Oskar Panizzas „Menschenfabrik“: What would Hegel do?

Wenn es eine Mauer gab, Oskar Panizza ist kopfvorwärts in sie hineingelaufen. Der große Solitär der deutschsprachigen Literatur legte sich sympathischerweise mit den größten Autoritäten seiner Zeit an, was ihm Gefängniszeit und mehrere Exile einbrachte. Aus Bayern stammend kam Panizza in seinem Leben nirgendwo so richtig an, auch nicht im Kanon der deutschen Klassiker. Er blieb im Leben und in der Literatur Exot. Dass er endlich dem Status des Geheimtipps entrissen wird, dazu könnten auch Publikationen wie jene bei HoCa beitragen, so unsystematisch, willkürlich und kontextlos sie auch daherkommen mag. Dort ist nun nämlich Panizzas Erzählung „Die Menschenfabrik“ (entnommen aus dem Band „Dämmerungsstücke“) erschienen.

„Gäbe es das Ende nicht, den Schluss dieser phantastischen Erzählung, der eine Pointe liefern soll, das alter dieses Textes ließe sich schwer nur schätzen.“ So behauptet Joachim Bessing, der das schmale Bändchen mit einem Vorwort noch etwas aufpolstert. Literatur wird schon länger in der Währung „Aktualität“ bemessen und da ist Die Menschenfabrik keine Ausnahme. Tatsächlich durchzieht diesen Text quer das Schockerlebnis der Moderne, ein Erlebnis, das der heutigen Digitalmoderne nicht fremd ist.

„‚Was ist das wohl für ein Haus?‘ – ‚Eine Menschenfabrik.'“

Zum Schockerlebnis gehört die Desorientierung, die im Text schon propleptisch einsetzt, als der Ich-Erzähler von seiner Wanderschaft erzählt: „Es war im östlichen Teile Mittel-Deutschlands, und ich weiß wahrhaftig nicht mehr, in welcher Provinz oder in der Nähe welcher größeren Stadt […]“. An dieser Exposition ist zweierlei interessant: Sie ruft die traditionsreiche, gerade in Deutschland, Referenz der Wanderschaftsliteratur auf und zerrupft sie gleichzeitig, denn diese aufgerufene Reise hat weder Startpunkt noch Ziel, sondern ist narrativ aus den Zusammenhängen gerissen.

Dass die Provinz oder in der Nähe liegende Stadt nicht genannt wird, folgt auch der Dramaturgie der Erzählung, die auf die im Bessing-Zitat schon aufgerufene Pointe zuläuft. Diese soll weder an dieser, noch an anderer Stelle vorweggenommen werden, denn sie zählt vermutlich zu einen der lustigsten Twists der deutschsprachigen Literatur. Aber die Desorientierung des Ich-Erzählers führt auf der Handlungsebene erst mal dazu, dass er durch die Nacht tapert und verzweifelt nach einem Schlafquartier sucht. Da baut sich vor ihm ein seltsames Gebäude auf: „Hinter-Bauten, Remisen, Maschinen-Häuser, Schornsteine, kurz, eine weitläufige, offenbar industrielle Anlage.“

Bin ich zu weit ostwärts gekommen in eine orientalische Zauberküche?

Drinnen begrüßt ihn der Fabrikleiter, womit die Erzählung in die entscheidende Phase eintritt. Es entspinnt sich ein Gespräch zwischen Erzähler und Fabrikant über den schauderhaften Nutzen der Fabrik. Die Hoffnung, dass die Menschenfabrik grammatikalisch einen Ort beschreibt, in dem Menschen eine Fabrik betreiben, wird unverblümt zerstört: „‚Wir machen Menschen, wie man Brot macht.'“ Es werden im großen Stile lebendige Menschenpuppen aus Porzellan produziert, dem Kundenwunsch angepasst. Panizzas Erzählung reflektiert diese Unglaublichkeit auf der Ebene der Erzähleräußerung: „Wir hören, sehen oder lesen im Leben oft viel sonderbarere Dinge, als die obige Antwort anzudeuten scheint, ohne gleich davonzulaufen oder das Buch zuzuschlagen.“

Man weiß gar nicht, was ungeheuerlicher ist: die Tatsache der Menschenfabrik oder dass der Text die Tatsache schon für einen der weniger aufsehenerregenden Dinge hält, die einem so in der Literatur begnegnen. Die Positionen, die im Gespräch zwischen beiden ausgehandelt werden, sind schnell skizziert: „‚Was ist Ihr Ziel? – Ein Umsturz der gegenwärtigen Gesellschafts-Ordnung!‘ vs. ‚Wir wollten nur einige Verbesserungen anbringen!'“ Während der Ich-Erzähler glaubt, einem Vorgang Zeuge geworden zu sein, der die Weltordnung auf den Kopf stellen würde, sehen sich die Menschenfabrikanten nur im Sinne des Marktes handeln.

‚Was würde Hegel dazu sagen?!‘

Das Erstaunliche an Die Menschenfabrik ist nicht die literarische Qualität, die sie zweifelsohne besitzt, sondern eher daran, dass in ihr schon alle Konfliktlinien angelegt sind, die die Moderne seit ihrem Anbruch verfolgen sollten. An diesem Punkt wird dann auch Aktualität zu Zeitlosigkeit, denn die Frage danach, was Fortschritt ist und nach welchen Maximen Gesellschaften ihn gestalten wollen, ist vielleicht eine der grundlegenden Fragen der Menschheit. Dass die Erzählung dann auch noch aktuelle Diskurse wie den um den Transhumanismus berührt, ist zwar eine interessante Begleiterscheinung, aber für die Rezeption des Texts nicht zentral.

Endlich aus der Fabrik entkommen, merkt der Erzähler – so viel sei verraten –, dass vielleicht doch nicht alles so war, wie es schien. Diese Offenheit und Ambivalenz ist es, die den wahren Schrecken Oskar Panizzas Erzählung ausmacht: Denn was wäre eigentlich, wenn der Ich-Erzähler anfangs richtig verstanden hätte und er in eine Fabrik geraten wäre, in der Menschen arbeiten? Die Arbeitswelten, die der moderne Kapitalismus geschaffen hat, stehen den Alptraumszenarien einer transhumanistischen Gesellschaft in nichts nach.


Wir danken HoCa für das Rezensionsexemplar.