahr
mich hineinkühlt in diese antiken Seiten.

Da sich das Haus der Poesie der Lyrik verschrieben hat, ist einer der drei Preise per Quote einem Lyriker zugesichert. In diesem Jahr hieß die Preisträgerin Sandra Burkhardt, die ihren Gedichten klassischerweise Petrarca voranstellt. In der Laudatio von Inger-Maria Mahlke heißt es dazu: „Formbewusst, sicher im Sprachgebrauch und mit großer Leichtigkeit gelingt es den Gedichten Sandra Burkhardts dem hohen Ton Petrarcas das Eigene abzulauschen und es zu beleuchten mit der Intimität des eigenen Leselichts.“ Die Lyrik Burkhardts ist nicht nur unter dem eigenen Leselicht entstanden, sondern sollte auch unter eben jenem gelesen werden, ihr uninspirierter Vortrag war zumindest keine Werbung für den eigenen Text als öffentliches Ereignis. Doch Mahlke hat Recht; hier wird Petrarca der hohe Ton abgerungen, nur um dann mit einem „Törö!“ in die Verse zu trompeten. Solch ein gewollt-bräsiger Bruch in die feingliedrige Lyrik einzuschlagen, ist fast schon wieder zu charmant, um Burkhardt den Preis nicht zu gönnen.

Thilo Dierkes Text „Von Ajaccio her“ ist unter den drei prämierten Prosatexten sicherlich der ungewöhnlichste. Wiederum Inger-Maria Mahlke über Dierke: ein Text, „der durch subtilen Humor auffällt, der Lob als subversives Verfahren einführt und der mit einer beeindruckender Souveränität kleinstädtischen Stadtgarten, Landser und Napoleon zu verbinden weiß.“ Die titelgebende Geburtsstadt löst im Text eine Reflexion über das aus, was einen im Leben antreibt, wohin die Kräfte des einzelnen streben und vor allem, was uns alle verbindet: „Wir haben uns daran gewöhnt. Letztlich kann einem das Sterben egal sein: Ob man jetzt Leinen, schmeichelnden Stoff oder robuste Jeans trägt, am Ende ist die Hose vollgeschissen.“ Man könnte Dierkes Text auch als Kommentar auf die immer wieder kritisierte Ich-Fixierung der open mike-Autoren lesen: Während oft bemängelt wird, dass die jungen Autoren nur ihr eigenen Erfahrungshorizont in Literatur gießen, hat Dierkes Ich-Erzähler zweihundert Jahre vor Augen.

Und was sagen diese Texte nun über den Zustand der Literatur aus? Nichts. Natürlich ist es Quatsch, vom open mike zu verlangen, die junge Gegenwartsliteratur in Gänze abzubilden, dafür ist die Auswahl der Texte zu sehr von den einzelnen Entscheidungen der Lektoren abhängig. Aber gerade durch die hohe Dichte der Schreibschüler bekommt man bei der Durchsicht der 22 Texte einen guten Eindruck davon, was in den Schreibstuben der jungen Literaten zusammengekocht wird. In diesem Jahr muss man sagen: Eine schlechte bis mittelmäßige Gesamtauswahl, gute Gewinner. Dass zwei von vier Preisträgern aus den Abrichtungsstätten der Literaturinstitute stammen, wird den Kritikern wieder Wind in die Segel pusten, aber wer will es herangehenden Autoren schon verübeln, das gute Netzwerk dieser Einrichtungen für sich zu nutzen? Den open mike-Wettbewerb kümmert es eh nicht, er bleibt eine alljährlich gemütliche, etwas stickige, schöne Tradition des deutschen Literaturbetriebs. Und wenn die Gewinner am Ball bleiben, ist die hiesige Literatur um innovative und sehr begabte Stimmen reicher.


Livekritiken zu allen Finaltexten gibt es auf dem offiziellen Blog des open mike.

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