Opfer und Täter: Ilija Trojanows „Macht und Widerstand“

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Zuschauer der ersten Neuauflage des Literarischen Quartetts am 2. Oktober wohnten dem Verriss von Ilija Trojanows Roman „Macht und Widerstand“ bei, der von Juli Zeh in die Sendung mitgebracht wurde und dieses Jahr auf der Longlist des deutschen Buchpreises steht. Bis auf Zeh, die wohlbemerkt bereits mit Trojanow zusammen arbeitete und befreundet ist, waren sich alle einig: der neue Roman von Trojanow sei unzugänglich, langweilig und zeige keine Entwicklung auf Handlungs- oder Figurenebene, „Macht und Widerstand“ sei kein lesenswertes Buch. Stimmt das?

Erzählt wird die Geschichte Bulgariens als Satellitenstaat der UdSSR in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts anhand zweier Figuren, dem parteitreuen Staatssicherheitsbeamten Metodi Popow und dem anarchistischen Regierungsgegner Konstantin Milew Scheitanow.

Er erkundigt sich nach meinem Leben wie nach einem Fußballergebnis. „Gefängnis, Lager, Gefängnis, Irrenanstalt, Gefängnis, Lager, Universität, Schwerstarbeit auf dem Bau. Und bei dir?“

Die den Figuren zugeschriebenen Kapitel erzählen jeweils aus einer Ich-Perspektive aus der Zeit um die Jahrtausendwende. Der 1933 geborene Konstantin, der in ärmlichen Verhältnissen lebt, verbringt fast jeden Tag im Staatsarchiv, um nach Akten zu seiner Person und seinem Fall zu suchen. Er verbrachte nahezu sein ganzes Leben in Gefangenschaft, nachdem er 1953 einer Stalin-Statue in einem öffentlichen Park den Kopf absprengte. Konstantins Ziel ist es, Beweismittel zu finden, um einen Prozess gegen die ehemalige Staatssicherheit führen zu können.
Metodi hingegen, der als anerkannter Parteipolitiker agiert und mit seiner Frau Albena finanziell gut gestellt seinen Lebensabend in Wohlstand verbringt, wird mit der Vergangenheit konfrontiert, als eine Frau vor ihm steht, die ihm verkündet, sie sei seine Tochter. Schnell wird klar: da sich Nezabrawkas Mutter in einem Frauenlager befand, muss sie im Zuge einer Vergewaltigung entstanden sein. Metodi versucht die Frau zunächst abzuwimmeln, findet dann aber doch zu ihr.

Die Schicksale der beiden sind, so erfährt man zu Beginn des Romans, bereits seit ihrer Schulzeit miteinander verwoben. Konstantin und Metodi begegnen sich in der erzählten Jetzt-Zeit nicht – gesellschaftlich könnten sie nicht entfernter voneinander stehen –, doch immer wieder hört der eine vom anderen, in den Archivakten, die Konstantin findet, liest er Metodis Namen.
Beide sind Gegenspieler, die Trojanow antithetisch agieren lässt. Ying-Yang-artig bedingen sich beide im Roman durch ihre Gegensätzlichkeit. Es wirkt zeitweise plakativ, wie deutlich die Opposition herausgestellt wird: erzählt das erste Kapitel von der Armut Konstantins, beschreibt das Folgende den Luxus, in dem Metodi lebt. Auf ein Kapitel, das von den Schrecken und Qualen der Lager, die Konstantin erdulden muss erzählt, folgt ein Metodi-Kapitel, in dem rauschende Feste gefeiert werden.

Was wir taten, musste getan werden. Ganz einfach: Wer nicht zum Volk gehören will, der darf sich nicht wundern, wenn er zum Wohle des Volkes geopfert wird.

Die wohl wichtigste Opposition, in der sich Metodi und Konstantin befinden, ist ihr Verhältnis zur Vergangenheit. Während Konstantin bewusst im „Gestern“ lebt, Tag für Tag in den Akten des Archivs nach Beweisen für die Anklage sucht und über Protokolle von Spitzeln stolpert, zu denen Freunde und Verwandte zählen, leugnet Metodi seine Vergangenheit in der Konfrontation mit Nezabrawka. Beide scheinen traumatisiert: Konstantin, der personifizierte „Widerstand“, wird immer wieder im Erzählfluss unvermittelt zurückgeworfen, durchlebt seine albtraumhaften Erinnerungen, Metodi, die „Macht“-Figur, kann sich an seine Taten gar nicht erst erinnern.
Und auch im Erzählton zeigen die Kapitel von Konstantin und Metodi die gegensätzliche Grundstruktur des Romans. Konstantin drückt sich als Ich sowohl in seinen Monologen als auch in den geführten Dialogen gewählt aus, Metodi hingegen flucht, sein Ton ist umgangssprachlich.

Am Ende wird der Zar zum neuen Ministerpräsidenten gewählt, der die Archive schließen lässt. Metodi stirbt „nach kurzer schwerer Krankheit“ unverurteilt. Am Ende steht: „Es hat sich gelohnt.“ Lohnt die Lektüre von Macht und Widerstand? Kommt auf die Erwartungshaltung an, die man an Trojanows Roman hat.

Die Lektüre der knapp fünfhundert Seiten ist sperrig. Der Leser hat es nicht mit einem durchgängigen, den Roman überspannenden Plot zutun, sondern, wie Maxim Biller im Literarischen Quartett richtig bemerkte, mit einer Montage. Es ist wichtig, sich zu vergegenwärtigen, dass Trojanows Macht und Widerstand „nach jahrelangen Recherchen und Gesprächen mit Zeitzeugen und unter Verwendung originaler Dokumente der bulgarischen Staatssicherheit“ [so der Kappentext auf dem Schutzumschlag] entstand und der Text so einen starken, inhaltlichen Bezug zur historischen Realität in sich birgt. Wer sich nicht mit bulgarischer Polit-Geschichte zwischen 1945 und 1990 auskennt, der wird sich an manchen Stellen verlieren in den Namen und den damit verbundenen Machtstrukturen, die hintergründig miterzählt werden. Einen Anhang oder eine Erklärung, wie sie Westermann im Literarischen Quartett forderte, braucht dieser Roman jedoch nicht. Er funktioniert trotzdem.

So viel Leid, wie kann es sein, dass niemand darüber schreibt?

Das nebenstehende Zitat aus dem Roman verdeutlicht, worum es dem Autor von Macht und Widerstand geht. Trojanow will für ein Thema Aufmerksamkeit schaffen, das im deutschen Gesellschaftsdiskurs nicht präsent ist: die Geschichte Bulgariens, in der die Vergangenheit nicht so aufgearbeitet wurde wie in der DDR. Während noch heute jeder seine Stasi-Akten in Berlin einsehen kann, erfährt Konstantin auch nach dem Ende der Sowjetherrschaft die Zensur des Systems. Ihm werden nicht alle Schriftstücke zugänglich gemacht, immer wieder wird etwas zurückgehalten, was dann eventuell doch später auftaucht.

Trojanows Anliegen ist sicherlich begründet, der Roman selbst ächtzt jedoch unter dem Anspruch, den sein Autor an ihn stellt. Macht und Widerstand wirkt nicht zuletzt wegen der gegensätzlichen Grundstruktur ungemein konstruiert. Wer sich bewusst mit der menschlichen Seite einer Dikatur, den psychologischen Folgen oder Erinnerungskonzepten beschäftigen möchte, der sollte sich trotzdem heranwagen.

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